FC Bayern gegen Paris

Der Showman Kylian Mbappé

Von Christopher Meltzer
07.04.2021
, 15:59
Vor dem Hinspiel gegen den FC Bayern muss Kylian Mbappé für Paris Saint-Germain mal wieder die Last der Erwartungen tragen. Denn er hat, was einen großen von einem großartigen Stürmer unterscheidet.

Am Tag vor dem großen Spiel in Barcelona haben sich Kylian Mbappé und Mauricio Pochettino im Training unterhalten. Der Stürmer fragte seinen Trainer, wie oft er schon im Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona, gewonnen habe. Einmal, antwortete Pochettino, der als Spieler und Trainer fünf Jahre bei Espanyol Barcelona, dem kleinen Verein der Stadt, verbracht hat. Da sagte Mbappé: „Dann gewinnen wir jetzt ein zweites Mal.“ Am Tag danach siegte Paris Saint-Germain im Camp Nou 4:1 gegen den FC Barcelona. Mbappé schoss drei Tore.

Champions League

Es ist fast einen Monat her, seit Pochettino diese Anekdote noch am späten Abend im Presseraum des Camp Nou nacherzählt hat. Er sah entspannt aus, aber das war er davor vermutlich nicht. Es war ein wichtiges Spiel für den Trainer und seinen Stürmer, denn sie mussten etwas beweisen. Pochettino, dass er, der erst im Januar eingestellt worden war, nicht nur in der französischen Liga, sondern auch in der Champions League gewinnen kann. Und Mbappé, dass er in der K.o.-Runde der Champions League ein Spiel alleine entscheiden kann. In seinem Fall heißt „alleine“: ohne Neymar.

Als Paris Saint-Germain vor vier fast Jahren mit Geld aus Qatar, dem Staatsfond Qatar Investment Authority gehören über eine Untergruppe 70 Prozent der Aktienanteile des Klubs, für mehr als 400 Millionen Euro Kylian Mbappe und Neymar, zwei der spektakulärsten Spieler im Weltfußball, gekauft hat, war für die Investoren klar, was folgen musste: der Henkelpott.

In den nächsten zwei Jahren scheiterte PSG aber schon im Achtelfinale der Champions League. 2018 gegen Real Madrid, 2019 gegen Manchester United. Von den vier Spielen hatten drei etwas gemeinsam: Neymar fehlte verletzt. Und so wurde die Last des Geldes, die eigentlich auf zwei Stürmer verteilt werden sollte, in den entscheidenden Spielen der Saison nur einem aufgebürdet: Mbappé.

Mit 19 Jahren wurde er Weltmeister

Die Geschichte von Kylian Mbappé, einem Jungen aus der Pariser Vorstadt Bondy, ist eine Geschichte von Erwartungen. Als er 18 Jahre alt war, hat er mit der AS Monaco die Meisterschaft gewonnen und danach für den unglaublichen Preis von 180 Millionen Euro den Verein gewechselt. Als er 19 Jahre alt war, hat er mit der Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen und im Finale sogar ein Tor geschossen. Als er 20 Jahre alt war, hat er die Meisterschaft gewonnen und ist zum Spieler des Jahres gewählt worden. Als er 21 Jahre alt war, ist er mit Paris im Finale der Champions League aufgelaufen.

Jetzt, mit 22 Jahren ist, ist Mbappé ein Stürmer, von dem Spiel für Spiel erwartet wird, was er mit 18, 19, 20 und 21 Jahren gezeigt hat.

Wenn Mbappé mit dem Ball am Fuß über den Rasen rennt, staunen auch die, die ihn schon oft haben rennen sehen. Was für eine Geschwindigkeit! Er steht für die große Show – und sieht darin auch den Sinn seines Sports. „Als ich früher zu Spielen ging, habe ich bezahlt, um unterhalten zu werden“, sagte er neulich in einem Uefa-Interview. „Die Leute kommen, um unterhalten zu werden. Die Leute haben alle möglichen Probleme in ihrem Leben und sie kommen nicht zu Spielen, um noch mehr davon zu haben. Sie kommen, um es zu genießen.“

Vier Tore gegen den FC Barcelona

Und weil er das weiß, dürfte Mbappé, der große Unterhalter, irgendwann festgestellt haben: Es ist nicht leicht eine Show zu schmeißen, wenn alle eine Show erwarten.

Kylian Mbappé schafft das trotzdem. Das macht einen großen Spieler zu einem großartigen. Man muss sich nur an seinen Auftritt im Camp Nou erinnern. Es war vermutlich seine beste Show in der Champions League. Er hat vorgeführt, wie sich Eleganz und Wucht vereinen lassen. Das 1:1 schoss er mit Gewalt, das 4:1 mit Gefühl. Und da er im Rückspiel gegen Barcelona (Endstand: 1:1) ebenfalls mit einem Tor zur Stelle war, darf er im Viertelfinale gegen den Torhüter und den Verein antreten, die ihn im Finale aufgehalten haben: Manuel Neuer und sein FC Bayern.

Anders als im August duellieren sich die Deutschen und die Franzosen nun aber zweimal. Am Mittwoch in München. Am nächsten Dienstag in Paris. Und anders als im August drängt sich rund um Mbappé eine neue Frage auf: Werden diese Spiele seine letzte Show für Paris auf der großen Bühne sein?

Vertrag läuft Mitte 2022 aus

Im Sommer 2022 läuft sein Vertrag in Paris aus. „Ich möchte darüber nachdenken, was ich in den nächsten Jahren tun möchte, wo ich sein möchte. Das ist jetzt der Zeitpunkt, an dem ich darüber nachdenke“, sagte er im Januar. Und wenn er darüber nachgedacht hat, scheint es momentan nicht sehr unwahrscheinlich zu sein, dass der Ort, an dem er sein möchte, nicht Paris ist. Dort steht Mbappé, der Nationalheld, immer im Mittelpunkt. An den guten Tagen, aber vor allem auch an den schlechten.

An diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) will er mal wieder einen guten Tag haben. Benjamin Pavard wird aber alles dafür tun, dass er einen schlechten hat. Der Rechtsverteidiger des FC Bayern spielt in der Nationalmannschaft mit Mbappé zusammen. Er weiß um die Geschwindigkeit, die Wucht, das Gefühl.

In der Pressekonferenz lobte er aber einen anderen Stürmer. „Er ist die beste Nummer 9 der Welt“, sagte Pavard über Robert Lewandowski, seinen Mannschaftskollegen, der verletzt ausfällt. Das konnte man natürlich als großes Kompliment für Lewandowski verstehen. Wenn man es genau nimmt, war es aber ein mindestens genauso großes Kompliment für Mbappé. Denn Pavard sagte bewusst „Nummer 9“ – und nicht Stürmer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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