VfL Wolfsburg

Völlig verfahren

Von Christian Otto, Wolfsburg
10.12.2016
, 12:30
Beim VfL Wolfsburg und VW steht das Produkt Bundesliga-Fußball auf dem Prüfstand. Einer der teuersten Spieler hat sich zur unerwünschten Person entwickelt. Auch Manager Allofs hat Fehler gemacht.

Natürlich blieb auch dieser harmonische Tag, den er sich im Kreis der Familie gewünscht hatte, von Sorgen getrübt. Die Hektik im bezahlten Fußball ist gnadenlos - und so waren auch die Umstände rund um den Geburtstag von Klaus Allofs, der am Montag 60 Jahre alt geworden ist. Der sonst so souveräne Geschäftsführer des VfL Wolfsburg wirkt in diesen Tagen verärgert bis verunsichert. Mitten in der Krise eines Fußball-Bundesligaklubs, der vom Volkswagen-Konzerns gesteuert und deshalb oft besonders kritisch betrachtet wird, gerät auch Allofs in Not. „Ich mache mir Sorgen“, gesteht er. Und fügt hinzu: „Wir müssen vorsichtig sein.“

In Wolfsburg steht ein Gesamtprojekt auf dem Prüfstand. Der Gedanke, dass es ihm grundlegend entgleiten könnte, wird dem selbstbewussten und erfolgsverwöhnten Allofs fremd vorkommen.

„Auf dem Weg zum Chaos-Klub“

An der Westseite des schönen Stadions am Mittellandkanal, das meistens mit grünen Farbtönen beleuchtet wird, treffen sich in der Regel besondere Zuschauer. Sie sind geladene Gäste und VW-Geschäftspartner, die vor Heimspielen gut gelaunt in Empfang genommen und danach am besten mit einem guten Gefühl wieder verabschiedet werden sollen. Das Ziel, mit schönen Spielen des VfL auch Gutes für VW zu vollbringen, wird in dieser Saison bisher grundlegend verfehlt.

Die jüngste 2:3-Heimniederlage gegen Hertha BSC Berlin war auch noch von besonderen Zerwürfnissen begleitet. Julian Draxler, in der Theorie einer der besten deutschen Mittelfeldspieler, ist in Wolfsburg praktisch unten durch. Die Zuschauer pfeifen ihn aus. Cheftrainer Valérien Ismaël hat laut und deutlich gesagt, dass er ausgerechnet auf den teuersten Einkauf in der Geschichte des VfL Wolfsburg verzichten kann. „Auf dem Weg zum Chaos-Klub“ - diese herbe Überschrift hat selbst die „Wolfsburger Allgemeine“ gerade für einen Verein gewählt, um den sie sich als engagierte Tageszeitung vor Ort sonst meistens sehr liebevoll kümmert.

Alles wird in Frage gestellt

Das große Durcheinander, das in Wolfsburg entstanden ist, hat nicht nur mit Formschwächen und Niederlagen zu tun. Auf der Haupttribüne und am Eingang vor dem VIP-Bereich tauschen sich auch die Entscheider von VW immer kritischer darüber aus, wohin die Reise gehen soll. Angesichts der Folgen der Abgasaffäre, die den VW-Konzern grundlegend erschüttert, wird derzeit vom Benziner-Motor bis zum eben noch unantastbaren Allofs alles in Frage gestellt.

Die Diskussionen darüber, ob aus dem VfL Wolfsburg statt eines Vereins mit hohen Zielen und teuren Stars nicht besser ein herkömmlicher Klub mit eigenen aufstrebenden Talenten werden sollte, werden immer konkreter. Beschlossen ist noch nichts. Aber trotz einer merkwürdigen Rückendeckung, die Allofs zuletzt vom Aufsichtsrat der VfL Wolfsburg Fußball GmbH erhalten hat, rückt der drohende Sparkurs immer näher.

