Schaaf für Kohfeldt

Werders Wagenburg in der Provinz

Von Frank Heike
16.05.2021
, 17:40
Thomas Schaaf übernimmt vor dem letzten Spieltag bei Werder Bremen für Florian Kohfeldt – und soll der Mannschaft ohne Anlaufzeit eine Reaktion entlocken.

Sporthotel Fuchsbachtal in Barsinghausen: Abgeschiedener geht es kaum. Und dieser Ort, Barsinghausen, Zuhause des Niedersächsischen Fußballverbandes, klingt so sehr nach alter Bundesrepublik, nach Lederbällen und eckigen Pfosten, dass er doch geradezu ideal für einen neuen, alten Trainer mit großen Verdiensten in der Vergangenheit sein müsste, um eine Mannschaft auf den 34. Spieltag vorzubereiten. Vielleicht ist das gerade sogar das Allerbeste an der schlimmen Lage, in die sich Werder Bremen manövriert hat: Thomas Schaaf darf sein Team in der Provinz präparieren. Im sogenannten, von der DFL verordneten Quarantäne-Trainingslager. Ungestörter als auf den Übungsplätzen am Weserstadion ist das bestimmt möglich. Wenn es irgendwo gelingen kann, eine Wagenburgmentalität zu bauen, dann hier.

Bundesliga

Thomas Schaaf ließ am Sonntag um 12.50 Uhr nicht erkennen, ob ihm angesichts der Ruhe und Ungestörtheit in Barsinghausen das Herz aufging, als er mit seinem Rollkoffer den schmalen Weg von den Parkplätzen zum Hotel einschlug. Das verhinderte schon die Gesichtsmaske. Ein paar Meter hinter ihm folgte Wolfgang Rolff, der treue Adjutant, sein Assistent von früher und nun auch heute, am Samstag gegen Gladbach also und dann womöglich für zwei weitere Spiele in der Relegation.

Nächtens hatte Sportchef Frank Baumann Trainer Florian Kohfeldt informiert. Keine weitere Zeit sollte nach dem 0:2 beim FC Augsburg verstreichen. Baumann, die Vorstandskollegen Klaus Filbry und Hubertus Hess-Grunewald sowie Marco Bode aus dem Aufsichtsrat hatten sich verständigt, die für das Saisonende geplante Trennung von Kohfeldt vorzuziehen und ihn trotz eines Vertrages bis zum 30. Juni 2023 sofort vor die Tür zu setzen.

Schaaf hatte schon beim Pokalspiel gegen RB Leipzig bereitgestanden. Doch da griff das Ultimatum noch nicht, das Baumann seinem Freund Kohfeldt gesetzt hatte – die Mannschaft wehrte sich beim 1:2 nach Verlängerung; Kohfeldt durfte weitermachen. Aber nur von Spiel zu Spiel. Was beim 0:0 gegen Leverkusen noch Hoffnung machte, wirkte am Samstag in Augsburg aussichtslos: vorn selbst gegen zehn Schwaben zu harmlos, in der Defensive ungeschickt, als Christian Groß kurz nach der Pause die Gelb-Rote Karte sah und der personelle Vorteil dahin war.

„Man hat in Augsburg eine Ratlosigkeit gespürt. Das hat mit dem Trend der vergangenen zwei Jahre zur Überzeugung geführt, dass der Mannschaft der Glaube an diese Konstellation verlorengegangen ist“, sagte Baumann am Sonntag im „Doppelpass“ beim Sender Sport1. „Florian hat sehr viel ausprobiert, um die schwierige Situation zu meistern. Da passiert natürlich etwas mit Spielern, wenn sich das dauerhaft nicht zum Guten dreht. Durch die sieben, acht Niederlagen in Folge hat sich die Entwicklung deutlich dramatisiert.“

Dabei schien Werder längst auf der sicheren Seite. Im Nachholspiel hatte man am 10. März 2:0 in Bielefeld gewonnen. Danach folgten neun Partien ohne Sieg, nur fünf Tore gelangen. Dass Kohfeldt schon länger nur noch Vorgaben von oben umsetzte, weil Werder unter den finanziellen Folgen der Pandemie leidet, wurde ihm lange zugutegehalten: „Florian musste einen Fußball spielen lassen, für den er eigentlich gar nicht stehen möchte und kann. Das hat dazu geführt, dass er vielleicht nicht mehr mit der hundertprozentigen Überzeugung vermitteln konnte, der richtige Trainer für diese schwierige Situation zu sein“, sagte Baumann.

Thomas Schaaf ist gerade 60 Jahre alt geworden; er erlebte sein Werder-Comeback vor drei Jahren, als Baumann ihn zum „Technischen Direktor“ machte. Schaaf sollte den Jugend- und Profibereich besser verzahnen, damit mehr Talente den Durchbruch schaffen. Offenbar war man bei Werder damit zufrieden und wollte seinen Vertrag trotz Kostendrucks verlängern. Nun ist die Aufgabe eine andere. Baumann sagte: „Den größten Effekt eines Trainerwechsels hat man dann, wenn der Glaube der Mannschaft an die Konstellation am Boden ist. Und dann ist es egal, wie viele Spiele noch vorhanden sind. Da kann ein Training, eine neue Ansprache schon zu einer Reaktion der Spieler führen. Thomas kann mit seiner Erfahrung und seiner Art, wie er die Grundtugenden der Spieler einfordert, für Begeisterung sorgen und Selbstvertrauen vermitteln. Und es ist ganz wichtig, dass wir einen Trainer haben, der keine große Eingewöhnungszeit braucht.“

Dass Schaaf der vorerst letzte Profitrainer aus der „Werder-Familie“ sein wird, kündigte Baumann schon am Sonntag an: „Wir werden in der neuen Saison einen externen Trainer verpflichten. Wir haben uns im eigenen Stall umgesehen, aber dort ist dieses Mal kein passender Kandidat vorhanden.“ Die nächste Frage in einer diesmal vielleicht wirklich „schonungslosen Aufarbeitung“ wird sein, welche Verantwortung der Sportchef am drohenden Abstieg trägt.

Quelle: F.A.Z.
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