Champions-League-Finale

Der Liverpooler Albtraum ist Real

Von Christian Kamp, Paris
28.05.2022
, 23:35
Freudenschreie in den Nachthimmel über Paris: Real Madrid gewinnt die Champions League.
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In der Schlussphase wirft der FC Liverpool nochmal alles nach vorne, doch das Team von Trainer Jürgen Klopp kämpft vergebens. Nach dem Endspiel der Champions League jubelt einzig Real Madrid.
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In der 59. Minute bekam Fede Valverde so eine Ahnung. Er bemerkte, dass sich vor ihm ein Raum auftat, kein Andrew Robertson in der Nähe, der ihn schloss, auch kein anderer Liverpooler. Erst machte Valverde ein paar vorsichtige Schritte, dann ein paar entschlossene, dann, schon an der Strafraumkante, schoss er Richtung Liverpooler Tor, und weil dort, am zweiten Pfosten noch ein anderer Madrilene so eine Ahnung hatte, Vinicius Junior, wurde daraus der Moment, der das Champions-League-Finale entschied.

Champions League

Nach dem 1:0-Sieg am späten Samstagabend feierte Real eine große Fiesta in Paris, während sich Liverpool von finsteren Fußballmächten verfolgt vorkommen musste. Wieder Real, wieder verloren, wieder schmerzhaft, auch wenn die Umstände diesmal ganz andere waren. Die Mannschaft von Jürgen Klopp scheiterte an der madrilienischen Resilienz, an Torwart Thibaut Courtois – und ein bisschen auch an sich selbst.

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Damit endet auch die Serie deutscher Trainer, die die Champions League zuletzt drei Mal gewannen, Klopp, Hansi Flick, Thomas Tuchel, stattdessen ist Carlo Ancelotti nun alleiniger Rekordhalter mit vier gewonnenen Champions-League-Pokalen. Für Madrid war es der 14. Sieg, und der achte in acht Finals, seit der Wettbewerb als Champions League firmiert. Damit ist Real auch Gegner der Frankfurter Eintracht im europäischen Supercup am 10. August in Helsinki, aber das war an diesem Samstagabend im Stade de France, wohin das Finale infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine von Sankt Petersburg verlegt worden war, noch weit weg.

Anpfiff mehr als 30 Minuten verspätet

Es war ein Abend, der viel Geduld erforderte. Als das große Finale beginnen sollte, tat sich nämlich erst einmal: nichts. Gähnende Leere auf dem Spielfeld um 21 Uhr, auch die gerade noch aktiven Rasensprenger hatten den Dienst eingestellt. Der Anpfiff war verschoben, mal hieß es, weil so viele Fans verspätet vor den Toren stünden, dann wieder, in nicht gerade beruhigender Unklarheit, „aus Sicherheitsgründen“. Dass etwas nicht stimmte, konnte man beim Blick auf die Liverpooler Kurve sehen, die war in den oberen Rängen nur etwa zur Hälfte gefüllt, während die madrilenische Kurve in nahezu lückenlosem weiß leuchtete.

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Helikopteraufnahmen zeigten eine größere Zahl von Menschen vor den Eingängen auf Liverpooler Seite. Es gab nun Berichte, dass sich Liverpool-Fans ohne gültige Tickets Zugang zum Stadion verschafft hätten, woraufhin die Zugänge gesperrt worden seien. Bilder in den sozialen Netzwerken zeigen Fans, die über Zäune kletterten, es gab Berichte über den Einsatz von Tränengas, das ganze Ausmaß des Chaos und die Verantwortlichkeit wird noch zu untersuchen sein. Ein unerfreulicher Beginn war es allemal.

© Youtube

Als der mit dem Friedenswunsch „Peace – Mir“ bedruckte Ball mit 36-minütiger Verspätung rollte, war schnell klar, worauf Liverpool es abgesehen hatte, voller Schärfe und Entschlossenheit jagten sie Ball und Gegner, Blues nach der verpassten Meisterschaft? Von wegen, auf dem frisch verlegten Rasen von Paris herrschte Code Red. Ein bisschen Anlaufzeit brauchte Klopps Team, um sich auch dem Tor zu nähern, aber nach einer guten Viertelstunde war es so weit. Kein Zufall, dass Trent Alexander-Arnold bei zwei von drei Chancen beteiligt war, der Rechtsverteidiger schob das Spiel derart dynamisch an, dass Bundestrainer Flick neidisch werden musste, auch Mo Salah war zwei Mal beteiligt.

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Einen kurzen Schreckmoment hatte es für Liverpool beim Aufwärmen gegeben, als Thiago Alcántara das Programm unterbrechen musste, doch der frühere Bayern-Profi, eine Schlüsselfigur in Klopps Team, konnte mitmachen. Ein womöglich künftiger Bayer schnupperte dann an der Liverpooler Führung. Sadio Manés Schuss aus gut 16 Metern lenkte Courtois mit den Fingerspitzen unter gerade noch günstigen geometrischen Umständen an den Innenpfosten.

Stand dem möglichen Ausgleich gleich mehrmals im Weg: Real-Madrid-Torhüter Thibaut Courtois
Stand dem möglichen Ausgleich gleich mehrmals im Weg: Real-Madrid-Torhüter Thibaut Courtois Bild: AP

Auch Real konnte in Wunschbesetzung in dieses Finale gehen, Ancelotti setzte auf Toni Kroos und Casemiro als strategischer Zentrale. Auf Kroos‘ Ballruhe und Druckresistenz war Verlass in der Anfangsphase, und nach den unruhigen Minuten um die Liverpooler Hochdruckphase sammelte Real sich insgesamt wieder, auch Widerstandsfähigkeit ist bekanntlich eine Fußballkunst – und punktgenaue Konter gegen drängende und aufgerückte Liverpooler eine probate Strategie.

So war es gegen Ende der ersten Hälfte nicht einmal mehr völlig überraschend, wenn auch die Umstände kurios waren, dass der Ball plötzlich im Tor der „Reds“ lag. Schiedsrichter Turpin aus Frankreich entschied sofort auf Abseits, als Karim Benzema getroffen hatte, aber die Sache war diffizil, wie der mehrminütige Videocheck bewies.

Zwei, die das Finale prägten: Madrids Karim Benzema (links) und Liverpools Trent Alexander-Arnold
Zwei, die das Finale prägten: Madrids Karim Benzema (links) und Liverpools Trent Alexander-Arnold Bild: AFP

Eigentlich hatte Benzema die Chance ja schon vertändelt, durch ein Missverständnis von Torwart Alisson und Konaté kam der Ball über einen Umweg noch einmal zu Benzema. Bei diesem Umweg war entscheidend, dass der richtungsgebende Impuls vom Madrilenen Valverde kam und nicht von den dazwischengrätschenden Liverpooler Abwehrbeinen.

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Durchatmen für Klopp & Co. in diesem Spiel, das auch einen Flashback in die Vergangenheit bedeutete. Es gebe so viele Gründe, für dieses Finale motiviert zu sein, hatte Klopp am Vortag des Finales gesagt, als er auf das Thema Rache – oder Revanche – für 2018 angesprochen wurde. Das verlorene Endspiel vor vier Jahren sei nur einer davon.

Alleingelassen: Vinícius Júnior kann unbedrängt für Real Madrid einschieben.
Alleingelassen: Vinícius Júnior kann unbedrängt für Real Madrid einschieben. Bild: Reuters

Das klang zu lapidar, um die ganze Wahrheit zu sein. Die 1:3-Niederlage von Kiew, sie hatte sich tief und schmerzhaft in die Psyche der „Reds“ hineingefressen, die Tränen Salahs nach seiner frühen Verletzung infolge eines Haltegriffs von Sergio Ramos, dessen Einsatz gegen Loris Karius, der dem Torwart eine Gehirnerschütterung bescherte, wie Klopp in Paris noch einmal hervorhob. Dass sein Teams personell damals nur „auf drei Rädern“ angekommen sei, wie Klopp sagte, hatte sein Übriges getan.

Insofern waren die Reds in der 2022er Version nicht wiederzuerkennen, nun spielten sie schon ihr drittes Champions-League-Finale in fünf Saisons – und galten den meisten als Favorit, zumal Real dieses Endspiel letztlich auf verwegene, aber auch ungewohnt verletzliche Art erreicht hatte. Aber genau das war gewissermaßen der Elefant, der im Raum stand, je länger das Spiel dauern würde, desto mehr würde auch der madrilenische Mythos in den Köpfen der Liverpooler Spieler wachsen, der von sieben Siegen in sieben Champions-League-Finals und auch der frische der Comeback-Künstler und späten Party-Crasher.

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Liverpool hatte nun immer noch mehr vom Spiel, Alexander-Arnold schnitt zwei Bälle vielversprechend Richtung Tor, aber so richtig zwingend sah es nun nicht mehr aus, die letzte Überzeugung, vielleicht auch die letzte Spur Frische fehlte. Und Madrid wusste, dass nun womöglich irgendwann eine Tür aufgehen würde.

Enttäuschung pur: Liverpools Trainer Jürgen Klopp und Jordan Henderson
Enttäuschung pur: Liverpools Trainer Jürgen Klopp und Jordan Henderson Bild: EPA

Nach der Führung für Real rannte Liverpool verzweifelt an, Klopp brachte Diogo Jota für den wirkungslosen Luis Díaz, später noch Roberto Firmino und Naby Keita für Thiago und Henderson. Manches wirkte nun überhastet und ungenau, aber ein, zwei und dann noch ein drittes Mal schien Salah das Glück finden zu können, aber ein, zwei und noch ein drittes Mal hatte der famose Courtois etwas dagegen.

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Für acht seiner Kollegen ist es schon der fünfte Champions-League-Titel, etwa für Kroos, der nach dem Spiel von einem „ganz besonderen Titel“ sprach, weil in Paris alle seine Kinder im Stadion waren: „Das ist nicht zu beschreiben, wie schön das ist.“ Für den Belgier Courtois aber war dieser Sieg der erste. 2014 hatte er das Finale mit Atlético gegen Real verloren. „Jetzt“, hatte er am Tag vor dem Finale gesagt, „bin ich auf der richtigen Seite.“ Er hatte da so eine Ahnung.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kamp, Christian
Christian Kamp
Sportredakteur.
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