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Robin Dutt im F.A.Z.-Gespräch

„Ich bin kein Ein-Jahres-Trainer“

 - 13:40
Regisseur mit Blick fürs Drehbuch: Robin Duttzur Bildergalerie

Robin Dutt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Leverkusener Verhältnisse, das Vorbild Barcelona und die Gratwanderung mit seiner Philosophie.

Sind Spiele gegen Bayern besonders leicht, weil es nichts zu verlieren gibt oder besonders schwer, weil der Gegner so stark ist?

Im Fußball gibt es immer nur etwas zu gewinnen, nichts zu verlieren, weil einem ja bei einer Niederlage keine Punkte abgezogen werden. Aber gegen die Bayern ist es immer schwer. Ich hoffe aber, dass es auch nicht leicht ist, gegen uns zu spielen.

Haben Sie ein Rezept gegen die Bayern? Richten Sie sich stark nach dem Gegner aus oder wollen Sie, dass Ihr Team sein Spiel durchzieht?

Barcelonas Trainer Guardiola sagt, dass er je nach Stärke des Gegners entscheidet, ob sein Team mit einer Dreier- oder Viererkette spielt. Diese Aussage könnte ja schon verwundern, dass sich die stärkste Mannschaft der Welt nach dem Gegner ausrichtet. Aber der Fußball ist so dynamisch geworden, dass man nicht mehr so arrogant sein darf, den Gegner nicht zu berücksichtigen. Wir berücksichtigen den Gegner so, wie es angemessen ist.

Wie angemessen ist eine besondere Berücksichtigung der derzeitigen Hochform von Franck Ribéry?

Gleichermaßen angemessen wie bei allen anderen Bayern-Spielern. Wäre es mehr, würde das ja bedeuten, dass Bayern nur mit einem guten Ribéry Erfolg haben könnte. Es geht immer im Fußball um gewisse Räume, die von qualitativ guten Spielern genutzt werden. Wenn ich Ribéry aus dem Spiel nehme und dadurch ein Robben, Müller oder Kroos viel Platz hat, dann bringt das nichts.

Wenn man auf die Saison schaut, dann ist sie - an Ihren eigenen Vorgaben gemessen - erst sehr durchwachsen verlaufen und dreht nun auf mittelmäßig.

Wir waren fast nach jedem Spieltag auf einem Europa League Platz, also waren wir - nach meinen Worten - immer durchschnittlich. Dennoch entspricht der aktuelle Tabellenplatz der Regel der letzten zehn Jahre bei Bayer 04. Es gab letztes Jahr einen Ausreißer nach oben und vor einigen Jahren auf Platz neun einen nach unten.

Aber gefühlt ist die Stimmung schlechter als der fünfte Platz, der ja, wie Sie sagen, normal für Leverkusen ist. Was verursacht die große Unruhe?

Wir müssen den Begriff Unruhe splitten. Wenn Sie Teile der Fans meinen, dann unumwunden ja, bis zum Derbysieg gegen Köln herrschte eine große Unruhe, sogar beim 4:1 über Augsburg. Mit dem 2:0 in Köln änderte sich das schlagartig. Intern haben die Spieler, die Verantwortlichen und das Trainerteam immer die Ruhe bewahrt. Dies haben alle Beteiligten auch immer wieder kommuniziert. Es wurde jedoch ignoriert.

Es wird auch verbreitet, dass Sie bei der Mannschaft nicht angekommen sind. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Mannschaft beschreiben?

Es gab am Anfang der Saison einen Gewöhnungsprozess. Doch das ist normal, wenn ein neuer Trainer kommt, der Dinge anders macht als sein Vorgänger - dann wird diskutiert, über Taktik und Fußball. Inzwischen haben wir nicht nur ein gutes Verhältnis, wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Aber natürlich wird ein Ergänzungsspieler auf der Position 17 oder 18 nie ganz zufrieden sein. Ich bin nicht der typische Kumpeltyp. Ich sehe mich eher als der Regisseur, der dafür sorgt, dass die Darsteller das Drehbuch umsetzen. Das machen wir hervorragend, der Film ist spannend.

Ist er auch erfolgreich und gut?

Das werden wir erst sagen können, wenn er fertig gedreht ist. Der Film könnte noch etwas attraktiver werden, aber es wird besser, nachdem ein paar Hauptdarsteller nach Verletzungen wieder mit eingestiegen sind. Vielleicht mussten wir zu lange auf Hauptdarsteller warten wie Renato Augusto.

Wie auch immer: Ausgangspunkt des Problems ist, dass diese Saison schlechter verläuft als die letzte. Woran liegt es? Die Verletzten? Haben Sie etwas probiert, was nicht funktionierte?

Eine Mischung aus allem. Fakt: Wir sind nicht so erfolgreich wie im letzten Jahr, aber so erfolgreich wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Warum? A: Letztes Jahr war eine Ausnahme. B: Weil ein Spieler abgegeben wurde, der an 20 Toren beteiligt war (Vidal). C: Weil wir fünf Knieoperationen im Kader hatten. D: Weil ein komplett anderer Trainertyp kam. Aus dieser Mischung heraus, ergab sich eine ganz schwierige Aufgabenstellung: Verkrafte Deine Abgänge, verkrafte Deine Verletzten und als Verein schaffe den Übergang zu einem neuen Trainertypen. Dafür stehen wir gar nicht so schlecht da.

Wäre es ohne Ballack leichter gewesen?

Es verbietet sich, sich als Mannschaft darüber Gedanken zu machen. Wir sind ein Team, da gehört Michael Ballack dazu. Dieses Team muss die Aufgaben gemeinsam bewältigen.

