Champions League in Paris

Darum ist „Christo“ so wichtig für Leipzig

Von Sebastian Stier
19.10.2021
, 11:10
Der Spielstil noch exzentrischer als die Frisur: Christopher Nkunku
RB Leipzig droht das schnelle Aus in der Champions League. An Christopher Nkunku liegt es nicht. Nun wartet auf ihn eine ganz spezielle Partie. An Paris hat der Franzose schmerzliche Erinnerungen.
ANZEIGE

Im schicken Leipziger Stadtteil Gohlis lebt Jesse Marsch in einem Mehrfamilienhaus neben einem Mann, den er dort selten sieht, noch seltener hört und nicht nur deshalb dazu beiträgt, dass der Fußballtrainer ein recht angenehmes Leben führen kann. Vor allem auf beruflicher Ebene hat Marsch seinem Nachbarn einiges zu verdanken, ohne ihn wäre dieser Herbst deutlich ungemütlicher verlaufen, als er es an manchen Tagen ohnehin schon war.

Champions League

Die Rede ist von Christopher Nkunku, Stürmer, dessen Tore derzeit einige Unzulänglichkeiten im Spiel von RB überdecken. Marsch nennt Nkunku „Christo“, so wie den einstigen Künstler, was allein deshalb passt, weil Nkunku an guten Tagen in der Lage ist, sein Spiel zur Kunstform zu erheben. Dann schießt er Tore von atemraubender Anmut, so wie gegen den VfL Bochum, als er den Ball über den Torwart hob. Nkunku kann aber auch ganz zweckmäßig treffen, mit dem Kopf oder mit der Innenseite, ganz gleich.

ANZEIGE

An diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) werden seine Fähigkeiten im Spiel bei Paris Saint-Germain mehr denn je gefragt sein. RB Leipzig befindet sich in der Champions League nach zwei Niederlagen zum Auftakt gegen Manchester City und Brügge in argen Nöten. Sollte wieder nicht gewonnen werden, wäre das Aus wohl unumgänglich. An Nkunku liegt es aber nicht, dass RB so schwach gestartet ist.

Torbeteiligungen am Fließband

Der 23 Jahre alte Angreifer traf in den zwei Spielen viermal, nur der ehemalige Frankfurter Sebastien Haller von Ajax Amsterdam war bisher erfolgreicher. Beim wilden Auftakt in Manchester (3:6) schoss Nkunku gegen City sogar drei Tore. Zum Sieg reichten die nicht, Manchesters Trainer Pep Guardiola schnalzte aber später mit der Zunge. Ein „super Spieler“ sei dieser junge Mann, sprach Guardiola, was sich auch an Zahlen belegen lässt.

ANZEIGE

Auf 13 Scorerpunkte, also Tore und Vorlagen, kommt Nkunku in elf Pflichtspielen in dieser Saison. Seine Leistungen haben diverse Großklubs aufmerksam werden lassen. Die ganze Klaviatur der Elite wurde zuletzt gespielt. Überraschend ist das nicht, Nkunkus Berater ist Pini Zahavi, der beste Kontakte zu den Reichen und Superreichen unterhält und der so manche Verantwortliche, unter anderem auch die des FC Bayern, in Vertragsgesprächen an den Rand des Nervenzusammenbruchs trieb. Die Leipziger Entscheider haben in dieser Hinsicht aber kaum etwas zu befürchten. Nkunkus Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2024, eine Ausstiegsklausel gibt es dem Vernehmen nach nicht.

Mit seinen Fähigkeiten am Ball bringt „Christo“ den einen oder anderen Gegenspieler zur Verzweiflung.
Mit seinen Fähigkeiten am Ball bringt „Christo“ den einen oder anderen Gegenspieler zur Verzweiflung. Bild: Reuters

Zu den Interessenten gehört angeblich auch Gegner Paris Saint-Germain. Eine mögliche Rückholaktion dürfte aber teuer werden. Nkunku hat seinen Wertwert inzwischen beinahe vervierfacht, seit er 2019 für 13 Millionen Euro aus Paris nach Leipzig kam. Als wertvollster Nichtnationalspieler der Welt gilt Nkunku, auf eine Einladung für die französische Nationalmannschaft wartet er bisher vergebens. „Es hat mich schon gewundert, dass Christo nicht nominiert wurde“, sagte Marsch vor der jüngsten Länderspielserie Anfang Oktober.

