Portugals Drama in WM-Quali

Frust, Tränen und Wut bei Ronaldo

Von Tobias Rabe
15.11.2021
, 09:55
Cristiano Ronaldo sitzt nach der Niederlage frustriert auf dem Rasen.
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Serbien reißt Portugal das WM-Ticket durch ein Tor in letzter Minute aus der Hand. Vor allem der Star leidet sehr. Nun wartet auf Cristiano Ronaldo und Co. ein ziemlich kompliziertes Nervenspiel.
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Der Frust saß sehr tief bei Cristiano Ronaldo. Der Fußball-Weltstar ist sowieso ein Mann der großen Gesten. Doch dieses Mal wollte er sich wohl nicht inszenieren. Er war einfach tief enttäuscht und scherte sich kaum darum, dass er von Kameras beobachtet wurde. Kurz zuvor hatte seine Mannschaft das Ticket für die Weltmeisterschaft 2022 in Qatar wieder aus der Hand gegeben. Serbien traf zum 2:1-Sieg in der Nachspielzeit und buchte die Reise zur Endrunde. Portugal und Ronaldo hingegen müssen weiter in Ungewissheit leben. In den Playoffs bekommen sie noch eine Chance zur Qualifikation.

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Nach Abpfiff im Estádio da Luz in Lissabon sank Ronaldo mit Tränen in den Augen zu Boden. Dort saß er mit leidender Miene und schüttelte den Kopf. André Silva von RB Leipzig kam zu ihm und half ihm auf die Beine. Doch Ronaldo setzte sich wieder auf den Rasen. Es war ein Jammer. Als er sich doch aufgerappelte hatte, kam Trainer Fernando Santos zu ihm, um die Hand zu reichen. Doch Ronaldo schlug nur missmutig ein, lamentierte weiter und war mit der Fußballwelt alles andere als im Reinen. Worum es genau ging, behielt er für sich. Doch die Laune war gründlich verdorben, so viel war klar.

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Dabei hatte der Abend so gut begonnen für den Europameister von 2016. Nach einem Ballgewinn tief in der gegnerischen Hälfte durch Bernardo Silva hatte der frühere Bayern-Spieler Renato Sanches Portugal bereits in der zweiten Minute mit 1:0 in Führung gebracht. Alles sprach nun für die Seleção das Quinas, zumal schon ein Remis gegen die punktgleichen, aber in der Tordifferenz schlechteren Serben Platz eins gesichert hätte. Doch zunächst glich Dusan Tadic nach einem schweren Fehler von Torwart Rui Patricio aus (33.), in der Nachspielzeit köpfte Aleksandar Mitrovic (90.+3) zum Sieg ein.

„Wir sind sehr traurig“

Ein zerknirschter Trainer Santos versuchte sich ob des herben Schlags in letzter Minute mit verbalem Optimismus, denn er sah in diesem Moment eher nicht so aus, als würde er an seine eigenen Worte glauben: „Ich bin mir sicher, dass wir dabei sein werden. Das habe ich in der Kabine gespürt“, sagte er beim TV-Sender RTP3. „Wir haben gegen Serbien nicht auf Remis gespielt. Die Spieler haben es versucht, ich habe es versucht, aber es hat nicht gereicht. Wir hatten zu große Schwierigkeiten.“ Das war offensichtlich. Denn der Erfolg der Serben in Lissabon war alles andere als unverdient.

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João Palhinha war einer der wenigen Spieler, die sich nach der Niederlage äußerten. „Wir haben kein gutes Spiel gemacht und in der zweiten Hälfte nur verteidigt, Aber die WM ist noch in Reichweite“, sagte er. „Wir sind sehr traurig in der Kabine, weil wir die direkte Qualifikation nicht geschafft haben, aber wir haben die Qualität, um beim Turnier dabei zu sein.“ Dann wurde er fast philosophisch. Das Leben sei keine Konstante von Siegen. „Alle Menschen, die im Leben erfolgreich sind, gehen auch durch schwere Zeiten. Und dieses Gefühl muss uns mehr Kraft geben“, sagte der Mittelfeldspieler.

© Twitter

Ronaldo dürfte im Moment der Enttäuschung auch Wut gespürt haben. Denn das Hinspiel in Serbien ist nicht vergessen. Im März gab es ein 2:2, doch Ronaldo war ein klares Tor genommen worden. Bei einem Schuss in der Nachspielzeit war der Ball deutlich hinter der Linie. Doch Schiedsrichter Danny Makkelie, der seinerzeit keine Hilfe von der Tortechnik oder einem Videoassistenten hatte, gab den Treffer nicht. Ronaldo warf die Kapitänsbinde weg und stapfte vom Rasen, auch die Mitspieler und der Trainer schimpften. Mit dem Sieg und drei Punkten von damals hätte Portugal das WM-Ticket nun schon sicher.

