Warnung von Rummenigge

„Das wäre ein Drama“

09.05.2021
, 08:40
Karl-Heinz Rummenigge übt scharfe Kritik am DFB. Dazu mahnt er zur Eile beim Kampf um Hansi Flick als neuen Bundestrainer. Der kann sich irgendwann sogar eine Rückkehr zum FC Bayern vorstellen.

Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu schnellem Handeln in der Causa Hansi Flick geraten. „Hansi ist in Fußball-Europa ein sehr nachgefragter Trainer. Es wäre ein Drama, wenn er ins Ausland oder sonstwohin gehen und nicht beim DFB landen würde“, sagte Rummenigge am Samstag bei Sky und fügte an: „Hansi würde perfekt zum DFB passen. Er kennt den DFB, der DFB kennt ihn.“ Man könne dem DFB nur dringend empfehlen, diese Personalie „schnell mit Okay abzuhaken“, sagte Rummenigge. „Es wäre das erste positive Zeichen, dass der DFB erkannt hat, was auch notwendig ist.“ Offenbar ist dies der Fall. Laut DFB-Vizepräsident Rainer Koch sei man in „guten Gesprächen“ mit Flick.

Bundesliga

Für einen möglichen Wechsel von Flick zum DFB sei „ja alles geregelt“, hatte Rummenigges Nachfolger Oliver Kahn zuvor versichert. „Im Moment“ gebe es für solch einen Fall nach der Auflösung des Vertrags des Bayern-Trainers auch „keine finanzielle Kompensation“ vom DFB. Möglich sei aber weiter ein Spiel zwischen den Bayern und der Nationalmannschaft, dessen Einnahmen an den Klub gehen könnten. „Aber das ist Zukunftsmusik“, sagte Kahn. Flick hatte zuvor bestritten, dass seine Zukunft beim DFB bereits geklärt sei. „Nein, nein“, sagte er bei Sky auf eine Frage dazu.

Flick deutete nach dem 6:0 der Bayern gegen Borussia Mönchengladbach auch an, dass der DFB nicht der einzige Ansprechpartner bei der Frage nach seiner Zukunft sein muss. „Ich habe Lust, weiter Trainer zu sein und mit einer Mannschaft zusammenzuarbeiten, die in der Lage ist, Titel zu gewinnen. Das macht wahnsinnig viel Spaß. Es ist meine absolute Überlegung, dass ich einen Verein oder ein Land trainieren möchte, die in der Lage sind, auch Titel zu holen“, sagt Flick.

„Ein Job wie eine Harakiri-Aktion“

Er hob allerdings abermals seine Verbundenheit zu vielen handelnden Personen beim DFB hervor. „Es war damals eine tolle Zeit mit Oliver Bierhoff, Jogi Löw und Andreas Köpke. Es war herausragend, es gab eine enorme Wertschätzung und Loyalität untereinander“, sagte der Noch-Trainer der Bayern. Er selbst wolle nun erst einmal abwarten. „Ich habe keinen Druck und werde schauen, was die nächsten Tage und Wochen ergeben. Ich kann nach dem 22. Mai schön in Urlaub gehen mit meiner Familie. Alles andere kommt, wie es kommen soll“, sagte Fick.

Flick schloss sogar eine Rückkehr zum FC Bayern irgendwann in der Zukunft nicht aus. „Ich kann mir vieles vorstellen. Und dies ist natürlich auch nicht ausgeschlossen, weil Bayern München einfach eine sehr gute Adresse ist“, sagte er. In der Video-Pressekonferenz nach dem Spiel war er darauf angesprochen worden, dass in der Vergangenheit immer wieder mal erfolgreiche Trainer zum FC Bayern zurückgekehrt seien, etwa Jupp Heynckes.

„Ich habe schon immer gesagt: Bayern München war schon immer mein Verein. Ich war in der Jugend absoluter Fan. Gerd Müller war mein großes Idol, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge. Ich habe hier gespielt und hier jetzt zwei fantastische Jahre als Trainer erlebt“, sagte Flick zu einer besonderen Verbindung zu dem Verein: „Dieses Miteinander tagtäglich zu erleben, ist herausragend. Es war eine tolle Zeit. Diese zwei Jahre waren sehr wertvoll für mich.“

Rummenigge hat unterdessen nach eigener Aussage keine Ambitionen auf ein Spitzenamt beim krisengeplagten DFB. „Ich suche nicht einen Job, der einer Harakiri-Aktion gleichkommt“, sagte Rummenigge. Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus hatte zuvor Bayern Münchens Vorstandschef für eine Führungsposition ins Spiel gebracht. „Lothar weiß, dass ich so einen Job nicht möchte, weil es mich nicht interessiert“, sagte Rummenigge nun.

Gleichzeitig kritisierte Rummenigge die aktuelle DFB-Führung um Präsident Fritz Keller scharf. „Der DFB muss einfach zur Ruhe kommen. Es ist eine permanente Unruhe seit Jahr und Tag. Die Leute müssen sich langsam fragen, ob es noch dem Fußball gerecht wird, was da passiert“, sagte er: „Dieses Theater gibt es nicht erst seit zwei Wochen, sondern seit der Aufarbeitung des Sommermärchens. In der Zeit haben drei Präsidenten die Rote Karte bekommen.“

Rummenigge forderte zudem DFB-Vizepräsident Rainer Koch auf, Kellers Bitte um Entschuldigung für dessen verbale Entgleisung anzunehmen. „Ich habe Fritz Keller als seriösen, integren und auch liebevollen Menschen kennengelernt. Er hat sich entschuldigt. Ich fände es eine schöne Geste, die Entschuldigung nicht nur entgegen-, sondern auch anzunehmen.“

Koch lehnt dies allerdings ab. Er sei seit 32 Jahren Berufsrichter, sagte Kellers Stellvertreter, „und ich habe eine ganz persönliche Betroffenheit. Herr Freisler, Roland Freisler, war ein Blutrichter, Henker in Robe. Er hat viele tausend Menschen in den Tod geführt“, sagte Koch im ZDF-Sportstudio. „Und wenn eine solche Äußerung gegenüber jemand, der sein Leben lang dem Recht gewidmet hat, fällt, dann glaube ich, ist so eine Betroffenheit nachvollziehbar. Deswegen habe ich die Entschuldigung entgegengenommen, aber es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden, wie das insgesamt mit Blick auf den DFB zu sehen ist“, meinte Koch dazu.

Keller hatte Koch mit dem Nazi-Richter Roland Freisler gleichgesetzt. Keller hat dafür mittlerweile mehrfach um Entschuldigung gebeten, einen Rücktritt aber ausgeschlossen. „Das war eine ohne Frage schwere Entgleisung“, sagte auch Rummenigge: „Aber der DFB muss sich irgendwann überlegen, ob man nicht zu Harmonie zurückkommt. Das wird auch eine Schicksalsfrage sein“, meinte der Bayern-Boss. Diese könne auch negative Folgen für die EM haben. „Wenn ich eines gelernt habe: Man muss es am Kopf vorleben, damit die Mannschaft, die Deutschland vertritt, auch Erfolg hat.“

Auch Koch lehnt einen Rücktritt ab. „Es geht jetzt nicht darum, einen Kopf nach dem anderen rollen zu lassen“, sagte er, „sondern jeder muss sich in seinem Bereich entsprechend aufstellen, dann müssen wir uns wechselseitig respektieren und vor allem anerkennen, worum es für Fußball-Deutschland jetzt geht.“ Koch ist seit Monaten in einen Machtkampf an der DFB-Spitze verwickelt. Unter anderem geht es um einen undurchsichtigen und hochdotierten Vertrag mit dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann aus dem Jahr 2019. Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge sollen diesen Vertrag auf den Weg gebracht haben.

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Außerdem war der Streit zwischen Koch und Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), eskaliert. Man löse „offenkundigen Probleme“ des DFB „nicht durch den Aufbau imaginärer Feindbilder und abenteuerlicher Verschwörungstheorien, sondern durch seit Langem überfällige strukturelle und personelle Reformen“, hieß es in einem Brief Seiferts an Koch, der dem DFL-Chef unter anderem „verbale Ausfälle“ und „frei erfundene“ Anschuldigungen vorwarf. Koch betonte, die Landesverbände hätten ihm das Vertrauen ausgesprochen, deshalb werde er weitermachen. Es gehe jetzt um Sachthemen, um die bevorstehende EM, um „Finanzfragen“ und „einen Grundlagenvertrag, damit der Amateurfußball besser da steht“.

Rummenigge ist unterdessen von der Rekordjagd von Weltfußballer Robert Lewandowski erstaunt. „Ich habe geglaubt, das ist ein Rekord für die Ewigkeit, der wird nie gerissen werden“, sagte Rummenigge. Beim 6:0 gegen Gladbach erzielte der 32 Jahre alte Pole drei Treffer (2./34./66. Minute). Mit nun 39 Saisontoren fehlt Lewandowski nur noch ein weiteres, um die fast 50 Jahre alte 40-Tore-Bestmarke von Gerd Müller einzustellen.

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„Robert hat jetzt noch zwei Spiele. Er kann ihn egalisieren, möglicherweise sogar übertreffen. Er geht auf jeden Fall in die Geschichte des FC Bayern ein, das ist klar“, sagte Rummenigge und gab zu: „Ich muss offen und ehrlich sagen, ich bin erstaunt.“ Am kommenden Samstag spielen die Bayern beim SC Freiburg, am letzten Spieltag am 22. Mai empfangen sie den FC Augsburg. Rummenigge hofft dann auf Zuschauer im Stadion. „Uns fehlen die Fans“, sagte er im ZDF-Sportstudio: „Ich hoffe und wünsche mir, dass wir vielleicht beim letzten Spiel sogar vor einigen Zuschauern hier spielen dürfen.“

Rummenigges vage Hoffnung gründet sich offenbar auf den sinkenden Corona-Infektionszahlen in München und der Zunahme an Impfungen. Er würde sich Fans im Stadion auch wünschen, weil das Spiel gegen Augsburg zum Tag großer Abschiede wird. „Wir haben beim letzten Spiel wichtige Spieler, die für den FC Bayern Großartiges geleistet haben zu verabschieden, wie zum Beispiel David Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martínez.“ Die drei Profis haben zweimal das Triple mit den Bayern gewonnen und werden den Verein ablösefrei verlassen. „Und man darf nicht vergessen, es ist das letzte Spiel von Hansi Flick als Trainer“, ergänzte Rummenigge.

Quelle: tora./sid/dpa
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