Was fehlt noch zur allgemeinen Zufriedenheit, woran arbeiten Sie?

An Konstanz und Automatismen. Aber das dauert länger als zum Beispiel in Freiburg, weil wir so oft englische Wochen haben. Normal geht es doch so: Spielen, analysieren, trainieren, spielen. Aber wegen des Zeitmangels lasse ich schon häufiger längere Videositzungen ausfallen, weil die mentale Belastung zu groß wäre und die Regeneration wichtiger ist. Auch muss ich die Trainingsbelastung genau steuern. Aber ich habe auch hier an meinem 50:50-Prinzip festgehalten. 50 Prozent richten sich nach den Erfordernissen des Hier und Jetzt, und 50 Prozent Training sind nach der Mittelfristigkeit ausgelegt.

Was ist unter mittelfristigem Training zu verstehen? Worin unterscheidet es sich vom aktuell ausgerichteten?

Man kann sich zum Beispiel im Training auf zwei, drei offensive Varianten konzentrieren und immer wieder üben, bis sie wirklich sitzen. Das wird gegen 70 Prozent der Mannschaften auch reichen. Aber in einem Spitzenduell, wo Dortmund eben zehn Varianten hat, wird es eng für uns. Zehn Varianten zu trainieren und zu beherrschen und automatisch abzurufen, wenn sie erforderlich sind, das kostet viel mehr Zeit. Also stellt sich die Frage für den Trainer: Konzentrierst du dich auf drei Varianten und holst 70 Prozent der Punkte oder riskierst du eben vielleicht nur 60 Prozent der Punkte zu machen, weißt aber, dass du morgen 90 Prozent holen kannst. Wenn wir ganz nach oben wollen, dann müssen wir das Niveau der Spitze erreichen. Und Dortmund ist uns zwei, drei Jahre voraus . . .

Mit einem Spiel, das kaum auszurechnen ist, weil es viele Spieler mit gleich großen Spielanteilen und so viele Varianten gibt.

Genau. Und Jürgen Klopp begann auch mit einem sechsten Platz. Sein großer Vorteil war, dass Dortmund im Jahr zuvor nur Neunter war und Rang sechs schon als Erfolg gesehen wurde. Du musst dich als Trainer entscheiden: Bist du ein Einjahrestrainer oder einer, der vier fünf Jahre in einem Verein arbeiten möchte. Ich habe für mich festgelegt, ich kann in der Mittelfristigkeit mehr gewinnen, als in der Kurzfristigkeit verlieren. Eine Entlassung im ersten Jahr tut mir weniger weh, als mir ein Erfolg mit Bayer Leverkusen über drei, vier Jahre gut tut. Ich habe in meinen Vereinen immer vier, fünf Jahre lang gearbeitet, hatte aber auch das Glück, immer die aktuellen Erwartungen einigermaßen zu erfüllen. Es ist eine Gratwanderung. Aber den linearen Weg nach oben gibt es für einen Bundesligisten nicht.

Kann man sich im Fußball noch eine Philosophie leisten?

Zumindest die eine: Setze den Wunsch des Vereines um. Aber ich achte natürlich darauf, bevor ich einen Vertrag unterschreibe, dass sich die Wünsche des Klubs einigermaßen mit meinen decken. Es bringt nichts, eine Philosophie in einen Verein bringen zu wollen, ohne dass er dafür bereit ist.

Haben Sie eine Lieblingstaktik oder favorisierte Formation auf dem Spielfeld?

Ich denke, es geht nicht um Positionen im Fußball, sondern um Räume. Spielt es eine Rolle, wer aus acht Metern den Ball über die Linie schießt? Stürmer oder Verteidiger? Messi ist auch nicht der klassische Stoßstürmer. Es kommt immer nur darauf an, wie du diese 60 mal 100 Meter Spielfeld bespielst. Dass Du einen Spielaufbau hast, der deiner Philosophie entspricht. Dortmund kommt mehr über lange Bälle, wir eher über den Flachpass. Die Räume für den Spielaufbau, die Räume für das Kombinationsspiel und die Räume für das Abschlussspiel müssen geschaffen und gut besetzt sein. Wie sich die Spieler dann schimpfen in diesen Räumen - egal. Du kannst mit jedem System dieser Welt Erfolg haben.

Das heißt doch, Spieler nicht nur konditionell, sondern auch geistig vorzubereiten.

Ja, genau. Die Wahrnehmung des Raumes ist die große Herausforderung des Fußballs geworden. Dazu gibt es ein wunderbares Interview mit Xavi, in dem er über dieses Thema spricht, wie Gegner fast manipuliert werden, um Räume zu schaffen. Wir dürfen nicht glauben, dass wir hier in Leverkusen Dinge in einem Jahr hinkriegen, die Barca seinen Spielern über zehn Jahre in der Jugend eingeimpft hat. Viele wollen es nicht wahrhaben. Fußball funktioniert nicht auf Knopfdruck, sondern du musst in die Pedale treten. Und meist ist der schwerste Gang im Fußball eingelegt.

Umso mehr Zeit braucht man, um voranzukommen.

Ja, aber es geschehen doch schon hochspannende Dinge in Leverkusen. Schauen sie sich die Mannschaft an. Beim Abpfiff gegen Augsburg betrug das Durchschnittsalter 22,5 Jahre. Ja, wir wollen noch viel attraktiver Fußball spielen, ja, wir wollen noch erfolgreicher sein. Aber es gibt viele Vereine, die mit unseren Problemen, die wir hatten, schlechtere Ergebnisse erzielt haben. Und wir werden die Früchte ernten.

Das Gespräch führte Peter Heß.

Quelle: F.A.Z.
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