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Doch Fußball wird nicht im Konjunktiv gespielt. Portugal muss in die Playoffs. Und die sind diesmal komplizierter als zuvor. Bisher gab es immer ein Duell mit Hin- und Rückspiel. Der Sieger durfte zum Turnier. Die Setzliste besorgte guten Teams wie Portugal leichtere Gegner. Das ist diesmal anders. Im Nervenspiel geht es durchs Nadelöhr. Die zehn Gruppenzweiten und die besten zwei Teams aus der Nations League, die in der WM-Qualifikation auf Rang drei oder schlechter abschnitten, kommen in den Lostopf. Die zwölf Mannschaften werden in drei Gruppen gelost. Hier gibt es zunächst zwei Halbfinals und dann ein Endspiel, jeweils ohne Rückspiele.

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© Youtube

Ausrutscher kann sich also niemand erlauben. Wer verliert, bleibt daheim. Nur die drei Sieger der Playoff-Gruppen kommen zur WM. Die Quote von 25 Prozent im Ausscheidungsprozess ist härter als bisher. Neben Portugal sind auch Schweden, Schottland, Russland und Nordmazedonien fix in den Playoffs. Italien oder die Schweiz (Gruppe C), Finnland oder die Ukraine (D), Wales oder Tschechien (E), die Niederlande, die Türkei oder Norwegen (G) sowie England oder Polen (I) kommen dazu plus die zwei Nations-League-Teams.

Neben Serbien sind aus Europa schon Deutschland, Dänemark, Frankreich, Belgien, Kroatien und Spanien für die WM qualifiziert. Gastgeber Qatar sowieso Brasilien in der Qualifikation in Südamerika haben das Ticket ebenfalls sicher. Im Nervenspiel der europäischen Playoffs, die am 26. November ausgelost und im kommenden März ausgetragen werden, könnten Ronaldos Portugiesen auf einen anderen extrovertierten Altstar treffen. Seit Sonntagabend und dem 0:1 in Spanien muss auch Schweden mit Zlatan Ibrahimovic in die Playoffs, um dessen Traum von einer letzten Weltmeisterschaft zu erfüllen.

Ibrahimovic hat zuvor aber noch ein anderes Problem. Der schwedische Verband kämpft gegen die Sperre für den Star im Halbfinale der Playoffs. Der 40-Jährige hatte in Sevilla seine zweite Gelbe Karte gesehen. Damit darf er in den Play-offs erst in einem möglichen Finale wieder spielen. Ibrahimovic sah es gelassen. Bis zu den Ausscheidungsspielen für Qatar, „ist es noch lange hin. Ich weiß gar nicht, ob ich dann noch lebe“. Nationaltrainer Janne Andersson betonte: „Ich habe Zlatan sehr gerne dabei und hoffe sehr, dass er im März noch lebt.“ Deshalb kämpfen sie gegen die „dumme Regel“, wie der frühere Hamburger Albin Ekdal die Sperre nannte.

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Teamchef Stefan Pettersson kündigte an, dass Schweden „unsere Sicht der Dinge erneut vortragen“ werde. Die Skandinavier waren mit ihrem Ansinnen, die Regel zu kippen, allerdings bereits einmal bei Weltverband FIFA gescheitert. „Ich glaube, dass die meisten Länder, die an den Play-offs teilnehmen, dieselbe Meinung haben“, sagte Pettersson: „Vielleicht können wir auf die Regeln einwirken. Wir haben diese Sache nicht aufgegeben.“ Ibrahimovic äußerte sich „enttäuscht“ über die Niederlage, „aber so ist Fußball“. Neben ihm ist im ersten Play-off-Spiel auch Verteidiger Emil Krafth gesperrt.

Der Zahn der Zeit nagt auch an einem wie Zlatan Ibrahimovic.
Der Zahn der Zeit nagt auch an einem wie Zlatan Ibrahimovic. Bild: AFP

Die Historie immerhin macht immerhin den Portugiesen Mut. Drei Mal mussten sie vor einem großen Turnier in die Playoffs – und kamen immer weiter. Vor der WM 2010 setzte sich das Team zwei Mal mit 1:0 gegen Bosnien durch. Zwei Jahre später, vor der EM, stand der gleiche Gegner im Weg. Auf ein torloses Remis folgte daheim ein 6:2. Und vor der WM 2014 schalteten die Portugiesen Schweden aus. Nach dem 1:0 im eigenen Stadion reichte ein 3:2 in Solna deutlich zum Ticket für das Turnier in Brasilien. Ronaldo erzielte dabei alle drei Treffer. Darauf setzt die Seleção auch im Frühjahr 2022. Doch der Weg ist kompliziert.

Das weiß auch Ronaldo, der sich am Montagmorgen erstmals äußerte. „Der Fußball hat uns immer wieder gezeigt, dass es manchmal die schwierigsten Wege sind, die zu den besten Resultaten führen. Das gestrige Ergebnis war hart, aber nicht genug, um uns unterzukriegen“, schrieb der 36 Jahre alte Stürmer bei Instagram. „Das Ziel, bei der WM 2022 dabei zu sein, ist immer noch da und wir wissen, was wir tun müssen, um dorthin zu gelangen. Keine Ausreden. Portugal auf dem Weg nach Qatar“, fuhr Ronaldo auf Portugiesisch fort. Für ihn wäre eine Qualifikation die fünfte WM-Teilnahme nach 2006, 2010, 2014 und 2018. Bisher hat Ronaldo bei jedem WM-Endturnier mindestens ein Tor erzielt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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