Hans-Joachim Watzke

Fußball-Manager für schwere Momente

Von Daniel Theweleit
14.04.2021
, 18:35
Corona und das sportliche Tief von Borussia Dortmund zwangen Hans-Joachim Watzke zum Umdenken. Der Geschäftsführer des BVB bleibt länger als geplant im Amt – um den Klub aus der Krise zu führen.

Die Bilder von Hans-Joachim Watzke auf leeren Tribünen mit verschränkten Armen, die Stirn oberhalb der Maske in Falten gelegt, sind während der vergangenen Monate zu einem wiederkehrenden Motiv der Fußball-Bundesliga geworden. Die Botschaft dieser Szenen aus den TV-Berichten ist immer gleich: Hier sitzt ein nachdenklicher Mann mit viel Verantwortung, der in schwierigen Tagen vor großen Herausforderungen steht. Wenn gejubelt wird, zeigen die Regisseure andere Menschen, Spieler, Trainer.

Champions League

Der 61 Jahre alte Geschäftsführer von Borussia Dortmund ist das Gesicht der schweren Momente. Er ist dann der Mann, dessen Klub die Champions League zu verpassen droht. Der Mann, der rätselhaft wankelmütige Leistungen eines mit großartigen Spielern besetzten Teams ertragen muss. Der über Trainerwechsel sinniert – und das alles inmitten der Pandemie. „Wenn du in 22 Heimspielen jeweils 4 Millionen Euro einbüßt, dann sind das 88 Millionen“, sagt er über die wirtschaftliche Lage seines Klubs.

Eigentlich plante Watzke, sich im nächsten Jahr aus der Geschäftsführung der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA zurückzuziehen und ein etwas ruhigeres Leben zu führen, doch die Krise hat ihn bewogen, umzudenken. Ende März verlängerte er seinen Vertrag bis Ende 2025. Der gebürtige Sauerländer hat seine Führungsrolle beim BVB im Jahr 2005 übernommen, als der Verein akut von der Insolvenz bedroht war. In der Folge gewann Dortmund Meisterschaften und Pokale, erreichte das Finale der Champions League und wurde zur zweiten Kraft im deutschen Fußball.

„Das ärgert uns“

Nun will Watzke den Verein erst verlassen, wenn die durch die Pandemie entstandenen Schäden halbwegs behoben sind. Und dabei verfolgt er eine klare Strategie. Die Dortmunder hätten die Option, ein, zwei wertvolle Spieler zu verkaufen, um die Fehlbeträge zu kompensieren – die Transferwerte von Jadon Sancho und Erling Haaland werden jeweils auf mehr als 100 Millionen Euro taxiert. Oder sie können sich Geld leihen.

Watzke tendiert „ganz klar in die zweite Richtung“, sagt er. Der BVB brauche „eine starke Mannschaft, und dann müssen wir sehen, dass wir das in den nächsten Jahren wieder aufholen“. Wobei dieses Aufholen wahrscheinlich nicht so schnell gehen wird wie erhofft.

Gerade jetzt, zur pandemischen Unzeit, droht erstmals seit dem Jahr 2015 eine Saison ohne Champions League. 30 bis 35 Millionen Euro würden verlorengehen, wenn die Dortmunder nicht unter die ersten vier der Tabelle kommen. „Das ärgert uns, aber es bereitet uns keine existentiellen Sorgen, weil wir in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben“, sagt Watzke.

Ähnlich gelassen betrachtet er den Kurs der BVB-Aktie, der mit Pandemiebeginn abstürzte und sich seither nur langsam erholt. „Man kann ja nicht ernsthaft glauben, dass es in einer Branche, deren Geschäftsmodell für mehr als ein Jahr komplett wegbricht, zwischenzeitlich keinerlei Kursabschläge geben wird“, sagt er in Anspielung auf die Geisterspiele.

Der Ärger über die wechselhaften Leistungen der Mannschaft war in der vorigen Woche nach einer Heimniederlage gegen Frankfurt allerdings derart groß, dass Watzke kurzerhand vor der Mannschaft eine kleine Rede hielt. „Es hat mir einfach gereicht, und dann werde ich auch mal deutlich“, schildert er. Man dürfe das nicht inflationieren, aber in diesem Falle hatte er „das Gefühl, dass die Spieler zugehört haben“.

Diese Nähe zum Sport hat ihm immer viel bedeutet, und die Mannschaft reagierte mit einer starken Leistung gegen Manchester City. Nach der 1:2-Niederlage bei der derzeit wohl besten Mannschaft der Welt besteht im Rückspiel an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) eine reale Chance, das Halbfinale zu erreichen. Als Krisenmanager ist Watzke derzeit aber auch an anderer Stelle gefragt.

