Trainer des FC Bayern

Flick hat genug und will gehen

Von Christian Otto, Wolfsburg
17.04.2021
, 20:39
Die Münchner machen mit dem Sieg in Wolfsburg einen großen Schritt zum Meistertitel. Kurz danach setzt Trainer Hansi Flick zur Erklärung in eigener Sache an: Er will den FC Bayern verlassen.

Was Hansi Flick gleich nach Spielende zu sagen hatte, sollte kurz und bündig raus. Die Bereitschaft, seinen Abgang vom FC Bayern München mit Hilfe vieler Worte und Argumente zu begründen, hielt sich in engen Grenzen. „Ich habe der Mannschaft heute gesagt, dass ich am Ende der Saison aus meinem Vertrag rausmöchte. Es war keine einfache Entscheidung für mich“, erklärte jener Cheftrainer, der mit den Bayern in einem Jahr sechs Titel gewonnen hat und am Samstag einen großen Schritt zum siebten machte. Jener Cheftrainer, um den es in den vergangenen Tagen und Wochen so viele Diskussionen gegeben hatte. Flick sah danach erleichtert aus. Weitere Nachfragen blockte er ab.

Bundesliga

Flick möchte nicht mehr bei jenem Verein arbeiten, der beste Chancen hat, am Ende dieser Saison abermals Deutscher Meister zu werden. Damit war der Jubel über einen soeben errungen 3:2-Erfolg beim VfL Wolfsburg und die Aussicht auf die neunte Meisterschaft in Serie innerhalb weniger Minuten völlig unwichtig geworden. Denn Flick setzte mit seiner Erklärung in eigener Sache zu einem großen Wums an. Mit seiner Demission war gerechnet worden. Aber so? In Wolfsburg? Live im Fernsehen?

Nach der Partie stand für Flick der übliche Parcours entlang der Mikrofone an, die mit Hilfe langer Stangen bereitgehalten werden. Was sonst lästig ist, weil es die Heimreise von einem Auswärtsspiel verzögert, wurde dieses Mal ganz bewusst als Bühne genutzt. Vier Tage nach dem Scheitern des FC Bayern im Viertelfinale der Champions League sollte es offenbar ein Ende mit diesem Druck und den ständigen Nachfragen zu seiner Zukunft haben. Flick wartete noch galant ab, bis seine Spieler die wichtige Partie in Wolfsburg gewonnen hatten.

„Eine emotionale Geschichte“

Dann ließ er vom Stapel, worüber die Münchener Vereinsführung vorab informiert worden sein soll. „Kompliment und Dank an den Verein, dass ich eine solche Mannschaft trainieren konnte“, sagte der 56 Jahre alte Übungsleiter. Sein Vertrag läuft eigentlich noch bis 2023 und soll nun aufgelöst werden. Der FC Bayern wiederum muss sich schleunigst einen neuen Trainer suchen. Es hat schon deutlich ereignisärmere Spieltage der Fußball-Bundesliga gegeben als diesen.

Die Szenerie, die das „bye bye, Bayern“ von Flick begleitete, blieb merkwürdig. Hinter ihm waren fleißige Helfer gerade damit beschäftigt, den Rasen im Wolfsburger Stadion mit Hilfe von Harken wieder zu schönen. Bayern-Torhüter Manuel Neuer hatte wie üblich seinen kleinen Rucksack geschultert, eilte aber nicht zum Mannschaftsbus, sondern führte noch ein Handygespräch, in dem es sicherlich nicht nur um Sportliches am Ufer des Mittellandkanals gegangen sein dürfte.

