2:3 im Viertelfinale

Dortmunds große Moral nicht belohnt

Von Richard Leipold, Dortmund
12.04.2017
, 20:40
Aubameyang und Dortmund hatten nicht das nötige Glück.
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Unter schwersten Umständen nach dem Anschlag auf den Bus verliert Dortmund das Hinspiel im Viertelfinale der Champions League gegen AS Monaco. Dabei hat der BVB auch viel Pech.
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Am Morgen hatten die Fußballprofis von Borussia Dortmund mit ihren Vorgesetzten lange über das gesprochen, was am Abend auf sie zukommen würde beim Champions-League-Spiel gegen AS Monaco, nicht einmal 24 Stunden nach dem Attentat auf den Dortmunder Mannschaftsbus. „Wir haben das ganze Für und Wider diskutiert. Im Endeffekt bin ich der Mannschaft unheimlich dankbar, dass sie sich zur Verfügung gestellt hat“, sagte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung.

„Es geht nicht nur darum, ein Fußballspiel zu absolvieren. Heute stehen die Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand. Die müssen wir stärken. Da leistet die Mannschaft heute einen weltweit beachteten Beitrag. Das ist das Allerwichtigste.“ Den erhofften Beitrag in Form von Toren und Punkten vermochten die Dortmunder aber letztlich nicht zu leisten. Trotz einer starken Leistung in der zweiten Halbzeit unterlag der BVB dem Tabellenführer der Ligue 1 im Viertelfinalhinspiel 2:3. Die Tore von Ousmane Dembélé (57. Minute) und Shinji Kagawa (84.) reichten nicht, den Rückstand noch auszugleichen. Zwei Tore von Kylian Mbappé (19./79.) und ein Eigentor von Sven Bender verschafften Monaco ein stabiles Fundament für das Rückspiel in einer Woche.

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Als alle elf Namen der Dortmunder Mannschaftsaufstellung verlesen waren, nannte Stadionsprecher Norbert Dickel noch den Namen eines Spielers, der gar nicht im Stadion war. Verbunden mit herzlichen Grüßen ins Krankenhaus rief er „Marc“! – und die große Mehrheit der knapp 66.000 Zuschauer schrie „Bartra!“. Der spanische Innenverteidiger war körperlich am schwersten getroffen worden von den drei Sprengsätzen, die tags zuvor bei der Anreise am Bus der Dortmunder Mannschaft explodiert waren. Bartra war noch in der Nacht an der rechten Hand operiert worden. Vor dem Anpfiff hatte sich auch Bartra an die Öffentlichkeit gewandt. Der Profi schickte via Twitter ein Foto, das seine unverletzte Hand mit hoch gestrecktem Daumen zeigte. Dazu schrieb er: „Wie ihr seht, geht es mir schon viel besser.“

Am Abend mussten Bartras kickende Kollegen wieder vor großem Publikum ihren Dienst verrichten. Diesmal hatte ein Ersatzbus, ein Duplikat des am Vorabend beschädigten Fahrzeugs, die Spieler pünktlich und unversehrt an ihren Arbeitsplatz gebracht – in ein Stadion, das von Polizeikräften noch stärker gesichert wurde als sonst, ohne dass dies für die Besucher beim Einlass spürbare Erschwernisse mit sich brachte. Bevor die BVB-Profis ihre offizielle Arbeitskleidung – schwarze Hose, gelbes Trikot – anzogen, hatten sie T-Shirts getragen, die mit einem aufmunternden Spruch für den spanischen Patienten bedruckt waren. „Mucha Fuerza!“ Viel Kraft!

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Viel Kraft brauchten auch die übrigen Profis, die am Mittwochabend zum Nachholspiel im größten deutschen Fußballstadion erschienen waren. Nach einer kurzen, unruhigen Nacht mussten sie, so gut es ging, versuchen, sich wieder auf Fußball zu konzentrieren. Thomas Tuchel hatte schon vor dem Spiel Verständnis für den Fall geäußert, dass dies dem einen oder anderen Spieler nicht gelingen sollte.

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Champions League
BVB dreht gegen Monaco zu spät auf

„Wir hätten uns gewünscht, dass wir mehr Zeit bekommen hätten, das von gestern zu verarbeiten. Letztendlich wurde in Nyon in der Schweiz entschieden, ob gleich noch oder am nächsten Tag gespielt wird, ohne dass irgendwie das Ausmaß klar war“, sagte der Trainer des BVB in einem Fernsehinterview kurz vor dem Anpfiff. „Es gibt Spieler, die haben es lockerer weggesteckt. Aber es gibt auch Spieler, die hat es sehr mitgenommen. Die sind nachdenklicher. Es ist eine sehr gemischte Gefühlslage für alle.“ Die Fähigkeit, den Anschlag zu verarbeiten, hat in Tuchels Augen nichts mit Professionalität zu tun. „Profi bist du dann, wenn du für alle sportlichen Probleme eine Lösung findest. Gestern ist uns das als Menschen widerfahren, das steckt allen in den Knochen“, sagte der Trainer, deshalb habe er jedem Spieler „freigestellt, gegen Monaco zu spielen“.

