Neuer Werder-Trainer Werner

Nordisch by nature

Von Frank Heike, Hamburg
29.11.2021
, 18:12
Der Neue: Ole Werner
Der einstige Bundesligaklub Werder Bremen hat einen neuen Trainer: Ole Werner kommt vom Zweitligakonkurrenten Holstein Kiel und soll dem Verein von der Weser wieder Halt geben.
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Es kommt jetzt derjenige, den Werder Bremen schon im Sommer haben wollte. Aber nicht bekam. Und dann Markus Anfang kriegte. Ehe der sang- und klanglos gehen musste. Und zwei Nothelfer erfolglos versuchten, Werder durch den Zweitliga-Alltag zu manövrieren.

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SV Werder Bremen, oder anders ausgedrückt: Geschickte Vereinsführung sieht anders aus. Und damit sind nicht die Fans gemeint, die das Holstein-Stadion am Samstagabend in Rauch hüllten und einen Abbruch provozierten. Die Begleitumstände der 1:2-Niederlage in Kiel waren symbolisch für all das, was bei Werder gerade schiefgeht.

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Denn eigentlich hätte der SVW den 33 Jahre alten Ole Werner gern schon in diesem Spiel auf der Bank gehabt. Ging aber nicht. Weil Werner noch bei Holstein Kiel unter Vertrag stand. Und es mehr als pikant gewesen wäre, hätte seine Arbeit als Bremer Chefcoach ausgerechnet im Holstein-Stadion begonnen. Das wollte nicht nur die KSV-Führung verhindern, sondern auch Werner selbst. So verlor Werder mit Christian Brand auf der Bank, nachdem zuvor beim 1:1 gegen den FC Schalke 04 schon Punkte flöten gegangen waren mit Danijel Zenkovic als Trainer-Zwischenlösung. Der fehlte am Samstag Corona-bedingt.

An diesem Montag wurde zudem bekannt: Drei Spieler aus dem Kader von Werder mussten sich bis auf Weiteres in Quarantäne begeben. Fabio Chiarodia wurde positiv auf Corona getestet, Niklas Schmidt weist entsprechende Symptome aus, und Mitchell Weiser wurde als Kontaktperson eingestuft. Nähere Angaben zu dieser Angelegenheit machten die Bremer nicht.

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Vierter Trainer im vierten Spiel

Am Freitagabend gegen Erzgebirge Aue wird nun in jedem Fall erstmals Werner das Team anleiten – als vierter Coach im vierten Spiel. Er wurde am Montagnachmittag vorgestellt. Während Sportvorstand Frank Baumann die Vorkommnisse rund um den wahrscheinlichen Impfbetrug Anfangs bezogen auf die Mannschaft als „wichtig für den Teambuildingprozess“ beurteilte, war Stürmer Niclas Füllkrug vermutlich näher an der Wahrheit. Er sagte: „Man hat gesehen, dass wir eher verunsichert sind, als dass wir vor Selbstvertrauen strotzen.“

Diese Einschätzung ging in Richtung Brand. Der hatte die Taktik weitreichend verändert. In der Folge kamen die Kieler zu etlichen Chancen. „Wir hätten einfach das durchziehen sollen, was wir die letzten Spiele gespielt haben“, monierte Füllkrug, „beim ehemaligen Trainer haben wir immer das Gleiche gespielt, jeder wusste, was zu machen war.“ Tatsächlich hatte Anfang die Mannschaft stabilisiert und acht Punkte aus seinen letzten fünf Spielen geholt.

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Mitten im großen Kader-Umbruch soll nun Werner Halt geben. Nordisch by nature, ruhig und klar, mit Faible für Offensivfußball und Sinn für Humor. Das Kieler Aufbauspiel war unter ihm das ansehnlichste und schlauste der zweiten Liga. Mit ihm wuchs die KSV zu einem cleveren Klub, der sich auch gegen den FC Bayern Chancen ausrechnete – und gewann. Dabei wirkt Werner nie, als wolle er mehr sein, als er ist.

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Dass er nach dem siebten Spieltag zurücktrat, hatte nicht nur mit dem freien Fall der Mannschaft zu tun. Werner und seine Berater schauten darauf, welches Signal der schlechte Saisonstart für seine eigene Karriere aussandte. Schon in der Sommerpause war Werner nicht mehr komplett davon überzeugt, dass es für ihn mit diesem Team weiter nach oben gehen würde. Was sollte auch kommen nach dem Erreichen des Halbfinals im DFB-Pokal und der grandiosen Saison, an deren Ende Holstein erst in der Relegation dem 1. FC Köln unterlag – entkräftet von einem Spiele-Marathon nach mehreren Quarantäne-Pausen. Werner kam ins Grübeln. Zudem gab es Offerten anderer Klubs – auch Werder war interessiert, war aber selbst in Eile und fand einen Trainer, Anfang. Werner willigte mit Bauchschmerzen ein, in Kiel weiterzumachen. Bis er Mitte September hinschmiss.

Werner beendete sein Wirken dort seinerzeit also auch, um sich den Weg zu größeren Klubs nicht zu verbauen. Dieser Karriereplan geht auf. Baumann und Klubchef Klaus Filbry sind froh, dass die Bremer Chaostage vorerst beendet sind; jedenfalls hoffen sie darauf. Für ein bisschen Licht im Dunkel wirken die 250.000 Euro Ablöse an die KSV Holstein gut angelegt.

Quelle: F.A.Z.
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