Aus dem Familienunternehmen Watex, das schon lange seine Frau Annette und sein Sohn André führen, hat er sich zurückgezogen. Doch seit eineinhalb Jahren sitzt er im Vorstand der European Club Association (ECA), die von Juventus Turins Präsidenten und Fiat-Vorstand Andrea Agnelli angeführt wird. Diese Organisation ist die treibende Kraft hinter der umstrittenen Champions-League-Reform, mit der etliche Mitglieder anstreben, eine Super League einzuführen.

Die deutsche Stimme ist schwach auf dieser Bühne. Neben dem vergleichsweise prominenten Watzke arbeitet noch Bayern Münchens kaum bekannter Justitiar Michael Gerlinger im 24 Köpfe zählenden ECA-Vorstand mit, wo die Weichen für die Zukunft des professionellen Fußballs gestellt werden. Wenn Watzke von dieser Arbeit erzählt, ist ein gewisser Frust zu spüren, weil hier die Deregulierer aus Südeuropa den Ton angeben, die ohne viel Rücksicht auf Fan-Interessen und nationale Ligen nach immer größeren Einnahmen streben.

Dort Kompromisse machen zu müssen gefällt ihm nicht, Watzke hat einen starken Drang, sich durchzusetzen. „Ich war nie eine gute Nummer zwei“, sagt er gern. In Erfolgszeiten steht er als Mann mit derart eindeutigem Führungsanspruch im Zentrum des Jubels, diese Eigenschaft hat aber auch eine Schattenseite. In weniger guten Zeiten gerät er in den Fokus der Kritiker. Für die Pandemie kann Watzke nichts, aber er ist der für das Ressort Sport zuständige Geschäftsführer, redet mit, wenn große Transfers vollzogen und wenn Trainer gewechselt werden. Damit gehört er zum kleinen Kreis der Hauptverantwortlichen für den schwelenden Verdruss, der sich während der vergangenen Jahre beim BVB festgesetzt hat.

Wissen war nie wertvoller

Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Seit der Trennung von Jürgen Klopp im Jahr 2015 konnte kein Trainer mehr die Vereinsführung und die Anhänger dauerhaft glücklich machen. Mal passte es menschlich nicht wie mit Thomas Tuchel. Unter Peter Bosz und Peter Stöger blieb das Team sportlich hinter den Erwartungen zurück. Der zaudernde Lucien Favre konnte zwar zwei zweite Plätze in der Abschlusstabelle der Bundesliga feiern, das zurückhaltende Wesen des Schweizers stand jedoch im Widerspruch zum Überschwang, der in den besten Zeiten von der Südtribüne auf die Mannschaft überspringen und den ganzen Verein elektrisieren kann. Und Edin Terzic hat es nicht geschafft, das Team unter die ersten vier der Liga zurückzuführen.

Mit der Entscheidung, den Trainerposten vom Sommer an Mönchengladbachs Marco Rose zu übergeben, probieren Watzke und die anderen Verantwortlichen schon ihren sechsten Trainer seit Klopp aus. Nicht zuletzt vom Funktionieren dieser Maßnahme wird abhängen, wie einmal auf Watzkes Krisenmanagement in der Pandemie zurückgeblickt werden wird.

Watzke wehrt sich gegen Guardiola-Kritik

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund hat die Kritik von Teammanager Pep Guardiola vom Champions-League-Gegner Manchester City an der Transferpolitik des BVB mit deutlichen Worten gekontert. „In den letzten fünf Jahren haben sie fast eine Milliarde Euro für neue Spieler ausgegeben“, sagte Watzke der BBC: „In fünf Jahren. Wer hat die Möglichkeit zu so etwas? Er sollte andere Vereine nicht kritisieren.“

Guardiola hatte sich im Vorfeld des Viertelfinal-Hinspiels (2:1 für Manchester) kritisch über den Umgang der Dortmunder Verantwortlichen mit Beraterhonoraren geäußert: „Sie geben eine Menge Geld aus und bezahlen viel Geld an Berater, damit sie diese Spieler bekommen, die eine unglaubliche Qualität haben.“ Dortmunds Transferstrategie, junge Talente zu verpflichten und gewinnbringend weiterzuverkaufen, funktioniere laut Watzke „fantastisch, aber es ist schwierig, damit eine Mannschaft zu entwickeln. Es ist der einzige Weg für Borussia Dortmund.“ (sid)

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot