Aus in Champions League

Die Entzauberung des großen FC Barcelona

Von Christopher Meltzer, München
09.12.2021
, 08:17
Oscar Mingueza (links) und Sergio Busquets nach dem Spiel in München
Beim Aus in der Champions League in München verliert Barça den letzten Funken der einstigen Faszination. Das 0:3 beim FC Bayern ist ein Tiefpunkt. Die Art des Untergangs überrascht auch Thomas Müller.
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Als der Tiefpunkt fast erreicht war, standen Thomas Müller und Sergio Busquets im Stadion in München und diskutierten – und man musste sofort an die Höhepunkte denken. Der Deutsche und der Spanier haben sich mit ihren Mannschaften, dem FC Bayern und dem FC Barcelona, in spektakulären Spielen gegenseitig an Grenzen getrieben. Sie setzten Maßstäbe. Sie faszinierten Fans. Sie gewannen die Champions League, den hochwertigsten Wettbewerb des Weltfußballs.

Champions League

Jetzt standen sie in einem leeren Stadion und diskutierten über ein Foul, das keine Rolle spielte. Denn wer in diesem Moment erst hoch auf das Ergebnis an der Anzeigetafel und dann runter auf Müller und Busquets schaute, sah zwei Männer mit großer Vergangenheit, aber nur einen Mann mit großer Gegenwart.

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Am Mittwochabend haben der große Thomas Müller und der große FC Bayern in der Champions League 3:0 gewonnen. Sie haben in der ersten Saison unter dem Trainer Julian Nagelsmann in sechs Vorrundenspielen sechs Siege gesammelt. Und obwohl das ganz schön beachtlich ist, verachtet man den historischen Moment, wenn man diese Geschichte aus ihrer Sicht erzählt. Nein, man muss schreiben: An diesem Abend haben der große Sergio Busquets und große FC Barcelona verloren. Nicht nur ein Spiel, nicht nur einen Platz im Achtelfinale, sondern auch den letzten Funken der Faszination, der um diese Mannschaft geflogen ist.

„Wir fühlen uns machtlos“

„Heute ist ein trauriger Tag“, sagte Xavi, der als Spieler die Verzauberung von Barcelona in Barça mitverursacht hat, aber als Trainer die Entzauberung von Barça in Barcelona nicht aufhalten konnte. Er hat vor einem Monat den überforderten Ronald Koeman ersetzt und sollte den Klub noch in die K.o.-Phase der Königsklasse führen. Er scheiterte, weil Barcelona in München verlor und Benfica Lissabon über Kiew siegte.

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Als die Katalanen das bisher letzte Mal in der Vorrunde aus der Champions League ausgeschieden sind, war Angela Merkel noch nicht Bundeskanzlerin. „Es gibt viele Umstände, die uns an diesen Punkt geführt haben“, sagte Xavi – und fügte dann noch einen Satz an, den er als Spieler nie hatte aussprechen müssen: „Wir fühlen uns machtlos.“

Ein Tiefpunkt. Einer, der sich in dem Match in München schon in der dritten Minute angedeutet hat, als Busquets für ein Foul die Gelbe Karte kassierte. Ein Foul von Barça? Ein Foul von Busquets? Das gab’s früher, als der Trainer Pep Guardiola das Kommando hatte, so gut wie nie. Er hat mit Messi, Xavi, Iniesta und auch Busquets das schöne Spiel aufgeführt.

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Und nun vielleicht aus dem fernen Manchester mitangeschaut, wie Thomas Müller (34. Minute), Leroy Sané (43.) und Jamal Musiala (62.) seinen alten Verein mit ihren Toren vorführten. Aus der Perspektive der Pep-Romantiker muss es schwer zu ertragen sein, wie Barcelona gegen den Ball verteidigt und vor allem mit dem Ball spielt. Ohne Witz und ohne Wucht. Man könnte auch sagen: langweilig.

Der neue Trainer Xavi erlebte den alten Zauber noch auf dem Rasen mit.
Der neue Trainer Xavi erlebte den alten Zauber noch auf dem Rasen mit. Bild: AP

In der Welt von Barça ist das ein Schimpfwort. Es gibt aber natürlich Faktoren, mit denen sich die Langeweile erklären lässt. Auf dem Klub lasten 1,35 Milliarden Euro Schulden. „Wir wissen alle um die wirtschaftlichen Zustände des FC Barcelona“, sagte Müller im „DAZN“-Interview, „aber ich habe es nicht kommen sehen, dass sie in dieser Gruppe dann auf diese Art und Weise untergehen. Es liegt ein wenig an der Intensität, da ich das Gefühl habe, dass sie diese Intensität nicht gehen können. Spielerisch und taktisch sind sie super, aber die Intensität des Spitzenfußballs können sie aktuell nicht mitgehen.“

Man sah nicht nur den Unterschied zwischen Bayern und Barcelona, man hörte ihn auch. Auf dem Platz. Und in der Pressekonferenz. Als Xavi auf die drängendsten Fragen geantwortet hatte, setzte sich Julian Nagelsmann auf den Stuhl und merkte an, dass „Ballhaltezeiten“ seiner Spieler zwischendurch „zu lang“ gewesen sein. Was ein Kontrast! Er sagte dann auch noch vor der Auslosung der Achtelfinalpaarungen an diesem Freitag: „Wir wollen die Champions League gewinnen.“

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Und was will der FC Barcelona? „Heute fängt eine neue Etappe an“, sagte Xavi. „Wir wollen Barcelona wieder dahin hieven, wo es hingehört.“ Er meint: die K.o.-Runde der Champions League. Im neuen Jahr müssen sie fürs Erste aber eine Liga weiter unten antreten: in der Europa League.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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