Wirbel beim VfB Stuttgart

Wo Fußball Nebensache ist

Von Susanne Preuß, Stuttgart
09.03.2021
, 21:59
Im Fokus beim VfB Stuttgart: Thomas Hitzlsperger
Der VfB Stuttgart kommt als Aufsteiger sportlich gut durch diese Saison. Beim Bundesliga-Klub tobt allerdings ein Machtkampf. Und nun gibt es auch noch ein saftiges Bußgeld.
ANZEIGE

Nach Jahren voller Frust sind VfB-Fans wieder zufrieden mit ihren Spielern. Das Zuschauen macht Spaß, der Wiederaufsteiger hält sich wacker im Mittelfeld der ersten Bundesliga. In der VfB Stuttgart 1893 AG aber, die vor vier Jahren für das Management des Profibetriebs gegründet wurde, tobt seit Monaten ein heftiger Machtkampf, in dem ein Datenskandal aus der Zeit der Ausgründung wie ein Katalysator wirkt. Der vorläufige Höhepunkt wird für Mitte dieser Woche erwartet: Der VfB muss mit einem Bußgeld in der Größenordnung von 300.000 Euro rechnen.

Bundesliga

Für ein Unternehmen, das seit neuestem von der Staatsbank KfW wegen der Einnahmeausfälle in Corona-Zeiten mit einem Kreditrahmen von 25 Millionen Euro gestützt wird und seinen 300 Mitarbeitern Einkommenseinbußen abverlangt, ist das ein Batzen Geld. Es hätte noch viel heftiger kommen können, denn für Vergehen im Datenschutz-Bereich können Bußgelder bis zu 4 Prozent des Umsatzes verhängt werden, das wären im Fall der VfB AG rund 6 Millionen Euro. Dem Landesdatenschutzbeauftragten Stefan Brink geht es aber nicht in erster Linie um Sanktion, wie er gegenüber der F.A.Z. erklärte, sondern um einen Neuanfang, um eine Professionalisierung der Strukturen und Prozesse in Sachen Datenschutz, weshalb seit Wochen schon über eine Verständigung verhandelt wird.

ANZEIGE

„Wenn arbeitsrechtliche Konsequenzen gezogen werden, ist das ein Signal, dass das Thema ernst genommen wird“, sagte Brink im Gespräch mit der F.A.Z. Er hatte das Verfahren Anfang Februar eröffnet, unter Verweis auf hinreichende Anhaltspunkte für erhebliche Verstöße gegen den Datenschutz. Seither hat der VfB-Aufsichtsrat unter anderen zwei Vorstände im Team um den Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger fristlos entlassen. Hitzlsperger wiederum setzte vor wenigen Tagen den ehemaligen Kommunikationschef und den ehemaligen Marketingleiter vor die Tür, was die Spekulationen darüber nährte, dass es den belegbaren Versuch gab, einiges zu vertuschen.

Vielzahl von Streitigkeiten

„Wir sind nicht die staatlich bestellten Vereinschroniker“, betont aber Stefan Brink, der gar nicht erst den Versuch unternimmt, die Fronten in dem Machtkampf zu sortieren. Aus der Vogelperspektive zeigt sich, dass eine Vielzahl von Streitigkeiten auf die Ausgliederung der VfB Stuttgart 1893 AG im Jahr 2017 zurückgeht. Dabei haben sich zwei wesentliche Lager gebildet. Auf der einen Seite stehen Vereinsmitglieder, angeführt von den Ultras, die sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs wenden und deshalb vor VfB-Präsident Claus Vogt stehen, der unter anderem die Bewegung Play Fair e.V. gegründet hat.

ANZEIGE

Auf der anderen Seite gibt es jene, die sich für die Ausgliederung des Profisports starkgemacht haben und auch mehr Professionalisierung im Management fordern. Sie erzählen bereitwillig von der Unkenntnis des Präsidenten Claus Vogt über unternehmerische Entscheidungsprozesse und auch darüber, dass Vogt von seinen Versprechen nichts eingelöst hat, etwa jenes, dass er eine Reihe von Mittelständlern als potentielle Aktionäre finden werde.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

