Aus in Champions League

Dortmund ärgert sich über die Schiedsrichter

Von Tobias Rabe
15.04.2021
, 08:16
Im Hinspiel bei Manchester City wird dem BVB ein Tor genommen, im Rückspiel gibt es Elfmeter nach einem Handspiel. Nicht nur Emre Can schimpft nach Dortmunds Aus in der Champions League.

Hans-Joachim Watzke ist durchaus ein Mann der klaren Worte. Und so hatte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund davon gesprochen, dass es einer „Weltsensation“ gleichkomme, wenn sein Klub im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester City weiterkomme. Die Welt, zumindest die, die sich für Fußball interessiert, erlebte am Mittwochabend keine derartige Sensation. Nach dem 1:2 im Hinspiel in England verlor der BVB auch das Rückspiel mit dem gleichen Ergebnis. Doch der Verein aus der Bundesliga durfte zumindest einige Zeit ernsthaft auf diese „Weltsensation“ hoffen.

Champions League

Manchester City blieb in Dortmund zunächst im Startblock hängen. Das nutzten der BVB zur zeitigen Führung. Jude Bellingham, der erst 17 Jahre alte Engländer, zirkelte den Ball in Minute 15 sehenswert in den Winkel des Tores von Ederson. 1:0 für Dortmund – bei diesem Endergebnis hätte es tatsächlich gereicht zum großen Wurf. Die Realität am Ende des Fußballabends war eine andere. Riyad Mahrez verwandelte einen Elfmeter zum Ausgleich (55. Minute). Phil Foden erzielte das 2:1 für City (75.), genau wie im Hinspiel, als das 20 Jahre alte Eigengewächs kurz vor Schluss noch zuschlug.

Es gab keinen Dortmunder, der vor die Mikrofone trat, der die Klasse Manchesters anschließend nicht anerkannte. Pep Guardiola hat inzwischen eine Mannschaft geschaffen, die durch enorm gutes Pass- und Positionsspiel in herausragendem Tempo brilliert. Wer da nicht gute Kondition und Nerven hat, ist hoffnungslos verloren. Das war der BVB nicht. Die Auswahl von Edin Terzic zeigte sich robust und gut eingestellt gegen die Weltklasse aus Manchester. Die setzte sich letztlich aber doch durch. Viel ärgerlicher aus Dortmunder Sicht in der Gesamtschau waren die Schiedsrichter-Leistungen.

Aufregung um Cans Handspiel

Im Hinspiel vor gut einer Woche hatte Ovidiu Hategan sich den Unmut des BVB zugezogen. Erst hatte er einen Elfmeter gegen Emre Can gegeben, den er auf Hinweis des Video-Assistenten zurückziehen musste. Dann pfiff er einen Treffer von Bellingham vorschnell ab wegen eines vermeintlichen Fouls, und nahm den Dortmundern daher die Chance, dass das Tor nach Überprüfung der Bilder doch noch eine Anerkennung erfahren hätte. „Es ist brutal ärgerlich“, hatte BVB-Trainer Edin Terzic schon vor einer Woche gesagt. Nun wollten er und seine Spieler schon wieder über den Schiedsrichter sprechen.

Wieder stand eine Szene mit Can im Mittelpunkt, wieder ging es um einen Elfmeter. Diesmal sprang dem deutschen Nationalspieler der Ball an die Hand, diesmal blieb es bei der Entscheidung, diesmal kassierte der BVB ein Gegentor. Was war passiert? Nach einer Hereingabe von Foden ging Can mit dem Kopf zum Ball und berührte ihn. Von dort flog das Spielgerät an den ausgestreckten linken Arm von Can. Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande pfiff sofort und zeigte auf den Strafstoßpunkt. Wie alle Elfmeter-Entscheidungen wurde die Szene kontrolliert. Der Video-Assistent aber hatte keine Einwände.

Das war bei den Dortmundern ganz anders. Schon auf dem Spielfeld zeigte Can immer wieder auf den Kopf und den Arm, um den Ablauf der Aktion nochmal klarzumachen. Doch der Unparteiische aus Spanien ließ sich nicht beirren. Mahrez verwandelte schließlich mit einem strammen Linksschuss ins Tor des machtlosen Marwin Hitz. Der sah beim zweiten Treffer nicht ganz so glücklich aus, als auch ein Linksschuss von Foden von der Strafraumgrenze im vom Torwart aus gesehen linken Eck an den Innenpfosten knallte und von dort ins Netz sprang. Damit war das Duell gelaufen.

Gesprächsbedarf blieb, vor allem bei Can. Nur kurz nach Abpfiff stand er am Mikrofon des Senders Sky. „Das Spiel hat sich klar geändert nach dem 1:1. Ich habe den Ball erst mit dem Kopf berührt und dann ist er irgendwie an meine Hand gekommen“, sagte er. „In den Regeln steht, dass es keine Hand ist. Deswegen einen Elfmeter gegen uns bekommen zu haben und vielleicht deswegen das Spiel verloren zu haben, ist bitter. Im Hinspiel wurde uns ein Tor weggenommen. Es tut weh.“ Im Großen und Ganzen sei die Leistung okay gewesen. „Am Ende bringt uns das leider auch nicht viel.“

Auch Trainer Terzic verfolgte eine ähnliche Argumentation. „Handspiel ist immer eine schwere Kiste und schwer zu bewerten.“, sagte der BVB-Coach, der nach der Saison von Marco Rose abgelöst wird und als dessen Assistent bleibt. „Wir haben jedes Jahr Schiedsrichterschulungen, wo uns gezeigt wird, was sich verändert hat. Uns wurde vor der Saison ganz klar gesagt: Wenn man sich selbst an die Hand köpft, wird es nicht als regelwidrig angesehen.“ Sein Fazit nach zweimal 1:2 gegen Manchester: „So richtig Glück mit den Schiedsrichterentscheidungen der letzten sieben Tage hatten wir nicht.“

Ein Blick in den aktuellen Regeltext des International Football Federation Board stützte die Aussagen der Dortmunder. Dort heißt es in Regel 12 „Fouls und unsportliches Betragen“ zum Punkt Handspiel, dass kein Vergehen vorliegt bei folgender Situation: „Der Ball springt direkt vom Kopf oder Körper (einschliesslich des Fusses) des Spielers an dessen Hand/Arm.“ Im Wissen um diesen Passus war der Dortmunder Ärger verständlich. „Es ist für mich sehr ärgerlich und kein strafbares Handspiel“, sagte Terzic. Dass Cerro del Grande sich die Szene nicht mehr am Bildschirm anschaute, störte ihn: „Die stehen hier überall herum – warum nutzt er die nicht?“

Die Sieger aus Manchester, die im Halbfinale auf Bayern-Besieger Paris treffen, bewerteten die Lage deutlich anders. „Elfmeter, ganz klar“, sagte Trainer Guardiola nach Ansicht der TV-Bilder. Und Cans Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan meinte: „Ich hatte das Gefühl, dass der Arm relativ weit draußen war.“ Das stimmt. In Regel 12 steht auch: „Ein Vergehen liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit der Hand/dem Arm berührt und seinen Körper aufgrund der Hand-/Armhaltung unnatürlich vergrößert.“ Cans Arm war abgespreizt vom Körper. Welche Regel hat Vorrang? Klar ist: Das Handspiel bleibt ein großes Debattenthema. Der Schiedsrichter jedenfalls blieb bei seiner Sicht der Dinge.

So oder so: Das Kapitel Champions League ist für die Dortmunder vorbei – womöglich für eine etwas längere Zeit. In der Bundesliga beträgt der Rückstand bei sechs Partien auf den Qualifikationsplatz schon sieben Punkte. Es droht eine Auszeit von der finanziell und sportlich lukrativen Königsklasse. Noch aber lebt die Hoffnung bei Terzic. „Wir werden in den restlichen Spielen alles reinwerfen, um nächstes Jahr wieder eine solche Chance zu bekommen“, versprach der Coach. Immerhin bleibt noch eine Titeloption: Der BVB spielt am 1. Mai im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Holstein Kiel.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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