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BVB-Geschäftsführer Watzke hatte vor dem Spiel an die Fans appelliert, „unser Team neunzig Minuten lang mit voller Energie zu unterstützen“. Alle Zuschauer seien dazu aufgerufen, der Mannschaft dabei zu helfen, über sich hinauszuwachsen.“ Das ist ihr, bei allem Bemühen, in der ersten Hälfte (noch) nicht gelungen. Zwar hatte sich Dortmund in der Anfangsphase die Möglichkeit geboten, in Führung zu gehen, aber Pierre-Emerick Aubameyang schoss nach einem Steilpass von Piszczek aus kurzer Entfernung über das Ziel hinaus.

© Opinary

Nach gut einer Viertelstunde mussten die Borussen den ersten Schrecken des Spiels verkraften. Nachdem das monegassische Ausnahmetalent Kylian Mbappé im Zweikampf mit Sokratis zu Fall gekommen war, erkannte der italienische Schiedsrichter Daniele Orsato auf Elfmeter, doch Mittelfeldspieler Fabinho schoss den Ball am linken Pfosten vorbei. Dieses Missgeschick vermochte die Franzosen in ihrem Tatendrang aber nicht zu stoppen. Drei Minuten später gingen sie in Führung – besonders ärgerlich für Dortmund war dabei, dass Mbappé den Treffer aus einer Abseitsposition erzielte.

Auch das zweite Gegentor fiel aus Dortmunder Sicht überaus unglücklich. Als ein Flanke von links auf ihn zuflog, kam Sven Bender seinem Gegenspieler Falcao zwar zuvor, beförderte den Ball aber mit einem Flugkopfball unfreiwillig ins eigene Netz. Beinahe tragisch dabei: Bender war nach langer Verletzungspause wohl deshalb in die Startelf gerückt, weil Bartra aufgrund des Anschlags nicht spielen konnte. Der vielseitige Defensivmann hatte aufgrund von Verletzungen in der Rückrunde noch kein einziges Pflichtspiel bestritten. Das Comeback kam offenbar zu früh für Bender; er wurde, ebenso wie Kapitän Marcel Schmelzer, in der Halbzeitpause ausgewechselt. Mit den beiden frischen Kräften Nuri Sahin und Christian Pulisic kam der BVB nach dem Seitenwechsel in Schwung.

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Der Mannschaft gelang es mehr und mehr, ihre Hemmungen abzulegen. Trotz des Rückstandes dachten die Dortmunder nicht daran, die Partie schon verloren zu geben. Von ihren Fans frenetisch angefeuert, kamen sie zu Chancen – und nach knapp einer Stunde auch zum Anschlusstor. Nach Sahins Spielverlagerung gelangte der Ball über Guerreiro, Aubameyang und Kagawa zu Dembélé, der die Kombination aus kurzer Entfernung vollendete. Danach entwickelte sich ein Sturmlauf, bei dem der BVB drauflos stürmte wie eh und je, als hätte es den Terrorakt vom Vorabend nicht gegeben. Doch nach Ballverlust im Mittelfeld zerstörte Mbappé mit einem schnellen Gegenstoß die Dortmunder Hoffnungen, den Schmerz vom Vorabend mit einem sportlichen (Teil-)Erfolg zu lindern. Der abermalige Anschlusstreffer von Kagawa kam zu spät.

„Bis zum Anpfiff war bei mir alles im Kopf, nur kein Fußball. Was gestern passiert ist, wünsche ich niemandem. Wir haben erst Zuhause realisiert, wieviel Glück wir hatten. Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist, aber wir sind auch nur Menschen“, sagte Nuri Sahin und Julian Weigl ergänzte: „Jeder funktioniert in so einer Situation anders. Wir konnten am Anfang nicht so frei spielen. In der zweiten Halbzeit haben wir die Köpfe ausgeschaltet und Gas gegeben.“ Ein Lob gab es von Trainer Thomas Tuchel: „Die Sache ist nicht vergessen oder verarbeitet. Wir haben das Beste daraus gemacht. Die Mannschaft hat Mut und Courage gezeigt.“ Der Spielverlauf sei aber nie auf Dortmunder Seite gewesen. Es sei aber erst Halbzeit. „Wir haben keine Lust, da auszuscheiden.“

Quelle: FAZ.NET
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