ANZEIGE

Sportlich unterhält Nkunku ein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimat. In die Pariser Jugendakademie war er im Alter von 13 Jahren gewechselt. Als absolutes Versprechen, sehr schnell und technisch hochbegabt. In den Pariser Nachwuchsteams zählte er regelmäßig zu den Jahrgangsbesten. Nur verhelfen selbst herausragende Fähigkeiten nicht automatisch zu einer Karriere bei PSG, das musste Nkunku schmerzlich erfahren.

Schon wieder ein Spiel gegen Paris

In der zusammengekauften Weltauswahl hatte er als Junge aus dem eigenen Haus einen schweren Stand. Von atmosphärischen Spannungen war die Rede. Schon vor drei Jahren waren die Plätze in der Offensive an Neymar und Kylian Mbappé vergeben, inzwischen ist auch noch Lionel Messi da. Die Einsatzzeiten, die Nkunku sich wünschte, bekam er vom damaligen Trainer Thomas Tuchel nicht. Das gleiche Schicksal erfuhren viele, die wie Nkunku zuvor in der Akademie geglänzt hatten.

Auf seinen alten Verein trifft Nkunku nun schon zum vierten Mal. PSG gegen RB Leipzig hat sich zum Dauerduell in der Champions League entwickelt. Die Rolle des Leipziger Protagonisten hat Nkunku aber zum ersten Mal inne. Sein Formanstieg hat nicht nur damit zu tun, dass er während der Sommerpause mit einem Privattrainer ackerte und fünf Kilo Muskelmasse draufpackte, viel ist auch Trainer Marsch anzurechnen. Unter dessen Vorgänger Julian Nagelsmann kam Nkunku hauptsächlich auf der linken Seite zum Einsatz.

Marsch stellt den Franzosen dagegen bevorzugt ins offensive Zentrum, wo Nkunku alle Freiheiten eines Kreativgeistes besitzt. Dass Trainer und Spieler ein besonderes Verhältnis unterhalten, wurde in der vergangenen Woche sichtbar. Da verließ Nkunku wütend und frustriert einfach den Trainingsplatz, Marschs Aufforderung zum Umkehren kam er nicht nach. Einen Tag später erklärte der Leipziger Trainer die Angelegenheit für ausgestanden, man habe sich schnell ausgesprochen. Einen weiten Weg musste Marsch dafür nicht aufnehmen. Notfalls hätte ein Klingeln beim Nachbarn gereicht.

Paris-Star Neymar fällt gegen Leipzig aus

Paris Saint-Germain muss in der Champions League gegen Fußball-Bundesligaverein RB Leipzig auf Neymar verzichten. Der brasilianische Superstar sei mit Adduktorenproblemen von seiner Nationalmannschaft zurückgekehrt und müsse sich für einige Tage behandeln lassen. Das Spiel am Dienstag komme deshalb nicht infrage, teilte der französische Klub mit.

Neben Neymar fehlt zudem wie erwartet der spanische Innenverteidiger Sergio Ramos. „Die Gesundheit des Spielers hat Vorrang. Es ist nur ein kleines Problem und wird hoffentlich in wenigen Tagen geklärt sein“, sagte Trainer Mauricio Pochettino am Montag auf einer Pressekonferenz zu Neymars Verletzung. Im Angriff kann der Coach dennoch auf Lionel Messi und Kylian Mbappé setzen. „Wir sind mit der Integration von Leo Messi sehr zufrieden. Er fühlt sich besser und besser.“ (dpa)

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE