Traditionsklub

Kaiserslautern am Abgrund

Von Andreas Erb
03.11.2017
, 14:42
FC Kaiserslautern: Oberbürgermeister fordert Aufklärung
Der 1. FC Kaiserslautern kämpft in der zweiten Liga um seine Existenz im deutschen Profifußball. Die Stimmung im Umfeld des Klubs ist am Tiefpunkt und weitere Zerwürfnisse deuten sich an.
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Ich habe hier Real Madrid verlieren sehen, ich habe hier Barcelona verlieren sehen. Ich habe hier Bayern München oft verlieren sehen.“ Thomas Gries sparte nicht mit großen Namen des internationalen Fußballs, als er vor anderthalb Jahren seinen Job als Vorstandschef beim 1. FC Kaiserslautern antrat. Er wollte „Aufbruchsstimmung“ erzeugen. Als großes Ziel wurde die Rückkehr in die Bundesliga ausgerufen. Heute steht der FCK auf dem letzten Tabellenplatz in der zweiten Liga und kämpft um seine Existenz im deutschen Profifußball.

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Unlängst haben die Lauterer mit Jeff Strasser einen neuen Trainer verpflichtet, der als ehemaliger Spieler noch große Sympathien beim Publikum genießt. Es geht wohl auch um eine emotionale Mobilisierung. „Das Ziel Nichtabstieg ist erreichbar“, sagt Strasser optimistisch. Vor dem Heimspiel an diesem Freitag gegen den VfL Bochum haben die Spieler über die Vereinswebsite einen Brief an die Fans veröffentlicht, in dem sie „versprechen, alles zu investieren, damit wir unsere Ziele erreichen“.

Doch der Schwur trifft auf geteilte Resonanz. „Im Augenblick helfen gut gemeinte Schreiben wenig – im Fußball liegt die Wahrheit auf dem Platz und nicht im Schriftverkehr. Wie oft sollen die Fans noch in Vorleistung treten?“, fragt Bruno Otter. Der Banker ist ein langjähriges FCK-Mitglied. Die Stimmung im Umfeld des Klubs sei an einem „Tiefpunkt“. Gründe sieht der FCK-Enthusiast darin, dass sich der Verein von seiner Basis entfernt habe. Dies zeige sich an rückläufigen Zuschauerzahlen. „Das Wir-Gefühl ist verlorengegangen.“ Ebenso fehle die Bindung an Unternehmen in der Region. Zahlreiche Spielerwechsel erschwerten die Identifikation mit der Mannschaft.

Vier Trainer habe der FCK seit 2016 verschlissen. „Der Mangel an Kontinuität weckt Zweifel an der sportlichen Kompetenz handelnder Akteure“, sagt Otter. Geschuldet ist der sportliche Abstieg auch der Finanzlage des FCK. Seit Jahren schon können Finanzlöcher nur durch Sondereffekte, Transferüberschüsse und den Verkauf hoffnungsvoller Talente gestopft werden. Zu Saisonbeginn wurde etwa die komplette Abwehrkette ausgewechselt, die zuletzt ein Stabilitätsfaktor gewesen war. Immer wieder warnten Vereinsmitglieder vor einem solchen Szenario, vor einem Ausverkauf der Kaderqualität. Aber offenbar ignorierten Vorstände und Aufsichtsräte das.

Stattdessen wurden auf hitzigen Mitgliederversammlungen von der alten Vereinsführung um den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden und heutigen U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz einige Kritiker als Feinde des FCK geschmäht. Die in Wahrheit bedrohliche Entwicklung vernebelten sie mit Darstellungen von „ligaunabhängiger wirtschaftlicher Stabilität“.

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Seit Jahren gibt es Vorhaltungen der Misswirtschaft und das Verlangen der Mitglieder nach der Klärung offener Fragen. Bis dato fehlt aber eine erkennbare Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit. Dieses Vakuum prägt die derzeitige Stimmung und sorgt für Differenzen, was die Deutungshoheit über die Ereignisse betrifft. Nach Informationen dieser Zeitung hat gerade der Kaiserslauterer Oberbürgermeister Klaus Weichel (SPD) in einem Schreiben die Vereinsführung aufgefordert, Geschäftsvorfälle aus der Zeit von Kuntz unverzüglich zu untersuchen. Hier deutet sich ein Zerwürfnis an. Denn während der Oberbürgermeister bereits seit Monaten auf Antworten dringt, spricht man beim FCK auf Nachfrage von „professioneller Zusammenarbeit und vertrauensvollem Umgang“ mit dem Stadtoberhaupt.

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Aufsichtsratschef Nikolai Riesenkampff behauptet, „etwaige Vorwürfe prüfen“ zu wollen. Der Verein lasse sich schon seit fast zwei Jahren von einer Frankfurter Kanzlei beraten. Eine Diskussion habe „in der Öffentlichkeit nichts verloren“. Den Mitgliedern wolle man „bei der anstehenden Jahreshauptversammlung berichten“. Die findet aber erst am 3. Dezember statt. An diesem Tag wird der Aufsichtsrat turnusgemäß neu gewählt. Für Brisanz ist gesorgt. Dabei hatte der FCK noch vor wenigen Jahren beste Voraussetzungen in einem wachsenden Fußballmarkt – als starke Marke mit einer begeisterungsfähigen Fanbasis und einer großen Tradition.

Kaiserslauterns Trainer, Jeff Strasser genießt als ehemaliger Spieler noch große Sympathien beim Publikum.
Kaiserslauterns Trainer, Jeff Strasser genießt als ehemaliger Spieler noch große Sympathien beim Publikum. Bild: dpa

Der Klub mit seiner Ikone Fritz Walter ist für die Pfalz ein Identitätsanker. 1998 brachten die „Roten Teufel“ mit Trainer Otto Rehhagel das Kunststück fertig, als Aufsteiger deutscher Meister zu werden. Andreas Brehme, Ciriaco Sforza, Michael Ballack, Miroslav Klose, Kevin Trapp, Sandro Wagner oder Willi Orban sind Namen jener, die in den vergangenen 20 Jahren das FCK-Trikot trugen. Nun stehen die Pfälzer am Abgrund zur dritten Liga. Es ist schwer zu glauben, dass ihr großes Potential tatsächlich verspielt werden konnte. Dass die Vereinsführung zudem ausgerechnet jetzt an eine Ausgliederung denkt, um zusätzliche Finanzmittel generieren zu können, klingt wie ein verzweifelter Ausverkauf des letzten Tafelsilbers.

Wie der FCK bei einem möglichen Abstieg „überleben“ könnte, ist ungewiss. Sicher wäre die Stadt dann neuen Erwartungen ausgesetzt. Schon jetzt wird immer wieder mit teils kuriosen Verrechnungsmodellen um die Höhe der Miete für das städtische Fritz-Walter-Stadion gerungen. Die städtische Stadiongesellschaft, die einst dem Klub das Stadion abkaufte und meinte, ihn damit retten zu können, ist seitdem abhängig von den Pachtzahlungen ihres einzigen Mieters. Sollte der tatsächlich einmal ausfallen, fehlen Alternativen. Für den Steuerzahler stehen hohe Millionensummen auf dem Spiel. Doch vorausschauend-kritische Anmerkungen fanden selbst in der Politik bislang nur wenig Anklang.

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Wer dennoch versuchte, sich mahnend mit dem pfälzischen Fußballklub auseinanderzusetzen, musste mit emotionalen und wenig zielführenden Reaktionen rechnen. Als etwa 2014 im rheinland-pfälzischen Landtag wieder einmal um die Situation beim FCK gezankt wurde, überboten sich die Parlamentarier mit wechselseitigen Vorwürfen, mangelnden Patriotismus an den Tag zu legen, an der Klemme des Klubs schuld zu sein oder den Fußball für parteitaktische Motive zu missbrauchen. Schon damals fehlte es an einer offenen Diskussion zur Lösung der unheilvollen Verquickung zwischen Verein und öffentlicher Hand.

Welchen Durchsatz in solchem Klima die Forderungen des Oberbürgermeisters haben, bleibt abzuwarten. Wie sehr sich die Lage zuspitzt, zeigte sich jüngst an einem Antrag der CDU-Opposition im Stadtrat. Die wollte unter anderem wissen, wie tragfähig das kommunale Stadionmodell überhaupt noch sei und ob sichergestellt bleibe, dass das Länderspiel anlässlich des 100. Geburtstags von Fritz Walter 2020 tatsächlich in Kaiserslautern stattfinden könne. Der Oberbürgermeister antwortete knapp: „Das Länderspiel ist mir nicht bekannt.“

Quelle: F.A.Z.
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