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Tuchels Anfänge

„Der Thomas ist ein Welttrainer“

Von Daniel Meuren und Tobias Schächter
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 17:05
Tuchels Entdecker Hans-Martin Kleitsch schwämt über die Traineranfänge:: „Er konnte Gegner sezieren, er hatte einen Röntgenblick. Seine Pläne funktionierten immer“: zur Bildergalerie
Mit Paris St. Germain trifft Thomas Tuchel in der Champions League im brisanten Duell auf seinen alten Verein Borussia Dortmund. Aber wie hat für ihn alles angefangen? Ein Auszug aus dem Buch „Tuchel“.

Wenn Hans-Martin Kleitsch Champions-League-Spiele von Paris St. Germain im Fernsehen verfolgt und Thomas Tuchel danach in fließendem Französisch über Fußball parlieren hört, erfüllt ihn das mit Stolz. „Der Thomas“, sagt Kleitsch und macht eine kleine Pause, bevor er fortfährt: „Der Thomas ist ein Welttrainer.“

Hans-Martin Kleitsch, den alle, die ihn kennen, „Hansi“ nennen, ist der deutschen Öffentlichkeit eher unbekannt. Für Eingeweihte im Fußballgeschäft aber hat der Name des 68 Jahre alten Mannes einen großen Klang. Kleitsch formt in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart unzählige Talente zu späteren Bundesliga- und Profispielern. Später arbeitet er vier Jahre lang als Scout beim FC Bayern, seit 2013 scoutet Kleitsch Spieler für die TSG Hoffenheim. Er ist ein Mann, der von vielen Erfolgen erzählen kann. Zum Abschluss der Saison 2004/05 zum Beispiel gewinnen die U-19-Junioren des VfB das Endspiel um die deutsche Meisterschaft in Celle gegen den VfL Bochum 1:0. In der Siegerelf stehen in Andreas Beck und Serdar Tasci zwei spätere A-Nationalspieler, im Angriff stürmt in Adam Szalai ein späterer ungarischer Internationaler, der Jahre später mit Mainz 05 unter einem Trainer namens Thomas Tuchel die Bundesliga aufmischt. Und Tuchel ist damals in Celle auch dabei: als Ko-Trainer von Kleitsch.

Der geplatzte Traum nagt an Tuchel

Tuchel ist da 31 und schon fünf Jahre Jugendtrainer beim VfB. Eine Entwicklung, die er nach seinem Umzug von Ulm nach Stuttgart nie vorausgesehen hätte. Eigentlich will er mit einem BWL-Studium die Basis für ein Auskommen abseits des Fußballs legen. „Thomas war nach dem Umzug nach Stuttgart traurig und wusste nicht so recht, wie es weitergeht“, erinnert sich sein alter Kumpel Oliver Wölki: „Er war da in einer Findungsphase.“ Tuchel gibt in einem seiner wenigen Interviews nach seiner Zeit bei Borussia Dortmund im September 2017 dem „Zeit Magazin Mann“ Einblick in sein Seelenleben nach dem Ende der Spielerlaufbahn: „Es war immer noch nix auf dem Konto, du bist gefühlt Fußballprofi und gehst trotzdem los auf Jobsuche.“ In Stuttgart fängt er schließlich an der Berufsakademie an, BWL zu studieren. Um Geld zu verdienen, kellnert er zwei Mal pro Woche in der „Radio Bar“. „Ich glaube, dass er zu der Zeit nicht daran gedacht hat, im Fußball Karriere zu machen. Er wollte sich in einem anderen Bereich neu beweisen“, sagt Wölki.

Es nagt lange an Tuchel, dass er seinen Traum vom Bundesligafußballer so früh hat aufgeben müssen. Dem „Zeit-Magazin Mann“ sagt er, er habe sich in der Bar ganz langsam ein neues Selbstbewusstsein erarbeitet, Schicht für Schicht, Abend für Abend: „Ich hatte die Hemmschwelle überwunden, fremde Menschen zu fragen, ob sie mich brauchen. Und plötzlich machte ich die Erfahrung: Die Kollegen mögen dich einfach nur für deine Art, die haben keine Ahnung, dass du mal Fußballprofi warst, die akzeptieren dich auch so.“ In der Bar habe er auch die Entscheidung getroffen, zurückzukehren ins Fußballgeschäft und Trainer zu werden. Tuchel musste in Ulm aufhören, als die Mannschaft, für die er drei Jahre spielte, endlich den Aufstieg in die zweite Liga schaffte. Als die Ulmer ein Jahr später mit Ralf Rangnick sogar den Erstligaaufstieg feierten, traf das Tuchel einerseits hart, andererseits fühlt er sich durch den Erfolg der alten Weggefährten auch herausgefordert. „Ich war richtig sauer. Und beleidigt. Ich dachte: Jetzt leben die meinen Traum. Bundesliga! Da, wo ich immer hinwollte. Ich habe noch eine halbe Stunde weiter in der Bar gearbeitet. Dann habe ich den Kollegen gesagt: Ich muss jetzt gehen.“

„Er konnte Gegner sezieren“

1999 ist Rangnick dort angekommen, wo Tuchel immer hin wollte: Er ist Cheftrainer in der Bundesliga, beim VfB Stuttgart. Tuchel hat Rangnick nach anfänglichen Problemen schätzen gelernt und erinnert sich an seinen früheren Trainer. Eigentlich will Tuchel zur Jahrtausendwende in Stuttgart noch einmal einen Anlauf als Fußballer nehmen. Er arbeitet hart an seiner Fitness, bis er auch unter hoher Belastung schmerzfrei ist. Dann kontaktiert er Rangnick und fragt seinen ehemaligen Ulmer Trainer, ob er einen Versuch als Spieler bei den VfB-Amateuren starten könne. Rangnick sagt ihm ein Probetraining zu. Doch das Comeback verläuft nicht wie gewünscht, nach zwei Monaten kommen die Schmerzen zurück, und Tuchel muss seine Fußballerlaufbahn zum zweiten Mal beenden. Endgültig. Rangnick bietet dem jungen Mann daraufhin eine Hospitanz im Nachwuchsbereich an und fragt seinen ehemaligen Spieler schließlich, ob er an einen Trainerjob in der Jugendabteilung interessiert sei. Tuchel ergreift die Chance, ohne zu wissen, ob er den Trainerberuf langfristig tatsächlich ausüben will.

Er übernimmt zunächst die U 14, später die U 15. Meisterschaften gewinnt er in dieser Zeit nicht, aber Hansi Kleitsch findet Gefallen an Tuchels Arbeit. „Seine Akribie und seine Übungsvielfalt sind mir sofort aufgefallen“, erzählt Kleitsch. Um sich zu finanzieren, veranstaltet Tuchel damals nebenbei Fußballcamps für Kinder. „Es hat mich fasziniert, wie penibel Thomas an alles gedacht hat – bis hin zu den T-Shirts. Auch das hat mich bestätigt, dass er fußballverrückt ist. Solche Leute brauchst du, um etwas zu gewinnen.“ Als Kleitsch zur Saison 2004/05 einen Ko-Trainer für seine U-19-Junioren sucht und Tuchel vorschlägt, stößt er auf Widerstand im Klub. „Tuchel hatte keine Bedeutung beim VfB damals“, erinnert sich Kleitsch: „Und der Albeck konnte den Tuchel überhaupt nicht leiden.“ Thomas Albeck ist damals Sportlicher Leiter des Nachwuchses in Stuttgart. „Albeck sagte zu mir, der Tuchel hat hier noch nie etwas gewonnen, was willst du denn mit dem?“ Doch Kleitsch, der in dieser Zeit oft mit Albeck aneinandergerät, lässt sich nicht beirren. „Ich habe Albeck dann gesagt: ‚Das interessiert mich nicht, ich brauche jemanden, der auf Augenhöhe mit mir arbeitet. Ich nehme den Thomas, fertig, aus!‘“

Der Routinier räumt seinem ehrgeizigen Lehrling viele Freiheiten ein. So überlässt Kleitsch Tuchel nicht nur die Verantwortung für die Ausarbeitung von Varianten bei Standardsituationen, die Koordinationsübungen und die Gegneranalyse. Tuchel darf auch die Testspiele allein coachen und eigene taktische Ideen einbringen. Dabei zeigt schon der junge Tuchel jene Vorzüge, die ihm später in der Bundesliga viel Anerkennung einbringen. „Er konnte Gegner sezieren, er hatte einen Röntgenblick. Seine Pläne für die Spiele funktionierten immer, seine Analysen der Gegner trafen zu“, erklärt Kleitsch, der in dem jungen, ungeduldigen und manchmal auch jähzornigen Assistenten Wesenszüge von sich selbst erkennt. Tuchel, so Kleitsch, habe nicht verlieren können und war in der Sache unnachgiebig und sehr direkt, wenn ihm etwas nicht gepasst hat. „Immer, wenn der im Training mitgespielt hat, gab es Streit“, erzählt Kleitsch und lacht.

Wenn ein Mitspieler im Trainingsspiel einen entscheidenden Fehler macht, flippt Tuchel oft aus. Kleitsch erinnert sich kichernd: „Der kriegte dann plötzlich so ein Gesicht und schaute richtig böse in die Welt. Ich vergesse nie, wie der mal den Serdar Tasci während eines Trainingsspiels im Winter auf dem Hauptplatz zusammengeschissen hat – Tasci hat in keinen Stiefel mehr reingepasst.“ Der spätere Nationalspieler Tasci war damals ein hoch angesehener Spieler in der VfB-Jugend, dessen Werdegang bei den Profis vorgezeichnet war. „Aber das war dem Tuchel egal, der hat seinen Dickkopf durchgesetzt. Eine halbe Stunde nach dem Training hat er dann mit Tasci wieder Tischkicker gespielt. So etwas kam oft vor, der war wie ein Kind. Das ist der Thomas – aber ich bin auch so.“

Trotz seiner jähzornigen Ausbrüche gewinnt der jugendlich wirkende Tuchel das Vertrauen der Talente, weil er mit Fachwissen überzeugt und die Teenager auch durch seinen Modestil anspricht. „Ich sehe ihn heute noch vor mir, mit seinem alten Saab Cabrio am Trainingsgelände vorfahren. Er hatte immer so alte Militärklamotten und Parka getragen, das gefiel vielen“, berichtet Kleitsch. Der spätere Bundesligaprofi Andreas Beck fährt bis heute noch jenes Modell der Automarke Saab, das Tuchel damals fuhr. Der junge Ko-Trainer lässt sich bei einem angesagten Frisör in Stuttgart die Haare schneiden. Einige Spieler besuchen daraufhin ebenfalls diesen Frisör – aber nur ein einziges Mal, wie sich Kleitsch schmunzelnd erinnert: „Der war denen zu teuer.“

Der Text ist ein Auszug aus: Daniel Meuren und Tobias Schächter: Tuchel, Verlag Die Werkstatt, Berlin, 2020, 192 Seiten, 19,90 Euro.

Quelle: F.A.S.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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