Champions League

Torreich und doch aussichtslos

Von Marcus Erberich, Brighton
16.09.2021
, 08:34
Müssen sich geschlagen geben: Leipzigs Mittelfeldspieler Amadou Haidara verlässt enttäuscht das Spielfeld.
In einem aberwitzigen Schlagabtausch besiegt Manchester City RB Leipzig klar – obwohl Pep Guardiola in seiner Mannschaft „keine echten Stürmer“ sieht.
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Nach gerade einmal 28 Minuten schien das Champions-League-Gruppenspiel zwischen Manchester City und RB Leipzig am Mittwochabend schon so gut wie entschieden: City führte mit 2:0 und hatte die Partie wie erwartet unter Kontrolle. Doch dann kam alles anders, ganz anders. Denn trotz Citys früher Führung entwickelte sich im City of Manchester Stadium ein unterhaltsamer und bisweilen aberwitziger Schlagabtausch mit sage und schreibe neun Toren, den keiner der Beteiligten auf beiden Seiten so schnell vergessen wird. Aber der Reihe nach.

Champions League

Beim englischen Meister kehrte der so wichtige Spielmacher Kevin De Bruyne nach seiner Knöchelverletzung erstmals in dieser Saison in die Startaufstellung zurück. Auf der rechten Angriffsseite setzte Trainer Pep Guardiola von Beginn an auf Riyad Mahrez, für ihn nahm der zuletzt formstarke Gabriel Jesus auf der Bank Platz. Und in der Abwehr rückten Oleksandr Zinchenko und Nathan Aké in die Mannschaft. Akés Nominierung kam überraschend, weil der Innenverteidiger zuletzt bei drei Premier-League-Spielen nur auf der Bank gesessen hatte. Doch Guardiola behielt Recht: Es war Aké, der nach einer Viertelstunde nach einem Eckstoß durch den Hundert-Millionen-Pfund-Zugang Jack Grealish per Kopfball das 1:0 erzielte.

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Etwas mehr als zehn Minuten später erhöhte City die zu dem Zeitpunkt verdiente Führung auf 2:0, allerdings durch ein kurioses Eigentor durch Leipzigs Nordi Mukiele. Der junge Verteidiger wirkte in der Situation unnötig hektisch, machte seinen Fehler aber wieder gut, als er auf der anderen Seite des Spielfelds auf Christopher Nkunku ablegte, der mit dem Kopf Leipzigs ersten Anschlusstreffer des Abends erzielte. City ließ sich davon nicht groß irritieren, machte weiter Druck und erhielt kurz vor dem Pausenpfiff einen Handelfmeter, den Mahrez zum 3:1 in den rechten Torwinkel schoss.

Die Hoffnung der Gäste hielt nicht lange

Leipzig bewies auch nach der Pause Charakter: Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit kamen sie abermals bis auf ein Tor Rückstand heran – wieder durch einen Kopfball von Nkunku. Doch auch diesmal stellte City den alten Abstand schnell wieder her: Grealish dribbelte bei seinem Champions-League-Debüt mit Tempo von links vor das Leipziger Tor und zirkelte den Ball sehenswert ins lange Eck. Kaum zu glauben, aber es war noch immer nicht Schluss: In Minute 73 traf Leipzig wieder durch den Hattrick-Schützen Nkunku zum Anschluss – dieses Mal machte er es mit dem Fuß –, aber wieder einmal hielt die Hoffnung der Gäste nicht lange, denn nur zwei Minuten danach erzielte João Cancelo mit einem Schuss von außerhalb des Strafraums das 5:3 für City. Leipzig war jetzt endgültig besiegt, Angeliño sah noch Gelb-Rot, und der kurz davor eingewechselte Jesus schoss wenige Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit das 6:3.

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Sechs Tore für City – und das durch fünf verschiedene Torschützen, ohne Mukiele mitzuzählen: Das passt zur bisherigen Saison von Guardiolas Mannschaft. Der Trainer ist ohne einen nominellen, einen sogenannten „echten“ Mittelstürmer in die Saison gegangen, weil Sergio Agüero den Verein nach der vergangenen Saison verlassen hat und aus der angestrebten Verpflichtung von Tottenhams Harry Kane nichts wurde.

Auch Weltstar Cristiano Ronaldo ist nach einem angeblichen Flirt mit City dann doch lieber zu seinem früheren Verein Manchester United zurückgekehrt. Gegen Leipzig stand mit Ferran Torres wie in allen bisherigen Saisonspielen ein gelernter Rechtsaußen in der Mitte des Sturms, der vergangene Saison zwar auch auf dieser Position, aber überwiegend auf den Flügeln zum Einsatz kam.

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„Also machen wir es als Team“

Doch das System funktioniert. City verlor zum Auftakt der Premier-League-Saison zwar 0:1 gegen Tottenham, darauf folgten aber zwei 5:0-Siege gegen Norwich und den FC Arsenal sowie am vergangenen Wochenende ein 1:0 gegen Leicester City. In dem Spiel wurde Bernardo Silva zum neunten Spieler, der in dieser noch jungen Saison für die Mannschaft getroffen hat. Aké machte sich mit seinem Führungstreffer gegen Leipzig zur Nummer zehn, Cancelo ist der elfte Schütze im Bunde. „Wir haben keinen echten Stürmer“, sagte Guardiola am Samstag, „also machen wir es als Team.“ Dem Taktiktüftler dürfte diese Variabilität gefallen, auch wenn die drei Gegentore ihn wurmen werden.

In der Ligatabelle ist City mit neun Punkten aus vier Spielen Fünfter. Auch in dieser Saison ist der aus Abu Dhabi fürstlich finanzierte Klub wieder Favorit auf den Gewinn der Meisterschaft – es wäre ihre vierte in fünf Jahren. Daran ändert auch das personelle Hochrüsten von Konkurrenten wie dem FC Chelsea und Manchester United nichts. In der Champions League drang City in der vergangenen Saison zum ersten Mal in der Klubgeschichte bis ins Finale vor, musste sich aber Chelsea 0:1 geschlagen geben. Eine tiefe Enttäuschung, wie Guardiola nun einräumte, die seine Spieler aber noch hungriger auf Erfolg gemacht habe. Seit seinen beiden Champions-League-Siegen 2009 und 2011 mit dem FC Barcelona konnte Guardiola den Wettbewerb nicht mehr gewinnen.

Im nächsten Gruppenspiel trifft City Ende September auf Paris Saint-Germain. Die spielten zwar am Mittwoch nur unentschieden gegen Brügge, dürften sich Citys defensive Leistung bis zum direkten Kräftemessen aber genau ansehen, wie der Guardian schrieb: „Eine Wiederholung kann sich City gegen Lionel Messi, Kylian Mbappé, Neymar und Co nicht leisten. Die werden sich die Videos ansehen und Blut riechen.“

Quelle: FAZ.NET
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