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Atlético Madrid

Kein Raum für Individualisten

Von Hans-Günter Kellner, Madrid
 - 17:25
Trainer Diego Simeone: Einer, der das Kollektiv liebt und die Individualisten vertreibt.

Die Geschichte von Atlético Madrid ist eine von enttäuschten Erwartungen. Seit Jahren hoffen die „colchoneros“, endlich das Image vom Underdog ablegen und im Konzert der Großen mitspielen zu können. Doch nicht einmal jetzt, wo die spanische Liga so ausgeglichen ist wie seit Jahren nicht mehr, und die beiden großen Klubs Real Madrid und der FC Barcelona immer wieder Punkte liegen lassen, spielt Atlético ernsthaft um die Meisterschaft mit. Das Team muss sich diesmal sogar anstrengen, sich wenigstens für die Champions League zu qualifizieren.

Champions League

Bei Atlético, das es an diesem Dienstag im Achtelfinal-Hinspiel der Königsklasse mit dem FC Liverpool (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und auf Sky) zu tun bekommt, klemmt es derzeit überall. Zu Beginn der Saison hatte Trainer Diego Simeone fast die gesamte Hintermannschaft ausgetauscht. Entweder, weil die Wechsel dem Verein Geld in die Kasse brachten, wie etwa der von Lucas Hernández zu den Bayern, oder weil sie der Coach für zu alt befand, etwa Filipe Luís, Diego Godín oder Juanfran, alle weit über 30 Jahre alt. Das führt zu Problemen, vor allem, wenn bei Ecken und Freistößen die Abstimmung nicht stimmt. Neun Tore hat das Team bereits aus Standardsituationen hinnehmen müssen.

Die Mannschaft wirkt aber auch in der Offensive zu selten gefährlich. Auch hier waren die Erwartungen riesig. Im Portugiesen João Félix, der für 126 Millionen Euro von Benfica Lissabon gekommen war, sahen manche nicht nur einen guten Ersatz für den nach Barcelona abgewanderten Griezmann, sondern sogar schon einen neuen Cristiano Ronaldo. Doch Félix kommt bisher gar nicht zurecht, hat bislang nur zwei Tore geschossen. Gegen Liverpool fehlt er verletzt. Simeone nimmt ihn in Schutz, mit 20 Jahren sei Félix noch ein Rohdiamant. Der Stürmer, der in Portugal in der Vorsaison noch 20 Tore erzielt hatte, sprach hingegen in einem Interview von einer möglichen Rückkehr, erst jetzt merke er, wie glücklich er bei Benfica gewesen sein.

Dabei war das Unglück absehbar. In der Philosophie von Simeone ist das Kollektiv alles, das Individuum nichts. Dies ist mehr als eine taktische Vorgabe, es ist eine Weltanschauung. „Sich anzustrengen ist nicht verhandelbar“, sagt er, oder: „Wenn man an etwas glaubt und daran arbeitet, kann man es auch schaffen“. Diese Prinzipien passen auch gut als Gegenthese zum ewigen Rivalen Real, der immer mehr Geld für seine Einkäufe haben wird. Doch nicht immer ist der Wille, sondern oft auch das Talent ausschlaggebend. Félix hat dieses Talent, doch es findet im Schema von Simeone keinen Platz.

Félix wäre nicht der erste Spieler, der daran scheitert. In der vergangenen Saison war etwa Rodrigo Hernández von Villareal gekommen, ein defensiver Mittelfeldspieler, der auch ballsicher in der Spieleröffnung ist. Er wurde nach nur einer Saison verkauft. Vor dem Abgang steht auch Flügelspieler Thomas Lemar, der mit großen Erwartungen und für 70 Millionen Euro aus Monaco zu Atlético gekommen war. Drei Tore – so lautet die magere Bilanz des Franzosen, der in Monaco noch 22 Tore erzielt hatte. Trainer Simeone scheint mit solchen Spielern nur wenig anfangen zu können. So ist absehbar, dass er es auch gegen Liverpool mit einem defensiven, kollektiven Kraftakt versuchen und auf ein wenig Glück in der Offensive hoffen wird.

Quelle: F.A.Z.
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