Wolfsburg droht der Abstieg

Die Wölfe am Abgrund

Von Christian Otto, Wolfsburg
05.05.2018
, 10:39
Bruno Labbadia: Am Spielfeldrand emotional, zwischen den Spielen eher pragmatisch.
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Der VfL Wolfsburg liegt am Boden. Auf Trainer Bruno Labbadia ruhen die letzten Hoffnungen. Doch der hält lieber Ansprachen wie für ein Kreisligateam, statt Trotz und Leidenschaft bei den Spielern zu wecken.
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Die großen grün-weißen Fahnen, die das Stadtbild von Wolfsburg weiterhin schmücken, flattern aus guten Gründen. Der wichtigste Verein der Stadt könnte derzeit kaum erfolgreicher sein. Auf dem sicheren Weg zur Meisterschaft, bis ins Pokalfinale gestürmt, das Endspiel der Champions League ebenfalls erreicht: Die Fußballfrauen des VfL Wolfsburg schaffen wirklich Erstaunliches. Aber die Fahnen sind in Wirklichkeit natürlich für ein anderes Team aufgehängt. In erster Linie sind es die Männer, die die Stadt am Mittellandkanal stolz und beliebt machen sollen. Dass sie in der Bundesliga straucheln und abermals für den Abstieg in Frage kommen, müsste Emotionen wecken und Mitleid erregen. „Wir liegen am Boden“ – das war die Botschaft, die Bruno Labbadia zuletzt aussprach. Sie klang hilflos und taugte nicht als Weckruf.

Bundesliga

Wenn Labbadia über seinen Balanceakt mit dem VfL und die Chance auf den Klassenverbleib spricht, werden zwei Dinge offensichtlich: Der ehemalige Profi und routinierte Trainer strahlt eine wirklich bemerkenswerte Ruhe aus. Seit Ende Februar vertritt er die Auffassung, dass es nichts bringt, in Hektik zu verfallen, laut zu werden oder besondere Maßnahmen zu ergreifen. Vor dem Auswärtsspiel an diesem Samstag in Leipzig (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) hatte sich der VfL-Tross zumindest in ein Trainingslager verabschiedet und damit von der Öffentlichkeit abgeschottet. „Wir müssen mutiger sein und das Momentum nutzen“, sagte Labbadia. Nach neun Spielen und nur einem einzigen Sieg unter seiner Regie bleibt jedoch ganz nüchtern und sachlich festzuhalten: Es tut sich nichts. Es will sich nichts regen. „Wir müssen uns zusammenreißen“, sagte Mittelfeldspieler Maximilian Arnold. Aber wie genau geht das? Und wann beginnt es endlich?

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Der Ruf des Retters ist möglicherweise überholt

Seit drei Jahren hat Labbadia einen treuen Begleiter. Rückblende: Dank des 1. Juni 2015 und der spektakulären Rettung des Hamburger SV im zweiten Relegationsspiel beim Karlsruher SC schmückt ihn der Ruf, ein richtig guter Mann für die besonderen Momente zu sein. Doch der Glaube, das Wunder von damals in neuer Konstellation auf den VfL Wolfsburg übertragen zu können, wächst sich zum Irrglauben aus. Labbadias Arbeit mag wesentlich darunter leiden, dass ihm seit Wochen mehrere Stützen aus Verletzungsgründen fehlen. Und es kann auch keinen Spaß machen, mit einem wirr zusammengestellten Spielerkader plötzlich Wundersames vollbringen zu müssen. Aber der Trainer muss sich eben auch den Vorwurf gefallen lassen, dass sich im Grunde außer einer leicht stabilisierten Abwehr wenig bis gar nichts getan hat.

Eine überzeugende Spielidee ist nicht zu erkennen. Statt eines mutigen Passes nach vorne geht es meistens eher seitwärts bis rückwärts. Die Kritik daran in Trotz zu verwandeln und sich leidenschaftlich zu wehren – das wäre eine gute Antwort. Aber eine solche kommt zwei Spieltage vor Saisonende nicht in Sicht.

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Die Suche nach einem starken Mann, der Halt gibt und Mut entfacht, dauert in Wolfsburg weiter an. Am Dienstag bekamen die Profis des VfL Besuch in ihrer von einem Stimmungstief dominierten Umkleidekabine. Mit Frank Witter stellte sich der neue Aufsichtsratsvorsitzende der VfL Wolfsburg Fußball GmbH vor. Er ist Finanzvorstand von Volkswagen und damit Vertreter des Hauptsponsors im Kontrollgremium des Vereins. Seine Bitte, dass man den Zusammenhalt und den Glauben an den Verbleib in der ersten Liga nicht verlieren solle, fand Gehör. Doch angesichts diverser Querelen hinter den Kulissen des Vereins und ungeklärter Personalfragen in der Geschäftsführung gibt es in Wolfsburg nach der Freistellung von Sportdirektor Olaf Rebbe derzeit nur einen vermeintlich starken Mann.

© Perform/DAZN

Auf seinem Trainingsanzug prangen mit einem B und L zwei große Versalien, die nicht für das Wort Bundesliga stehen: Bruno Labbadia ist der große Hoffnungsträger. Er argumentiert immer noch sehr ruhig und sachlich. Pragmatismus statt Aktionismus bestimmt sein Handeln. „Es bedarf“, sagt Labbadia beim Dribbeln am Abgrund, „einer großen mannschaftlichen Geschlossenheit.“ Sätze wie diese fallen Woche für Woche bei jedem Kreisligateam. Sie enthalten natürlich ein Stück Wahrheit. Aber hätte man sich für diese Erkenntnis wirklich dem dritten Trainer in der laufenden Saison anvertrauen müssen?

Statt eines Aufbegehrens und einer Aufbruchstimmung sind in Wolfsburg Mitleid, Hohn und Spott zu spüren. Seit der 1:3-Heimniederlage gegen den aufbegehrenden HSV häuft sich die Kritik an Vereinsführung und Mannschaft. Labbadia musste es sogar ertragen, dass seine Spieler während des Trainings unter Pöbeleien durch Zuschauer zu leiden hatten. In der Vorbereitung auf den 33. Spieltag redete er seiner Mannschaft ins Gewissen, änderte seinen Kurs dabei aber offenbar nicht. Der derzeit einflussreichste Kopf des VfL Wolfsburg versucht es weiter mit eher einfühlsamen Ansagen: „Mir ist klar“, sagt Labbadia, „dass jetzt auf uns eingehauen wird.“ Sich davon nicht irritieren zu lassen sei wichtig. Falls es dem Trainer auf diese Art wirklich gelingt, die stark verunsicherten VfL-Spieler zu erreichen und aus der Reserve zu locken, wäre das bemerkenswert. Es würde sich um eine extrem ruhige Form von Rettungsmission handeln.

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Quelle: F.A.Z.
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