Ist Allofs dann der richtige Mann für den Job? Hat er überhaupt noch Lust, wenn das Budget schrumpft? Dass es nicht mehr gelingt, solche böse Fragestellungen im Keim zu ersticken, gewährt tiefe Einblicke in eine verfahrene Situation.

Spannungsfeld im Schatten der VW-Krise

Die Führung von VW hat angekündigt, in Deutschland bis zu 23.000 Arbeitsplätze streichen zu wollen, um Kosten zu sparen und wettbewerbsfähiger zu werden. Beim VfL Wolfsburg entwickelt sich unterdessen mit Draxler ein Arbeitnehmer zur unerwünschten Person, für dessen Wechsel ins Niedersächsische immerhin rund 36 Millionen Euro bezahlt worden sind.

Aus diesem Spannungsfeld leitet sich ab, was Allofs zu bewältigen hat. Im Schatten der VW-Krise gewinnt die sportliche Misere des VfL an Wucht. Das heimische Publikum pfeift auf Draxler, weil der im Sommer verlauten ließ, dass er Wolfsburg möglichst schnell wieder verlassen möchte. Entschuldigt hat sich der 23-Jährige für diesen Mangel an Identifikation bis heute nicht. Aus dem anhaltenden Fernweh, das den Nationalspieler trotz eines lukrativen Fünfjahresvertrags plagt, macht er kein Geheimnis. Um eine solch zentrale Personalie herum ein harmonisches und besser funktionierendes Team zu bilden, klingt für die sportliche Leitung nach einer nahezu unlösbaren Aufgabe.

Die meisten Gratulationen, die zu Ehren des Geburtstagskindes Allofs verfasst worden sind, haben auch dessen bisherige vier Jahre in Wolfsburg beleuchtet. Zu würdigen bleibt, dass er an der Seite des Mitte Oktober entlassenen Cheftrainers Dieter Hecking sehr viel erreicht hat. Das Duo hatte den Verein innerhalb kurzer Zeit sympathischer und zum Jäger des FC Bayern München sowie zum Pokalsieger gemacht.

Beim Versuch, einen solch schnellen Erfolg zu wiederholen, sind jedoch vor allem Allofs Fehler unterlaufen. Seine Versuche, den Verkauf des alles überragenden Kevin De Bruyne an Manchester City zu kompensieren, sind fehlgeschlagen. Namhafte Zugänge wie André Schürrle und Max Kruse konnten nicht integriert werden. Das Vorhaben, den Spielerkader in der Breite besser zu machen, ist misslungen. Hinterher ist man immer schlauer. Aber an Draxler festzuhalten, obwohl der seine Demission erzwingen wollte, war ein Kardinalfehler.

Wer nimmt Draxler - und zu welchem Preis?

Gute Argumente, um sich für Schlechtes zu rechtfertigen, fehlen Allofs derzeit auf ganzer Linie. Er fühlt sich attackiert, wirkt bei seinen öffentlichen Auftritten wie angezählt und wird jetzt wohl schnell ein Geschäft zu erledigen haben, gegen das er sich bis zuletzt geweigert hat. Für Draxler muss umgehend ein Verein gefunden werden, der ihn nach der Hinrunde kauft und zumindest einen Teil des investierten Geldes zurückspielt.

Für die Position des Cheftrainers bleibt zu klären, wie viele Anläufe Heckings Nachfolger Ismaël noch unternehmen darf, um eine sichtbare Verbesserung herbeizuführen. „Uns fehlen die Leichtigkeit und das Selbstvertrauen“, findet Ismaël, der sich als Cheftrainer um die kleinen Sorgen des Vereins kümmert.

Der Abstiegskampf, in den der VfL mittlerweile verwickelt ist, und die Posse um Draxler sind Themen mit akutem Handlungsbedarf. Im Hintergrund bleibt Allofs mit Fragen beschäftigt, die darüber entscheiden, was Fußball in Wolfsburg auf lange Sicht eigentlich sein soll und kosten darf. Die schwere Last, dass das Grundlegende beim VfL in Frage gestellt wird, ist ihm deutlich anzumerken.

Quelle: F.A.Z.
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