Aufregung bei Chelsea-Spiel

Darum eskalierte der Streit von Tuchel mit Conte

Von Tobias Rabe
15.08.2022
, 11:44
Gar nicht einer Meinung: Thomas Tuchel (links) und Antonio Conte
Video
Wie Pubertierende auf dem Schulhof gehen Thomas Tuchel und Antonio Conte aufeinander los. Die Aufregung ist groß. Danach erklären die Trainer, wie es überhaupt zu dem skurrilen Duell nach Abpfiff kam.
ANZEIGE

Im altehrwürdigen Stadion Stamford Bridge im Londoner Stadtteil Fulham ist nicht viel Platz. Das gilt sowohl außerhalb als auch innerhalb. Eine Bahnlinie direkt hinter der Tribüne und Gebäude an den anderen Seiten setzen einem geplanten Aus-, Um- oder Neubau enge Grenzen. Und im Stadion, das schon im Jahr 1877 eröffnet und seitdem immer mal wieder renoviert wurde, müssen alle bei den Spielen des Chelsea Football Club ein wenig zusammenrücken. Das gilt auch für die Spieler und Trainer. Ausreichend Platz wie in den neuen Arenen gibt es an der Fulham Road nicht.

So sind auch die Plätze für die Ersatzspieler und Betreuer eng gefasst und in die Zuschauertribüne eingelassen. Man kommt sich also schon mal näher als manchem guttut. Das gilt auch und vor allem für die Trainer, deren Coachingzonen zwar in der Theorie abgegrenzt sind, die diese weißen Linien auf dem Rasen im Eifer des Gefechts aber bisweilen lediglich als leicht zu übertretene Hindernisse ansehen. Und so kommt es eben nicht nur zum Austausch von verbalen Giftpfeilen, ab und zu gehen die Trainer auch in den direkten Zweikampf mit dem unliebsamen Nachbarn auf Zeit.

ANZEIGE

Legendär ist die Fehde zwischen José Mourinho, seinerzeit „The Special One“ in seiner zweiten Zeit bei Chelsea, und Arsène Wenger, Coach beim Stadtrivalen Arsenal. Sie hatte ein langes Vorspiel, im Oktober 2014 entlud sich der Streit dann vor den Augen der Fans im Stadion und für Millionen TV-Zuschauer. Nach einem heftigen Foul an der Seitenlinie schimpften beide erst vor sich hin, ehe sie sich näherkamen. Wenger meckerte Richtung Mourinho, der meckerte zurück, deutete, dass der Kollege weggehen solle, Wenger schubste, Mourinho schubste zurück – es war wie auf dem Schulhof.

© Youtube

Die Rangelei der angegrauten Fußballlehrer hatte seinerzeit zumindest noch ein wenig Stil. Beide standen im Anzug voreinander, Wengers rote Krawatte flog bei seinem Angriff auf Mourinho wild durch die Luft, ehe der vierte Offizielle die Streithähne trennte und der Schiedsrichter mahnende Worte sprach. Das beruhigte die Lage nur temporär. Die uralte Streitfrage, wer denn eigentlich angefangen habe, wurde munter weiterdebattiert. Inzwischen ist Wenger kein Trainer mehr, Mourinho versucht sich mit seinen Polemiken mal mehr, mal weniger erfolgreich in Italien.

ANZEIGE

Von dort kam Antonio Conte nach England. Zwischen 2016 und 2018 trainierte er den FC Chelsea, ging zurück in die Heimat und ist seit gut einem Jahr zurück auf der Insel bei Tottenham Hotspur. Er kennt sich also aus an der Stamford Bridge und den beengten Verhältnissen dort, die vor allem zum Problem werden, wenn es richtig emotional zugeht. So war es auch am späten Sonntagnachmittag. Thomas Tuchels Chelsea traf auf Contes Tottenham. Kalidou Koulibaly traf in der 19. Minute zum 1:0 für Chelsea, der frühere Bayern-Profi Pierre Emile Højbjerg sorgte für das 1:1 (68.). So weit, so normal.

Video starten03:00
© Youtube

Als Reece James in der 77. Minute die abermalige Führung für Chelsea erzielte, hüpfte und sprintete Tuchel jubelnd die Seitenlinie entlang – genau durch das Sichtfeld von Conte. Doch die Schlusspointe auf dem Rasen sollte noch folgen. In der sechsten Minute der Nachspielzeit glich Harry Kane aus für die Spurs – 2:2. Wenig später war Schluss, doch dann ging es erst richtig los. Traditionell geben sich die Trainer in der Premier League nach dem Spiel zuerst die Hand. So schien es auch bei Tuchel und Conte. Beide streckten ihre Hand aus, gingen aneinander vorbei, doch kamen nicht voneinander los.

ANZEIGE

Tuchel hielt Contes Hand fest, beide drehten sich zueinander, der Deutsche deutete mit zwei Fingern zu den Augen, Conte war außer sich, Tuchel auch, es wurde geschimpft, sie standen sich Stirn an Stirn gegenüber, und prompt bildete sich eine Menschentraube um die Streithähne. „Ich dachte, dass man sich in die Augen schaut, wenn wir uns die Hände schütteln, aber er war anderer Meinung“, sagte Tuchel bei Sky Sports. Er habe „kein Problem“ mit Conte und würde ihm wieder die Hand geben, meinte Tuchel: „Es ging um zwei Männer, zwei Wettbewerber – nichts Schlimmes ist passiert.“

© Youtube

Das sahen nicht alle so. Der Schiedsrichter zeigte den Trainern noch auf dem Spielfeld die Rote Karte. Der englische Fußball-Verband erhob am Montag Anklage und wirft beiden „unangemessenes Verhalten“ vor. Conte schlug vor, dass er und Tuchel beim nächsten Mal einfach auf einen Handschlag verzichten sollten. „Er bleibt auf seiner Bank, ich bleibe auf meiner Bank mit meinen Kollegen auf einer Seite und es gibt kein Problem“, sagte der Italiener. Er hoffe, dass er und Tuchel wegen der Szenen nicht für ihre nächsten Spiele gesperrt werden. Sollte es ein Problem mit dem deutschen Trainer geben, „ist es eines zwischen ihm und mir“, sagte der seit jeher impulsive Conte, „und niemand anderem“.

Tuchel versuchte, den heftigen Streit herunterzuspielen. „Keiner wurde beleidigt, wir hatten keinen Faustkampf. Das ist für mich keine große Sache, es war Teil dieses Spiels. Mir hat es Spaß gemacht, ihm glaube ich auch. Es war nichts Schlimmes“, sagte er. „Ich vergleiche das mit zwei Spielern, die einen kleinen Kampf auf dem Platz haben, aber nichts passiert, niemand wird verletzt. Das ist Premier-League-Fußball, die Trainer haben mitgemacht, weil wir beide für unsere Mannschaften gekämpft haben.“ Dennoch waren die Szenen vor Millionenpublikum alles andere als vorbildlich.

Schon während der Partie waren Tuchel und Conte aneinandergeraten und wurden verwarnt. Dass sie später Rot sahen, sei „nicht notwendig“ gewesen, meinte Tuchel. „Aber viele Dinge waren heute nicht notwendig. Eine weitere schlechte Entscheidung des Schiedsrichters.“ Tuchel gab zu, dass ihn der Spielverlauf und die seiner Meinung nach vielen Fehlentscheidungen emotional „komplett reingezogen“ hätten. Frust schiebe er nur, weil sich sein Team für eine „top, top, top Leistung“ nicht mit dem zweiten Sieg im zweiten Ligaspiel belohnt habe. „Ich bin der glücklichste Trainer auf Erden“, behauptete der 48-Jährige, „denn wir haben ein fantastisches Spiel gemacht“.

Das vorerst letzte Wort in der Causa hatte Conte. Zu einem Videoausschnitt, in dem Tuchel nach dem 2:1 jubelnd an ihm vorbeiläuft, schrieb der Trainer der Tottenham Hotspur in der Nacht zu Montag auf Instagram: „Zum Glück habe ich dich nicht gesehen...dir ein Bein zu stellen, wäre wohlverdient gewesen...“ Dies versah er mit drei lachenden Smileys. Ob es der Schlusspunkt oder erst der Anfang der Auseinandersetzung sein wird, muss sich noch weisen. Die nächste Begegnung der Streithähne in der Premier League wird es Ende Februar geben. Dann empfängt Tottenham den FC Chelsea.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Fahrradhelm
Fahrradhelme im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Spanischkurs
Lernen Sie Spanisch
Sportwagen
Finden Sie Ihren Sportwagen
Ergometer
Ergometer im Test
ANZEIGE