So ist die Daimler AG, die anlässlich der Gründung der VfB Stuttgart 1893 AG einen Anteil von 11,75 Prozent am Kapital übernommen und dafür 41,5 Millionen Euro bezahlt hat, immer noch der einzige Aktionär. Die dadurch scheinbar starke Stellung des Autokonzerns, dessen Zentrale einen Steinwurf vom Stadion entfernt liegt, ist wiederum den Ultras ein Dorn im Auge, auch wenn Daimler-Vorstandschef Ola Källenius sich auf Anfrage der F.A.Z. deutlich distanziert: „Wir wollen keinen operativen Einfluss nehmen.“

ANZEIGE

Der massenhafte Datenmissbrauch in der VfB-Sphäre reicht nicht zufällig in die Zeit der Abspaltung zurück. Im Kern geht es um die Frage, auf welche Weise den VfB-Mitgliedern die Ausgliederung des Profisports schmackhaft gemacht wurde. Überraschend viele – 14.083 von damals 55.000 Mitgliedern – fanden sich zur entscheidenden Versammlung im Juni 2017 tatsächlich in der Mercedes-Benz-Arena ein und stimmten mit 84 Prozent für die Gründung einer AG. Im Raum steht der Vorwurf, es sei manipuliert worden. Von nicht funktionierender Technik beim Wahlprozess ist die Rede und eben vor allem von illegaler Verwendung von Daten für Guerrilla-Marketing, also einem sehr zielgerichteten Umwerben von Mitgliedern auf der Grundlage von spezifisch persönlichen Profilen.

„So findet der VfB niemanden von Format“

Um solche Fehltritte herauszuarbeiten, engagierte VfB-Präsident Claus Vogt im vergangenen Oktober die Berliner Kanzlei Esecon Legal Services, die für ihre Arbeit eine halbe Million Euro in Rechnung stellt. Ihre Sprengkraft haben die Esecon-Ermittlungen schnell nach Beginn entfaltet. Details wurden in die Öffentlichkeit lanciert, die Intrigen wurden zahlreicher und unüberschaubarer, teilweise auch unverständlich. Dazu zählt etwa die öffentlichkeitswirksame Abkehr des VfB-Vorstandschefs Thomas Hitzlsperger von VfB-Präsident Vogt. Der Verein selbst wiederum beauftragte eine Personalberatungsagentur, um einen Gegenkandidaten für den eigenen Präsidenten bei der nächsten Wahl zu suchen. Regelrecht belustigt war darauf die Reaktion von potentiellen Kandidaten, denen man eine Kampfkandidatur gegen Vogt abverlangt hätte.

„Unter solchen Umständen findet der VfB niemanden von Format“, sagte zur F.A.Z. einer der angefragten Top-Manager. Er beteiligt sich stattdessen an der im Hintergrund laufenden fieberhaften Suche nach einer Persönlichkeit, die alle überzeugen würde, vor allem aber die Gepflogenheiten des Sport-Business versteht und beherrscht. Andernfalls, so die Furcht, könnte Stuttgart bald ins fußballerische Nirwana verschwinden, denn die Konkurrenz durch immer mehr privatwirtschaftlich finanzierte Fußballclubs wächst auch in Deutschland. Eine Landeshauptstadt ohne große Fußballmannschaft würde in der mittelständisch geprägten Wirtschaft in Baden-Württemberg durchaus als herber Standortnachteil empfunden.

Die Sorgen sind aber nicht nur langfristiger Art. Die Unruhe könnte sich auf den Sport auswirken, warnte VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo, nachdem er jüngst seinen Vertrag bis 2024 verlängert hatte. Er hat offenbar eine passende Ausstiegsklausel ausgehandelt, genau wie Sportdirektor Sven Mislintat, der selbst für sich von einem „gewissen Handlungsspielraum“ sprach.

Ob die Unruhe bleibt, hängt wohl stark davon ab, wie die Datenschutz-Affäre beendet wird. Während der Landesdatenschutzbeauftragte nur für Vorgänge nach 2017 ein Bußgeld verhängen wird (weil erst da die schärfere DSGVO galt) und in der AG auf verbesserte Prozesse pocht, ist vorläufig noch unklar, was der Esecon-Bericht aus der Zeit der VfB-Abspaltung noch zutage fördert. Davon dürfte abhängen, ob neue Gräben aufgerissen werden oder ein Neuanfang möglich ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Preuss, Susanne
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE