Bayern in der Champions League

Eine andere Welt

Von Christopher Meltzer, Barcelona
15.09.2021
, 20:23
Körpersprache: Thomas Müller (li.) trifft und strotzt vor Selbstbewusstsein.
Ein Sieg in Barcelona: Für Trainer Julian Nagelsmann ist genau das der Anspruch, der nicht nur viel über sein eigenes Team erzählt, sondern auch über den hilflosen Gegner.
ANZEIGE

Am späten Dienstagabend, als die Fans oben schon aus dem Stadion in Barcelona verschwunden waren, saß Julian Nagelsmann, der Trainer des FC Bayern München, unten im Presseraum und sagte einen erstaunlichen Satz: „Ich bin das erste Mal bei einem Klub, wo man auch auswärts in der Champions League nicht als Underdog hinfährt, sondern als einer, der gewinnen sollte.“ Es war nicht erstaunlich, was er sagte, sondern wo er es sagte. Er saß nicht im Estádio da Luz in Lissabon oder im Olimpijskyj in Kiew, wo er mit seiner neuen Mannschaft in der Vorrunde der Champions League in den nächsten Wochen antreten wird. Er saß im Camp Nou in Barcelona, wo in diesem Jahrhundert so schön Fußball gespielt worden ist wie in wohl keinem anderen Stadion des Planeten.

ANZEIGE

Ist das wirklich ein Ort, an dem der FC Bayern „gewinnen sollte“?

Champions League

Ja, im September 2021 ist das so. An diesem Abend im Camp Nou erinnerten nämlich nur noch die Farben der Trikots an den FC Barcelona, der mit seinem Spielstil den Sport so geprägt hat. Auf dem Rasen rannten unter anderen auch Gerard Piqué und Sergio Busquets, der Abwehr- und der Mittelfeldkünstler, in den rot-blauen Shirts. Unter dem Trainer Pep Guardiola waren sie Mitgestalter in einer spektakulären Mannschaft. Unter dem Trainer Ronald Koeman sind sie mittlerweile Mitläufer in einer unspektakulären Mannschaft, die sich im eigenen Stadion kaum wehren konnte. „Wir haben probiert, das Maximum zu machen“, sagte Koeman später laut dem Dolmetscher in der Pressekonferenz. Das Maximum war dann: ein 0:3. Und weil diese drei Tore durch Thomas Müller (34. Minute) und Robert Lewandowski (56., 85.) eigentlich noch zu wenig waren, sagte Joshua Kimmich, ein weiterer Gast aus München, etwas weniger zurückhaltend: „Wir hätten höher gewinnen können.“

Es ist in den vergangenen Jahren sicher nicht oft vorgekommen, dass ein Auswärtsspieler im Camp Nou so ein Fazit guten Gewissens formulieren durfte. „Wenn du hier 3:0 gewinnst, ist das ein ganz wichtiges Signal“, sagte Thomas Müller – und erklärte dann aber nicht, wie man dieses Signal interpretieren sollte: Waren die Gewinner einfach so überlegen oder die Verlierer einfach so unterlegen?

„Sie haben heute gezeigt, dass sie besser sind als wir“, sagte Ronald Koeman, der aus der ersten Reihe mitansehen musste, wie seine Spieler jene aus München nur einmal richtig überrumpelten. In der 28. Minute stand der Verteidiger Ronald Araujo, der für einen Freistoß seine Position verlassen hatte, unbedrängt im Strafraum. Er köpfte den Ball aber über das Tor. Und sonst? „Wenn man vorne nicht die Geschwindigkeit hat, ist es sehr schwer zu gewinnen“, sagte Koeman. Es war aber nicht nur die Geschwindigkeit in den Beinen, die nicht da war, sondern vor allem auch die Geschwindigkeit in den Gedanken und in den Pässen. Der neuen Barça-Mannschaft fehlen die alten Barça-Eigenschaften.

Jordi Alba schaut nicht mehr hin.
Jordi Alba schaut nicht mehr hin. Bild: Witters

Wenn man sich vor dem ersten Saisonspiel in der Champions League in der Nähe des Camp Nou umschaute, sah man die Fans von einem Klub, der körperlich in der Realität der Gegenwart angekommen ist, aber sich gedanklich noch nicht von der Vergangenheit gelöst hat. An den Ständen vor dem Stadion verkauften Männer und Frauen Trikots mit der Nummer 10. Auf diesen stand aber nicht der Name von Ansu Fati, der diese Nummer von nun an tragen wird, sondern von Lionel Messi, dem Wunderspieler, der sie in den vergangenen 13 Jahren getragen hat. Doch Messi ist weg – weil sich der FC Barcelona (Bruttoschulden: 1,35 Milliarden Euro) ihn nicht mehr leisten kann. Die Sache ist nur: Obwohl die Qualität des Kaders – statt Lionel Messi und Antoine Griezmann (verliehen an Atlético Ma- drid) spielen im Sturm Memphis Depay und Luuk de Jong – gesunken ist, sind es die Ansprüche nicht. Weder in- noch extern. Und so wirkte der FC Barcelona an diesem ersten Abend der Champions League wie ein Pokerspieler, der früher eigentlich immer ein Ass und einen König in der Hand gehalten hat – und nun im Showdown mit den Großen höchstens noch mit einer Zehn und einer Neun antritt.

ANZEIGE

Am Dienstagabend haben Julian Nagelsmann und seine Bayern diesen Bluff sofort aufgedeckt. Sie ließen die Spieler des FC Barcelona immer wieder hilflos aussehen. Das konnte man vor allem in den Momenten sehen, in denen diese in den Angriff hätten umschalten sollen. Oder wie es Robert Lewandowski sagte: „Barça konnte unser Tor nicht sehen.“ Sein Trainer sah das ähnlich. „Wir haben sehr gut und sehr leidenschaftlich verteidigt“, sagte Nagelsmann – und erklärte das mit der Ballkontrolle. Diese garantiere die „nötigen Körner in der Defensive, um aktiver zu verteidigen“. Das war sichtbar – in der Hälfte der Katalanen und in der Hälfte der Bayern, wo die Viererkette um Innenverteidiger Dayot Upamecano fast keinen Zweikampf verlor. „Und wenn du die offensive Qualität hast, die wir haben“, sagte Nagelsmann, „ist die Wahrscheinlichkeit hoch, bei Zu-null-Spielen auch zu gewinnen.“ So kam es auch – auch wenn sie zumindest vor dem ersten Tor etwas Glück hatten. Der Schuss von Thomas Müller, den Barça-Torhüter Marc-André ter Stegen vermutlich gehalten hätte, wurde abgefälscht.

In dem Presseraum im Camp Nou sagte Julian Nagelsmann, dass er sich nach seinem ersten Champions-League-Sieg mit seinem neuen Verein noch „ein kleines Schlückchen genehmigen“ werde. Und es drängte sich schon da der Verdacht auf, dass der Trainer und seine Mannschaft spät in der Nacht von Barcelona auf den Sieg gegen einen Gegner angestoßen haben, der zumindest in dieser Saison keiner ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE