RB Leipzig geht unter

Wie verunsicherte Welpen

Von Sebastian Stier
16.09.2021
, 18:04
Konnte es kaum glauben: Leipzigs Yussuf Poulsen
Manchester City legt beim Torspektakel in der Champions League die Defizite des Fußball-Bundesligaklubs offen: Die Leipziger Spieler können die Vorgaben ihres neuen Trainers nicht umsetzen.

Zu den manchmal unerfreulichen Begleitumständen des Trainerberufs gehört, dass man an früheren Taten gemessen wird. Das kann lästig sein, Jesse Marsch weiß, wovon die Rede ist. Als er noch verantwortlich für die Salzburger RB-Filiale war, coachte er seine Mannschaft durch ein sagenumwobenes Spiel an der Anfield Road, wo die von ihm trainierten Österreicher einen 0:3-Pausenrückstand zwischenzeitlich in ein 3:3 umwandeln konnten, ehe sie nach großem Kampf 3:4 unterlagen. Von der Halbzeitansprache gibt es ein inzwischen mindestens genauso sagenumwobenes Video, Marsch ist darauf zu sehen und vor allem zu hören, seine Motivationsrede könnte einem Filmepos entstammen.

Champions League

Seitdem wird Marsch des Öfteren nach einer Wiederholung seiner Ansprache gefragt. Immer dann, wenn seine Mannschaft zur Pause zurückliegt. So wie Leipzig in Manchester. „Nein, ich war nicht so positiv wie in Liverpool. Die erste Halbzeit war nicht das, was wir uns vorgestellt hatten“, sagte Marsch nach dem 3:6 zum Auftakt in die Champions League.

Eine Niederlage mit hohem Unterhaltungswert, aber auch eine, die Leipzigs Krise vertieft. Zum dritten Mal nacheinander verloren, von den vergangenen fünf Pflichtspielen konnte RB nur eins gewinnen. Am Sonnabend wartet der 1. FC Köln, dem derzeit viel von dem gelingt, das Leipzig vor nicht allzu langer Zeit gelang. Erfolgreiche Balleroberungen, schnelles Umschalten, Zug zum Tor.

Marsch wirkte zerknirscht

Marschs Kritik war bemerkenswert, weil der Trainer als jemand gilt, der selbst einem Tritt in einen Hundehaufen noch etwas Gutes entnehmen kann. Aber es war nicht der Abend für positive Überhöhungen. Als Marsch sprach, wirkte er zerknirscht, monierte „zu viele individuelle Fehler und zu einfache Gegentore“. Diese Art Gegentreffer gehören inzwischen zum Leipziger Spiel wie einst ihr rasender Umschaltfußball. In Manchester kulminierte die Anfälligkeit.

Nach den vier Toren des FC Bayern am vergangenen Wochenende schoss City noch mal zwei mehr. Statt den Gegner am Torschießen zu hindern, halfen die Leipziger persönlich mit. War dem ersten Tor der Hausherren nur mangelhaftes Leipziger Zweikampfverhalten vorausgegangen, spielte Nordi Mukiele beim zweiten per Kopf eine derart verunglückte Rückgabe, dass der verdutzte Torwart Peter Gulacsi nur noch zusehen konnte, wie der Ball ins Tor rollte. Dem nicht genug, fuhr Lukas Klostermann kurz vor der Pause im eigenen Strafraum deutlich den Arm aus, es gab Elfmeter für City.


              Blamage aus Angst vor der Blamage:  Nordi Mukieles Eigentor
Blamage aus Angst vor der Blamage: Nordi Mukieles Eigentor Bild: Imago

So unglücklich oder unvermögend jede einzelne Szene wirkte, ermöglichten sie zusammen einen offenen Blick in den Seelenzustand der Leipziger Mannschaft. RB fehlte das Resolute, der unbedingte Wille, in den entscheidenden Momenten und Zweikämpfen als Sieger hervorzugehen. Abwehrspieler mit Selbstvertrauen lassen sich nicht düpieren, wie Mukiele und Willi Orban es durch den heranspringenden Nathan Aké taten. Mukieles Eigentor war die Summe vollständiger Verunsicherung. Aus Angst, sich in einer brenzligen Situationen zu blamieren, blamierte er sich erst recht. Klostermanns Handspiel stand dem in kaum etwas nach, auch wenn es einer Unterrichtung durch den Videoschiedsrichter bedurfte, ehe Referee Serdar Gözübüyük auf Elfmeter entschied.

„Wir hätten in den Situationen einfach besser verteidigen müssen“, sagte Klostermann. Das galt auch für das vierte Gegentor, bei dem Citys neueste Attraktion Jack Grealish von der linken Seite nach innen zog und mit seinem starken rechten Fuß abschloss. Dafür hatte Manchester ihn im Sommer von Aston Villa geholt, die Bewegung ist nicht nur dem Fachpublikum bekannt. Grealish war den Besitzern aus Abu Dhabi mehr als 100 Millionen Euro Ablöse wert.

Leipziger Defensivstärke dahin

Zehn Gegentore aus den vergangenen zwei Spielen sind der Beleg dafür, dass es um die einstige Leipziger Defensivstärke nicht mehr gut bestellt ist. In der abgelaufenen Saison war sie das Fundament, auf dem Platz zwei und der Einzug ins Pokalfinale fußten. Dayot Upamecano und Ibrahima Konaté, die Innenverteidiger, haben den Klub verlassen. Ein derartiger Einbruch war dennoch kaum zu erwarten. Der Mannschaft ist nicht nur die Statik abhandengekommen, ihr fehlt auch der Werkzeugkasten, um Schäden gleich wieder beheben zu können.

Mit den Vorgaben des neuen Trainers fremdelt sie, Marschs sehr aggressives Pressing kann sie derzeit nicht umsetzen. Weil die schnellen Balleroberungen oft nicht klappen, ist die Hintermannschaft bei Gegenangriffen entblößt. Zu oft liefen zu viele Angreifer von City auf zu wenige Leipziger Verteidiger zu. Emil Forsberg verteidigte dennoch die Vorgaben des Trainers: „Der Plan, wie wir Fußball spielen wollen ist gut, aber wir müssen schneller umschalten. Trotzdem haben wir nicht alles schlecht gemacht“, sagte er.

Sehr viel gut machte auf Leipziger Seite nur der dreifache Torschütze Christopher Nkunku, dessen starke Vorstellung aber kaum über die Leipziger Defizite hinweg- schauen ließ. Immer wenn Nkunku traf, stellte Manchester quasi mit dem Gegenangriff den alten Abstand wieder her. Als wären die Leipziger ein Wurf junger Hunde, denen sie den Futternapf zum Spaß vor der Nase wegzogen.

Zufällig wirkte das nicht, eher methodisch. City war stets in der Lage, die Schlagzahl zu erhöhen. Leipzig lief dagegen gefühlt am Limit. Der Eindruck, dass RB mit einem anderen Ergebnis als einer Niederlage nach Hause fliegen könnte, kam nie auf. Zu allem Übel wurde Angeliño des Feldes verwiesen, der Spanier fehlt nun gegen Brügge. „Jedes Mal, wenn wir ein bisschen Momentum hatten, hatte City eine Antwort“, sagte Marsch. Manchester hatte er schon vor dem Anpfiff auf einem anderen Leistungsniveau gesehen. Dass RB vor nicht allzu langer Zeit als Halbfinal-Teilnehmer 2020 auf der Höhe Manchesters war, gerät dieser Tage leicht in Vergessenheit.

Quelle: F.A.Z.
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