„Das ist eine emotionale Geschichte gewesen für uns alle. Wir müssen das erst einmal verarbeiten“, sagte Neuer im Interview mit dem TV-Sender Sky, über den Abgang des Trainers. Was der Flurfunk in München nach dem vielen Streitereien zwischen Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic schon mehrfach angedeutet hatte, ist nun gesichert. Es wirft mehr Fragen als Antworten auf. Thomas Müller, selten um eine kluge Antwort verlegen, wusste auch nicht so richtig, was er sagen sollte. „Genau begründet hat er es nicht“, meinte Müller über Flicks Abschiedsworte. „Das muss er uns auch nicht begründen.“

Lange dauert es an diesem besonderen Samstagnachmittag in Wolfsburg nicht, bis die drei großen und schweren Buchstaben des deutschen Fußballs ins Spiel kamen. Natürlich wurde Flick gefragt, ob er seine Zukunft beim DFB sieht, also dem Deutschen Fußball-Bund. „Natürlich ist der DFB eine Option“, sagte er. Verlässt er den FC Bayern, um Nachfolger von Joachim Löw als Bundestrainer zu werden? Gab es dazu schon Gespräche? „Die Zukunft ist überhaupt noch nicht klar. Es gab noch kein Gespräch mit Oliver Bierhoff“, versicherte Flick.

Auf der Pressekonferenz nach der Partie wählte der Bayern-Trainer einige pathetische Wort als Wertschätzung für seinen aktuellen Verein. Was seine Zukunft angeht, blieb er wortkarger. Flick möchte für einen würdigen Abschluss sorgen. Angesichts von sieben Punkten Vorsprung auf RB Leipzig bei fünf noch ausstehenden Spieltagen darf nach dem Scheitern im DFB-Pokal und dem Aus in der Champions League zumindest mit dem einen, üblichen Titel geplant werden. „Wir wollen den fünften Stern auf den Trikots“, sagte Flick über die Aussicht auf die Meisterschale und mehr Lorbeer, der auf den eigenen Trikots genutzt werden dürfte.

Während des Spiels in Wolfsburg hatte noch alles ganz normal ausgesehen. Der Weg zum Sieg war mit kleinen Umwegen, wenn nicht sogar großen Ausrutschern verbunden. Bis in die Nachspielzeit hinein sah es noch so aus, als könne der starke VfL Wolfsburg seine erste Heimniederlage in dieser Saison noch abwenden.

Der starke Jamal Musiala in der 15. und 37. Minute sowie Eric-Maxim Choupo-Moting (24.) schossen den FC Bayern mit ihren Toren zum Sieg. Das zwischenzeitliche 1:2 (35.) für Wolfsburg durch Torjäger Wout Weghorst hatte der Münchener Thomas Müller mit einem Fehlpass eingeleitet. Maximilian Philipp konnte früh auf 2:3 (54.) verkürzen. Wirklich souverän war das nicht, was die Münchener insgesamt gezeigt hatten. „Wir sind alle enttäuscht über die Niederlage. Aber Kompliment an meine Mannschaft für ihre Mentalität“, sagte Wolfsburgs Cheftrainer Oliver Glasner.

Die Partie zwischen dem Tabellendritten und dem Spitzenreiter war ein gutes Beispiel dafür, wie aufreibend der Alltag eines Bundesligatrainers sein kann. Die Münchener hätten ihre Führung viel früher ausbauen müssen. Leroy Sané konnte bei vielen Dribblings und Doppelpässen seine außergewöhnliche Begabung wieder einmal unter Beweis stellen.

Aber der Nationalspieler genehmigte sich auch so manche gedankliche Pause vor des Gegners Tor. Er ließ mehrere hochkarätige Torchancen aus und im Abschluss wie schon in der Champions League gegen Paris St. Germain die nötige Konsequenz vermissen. Flick nahm das an der Außenlinie verärgert zur Kenntnis, weil diese und weitere Nachlässigkeiten Wolfsburg im Spiel hielten. Sein Leiden wurde erst nach 90 Minute plus fünf Minuten Nachspielzeit erlöst.

Den Münchener Profis wurde hinterher vorgeworfen, sie hätten sehr viel Zeit geschunden. Flick wiederum wollte dem Schiedsrichtergespann unbedingt noch seinen Unmut darüber mitteilen, warum überhaupt so lange gespielt worden war. Der Mann, der nicht mehr Trainer des wichtigsten deutschen Fußballvereins sein möchte, gab bis zum letzten Moment alles.

Quelle: F.A.S.
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