Deutsch-Kurde Deniz Naki

Der Gegen-Spieler

Von Rainer Hermann, Diyarbakir
25.03.2016
, 16:06
Politisch engagiert: Naki spielt mit Flüchtlingen Fußball
Azadi ist kurdisch und heißt Freiheit - und brachte dem deutschen U-19-Europameister Deniz Naki die längste Sperre ein, die der türkische Verband je verhängt hat. In der Türkei ist Krieg. Im türkischen Fußball auch.
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Deniz Naki war mit St. Pauli in die erste Bundesliga aufgestiegen, er könnte in Europa Tore schießen, und doch spielt der U-19-Europameister in der Türkei für den Drittligaklub Amedspor - wo er es zu einem der bekanntesten und umstrittensten Spieler des Landes gebracht hat. Denn seit seinem Siegtor am 31. Januar im Pokalspiel beim Erstligaverein Bursaspor ist der 1989 in Düren geborene Kurde für zwölf Spiele gesperrt. Der Grund: Er widmete den Achtelfinalsieg „den Menschen, die in 50 Tagen Unterdrückung getötet oder verletzt wurden“.

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Seit 50 Tagen hatte zu jenem Zeitpunkt die türkische Armee eine Ausgangssperre über die Altstadt von Diyarbakir und andere kurdische Orte verhängt. In Cizre hatte Naki Leichen getöteter Kurden gesehen, und er wollte nicht mehr schweigen. Dazu postete er auf Facebook das kurdische Tattoo auf seinem linken Unterarm. „Azadi“ steht dort, was Freiheit heißt. „Das war nach fünf Minuten überall in den Medien“, sagt Naki. Und gleich ging der Shitstorm los.

Trotz allem will er aufsteigen

Er wurde als Terrorist beschimpft, als einer, der für die verbotene PKK Propaganda mache und der gegen den türkischen Staat sei. Selbst Leute des Mafiabosses Sedat Peker bedrohten ihn. Nie hatte der türkische Verband eine längere Sperre verhängt, zudem eine Geldstrafe von 19.500 türkischen Lira. Seit er gesperrt ist, hat Amedspor kein Spiel mehr gewonnen.

Es drängt ihn zurück auf das Spielfeld. Schließlich will er mit dem Verein aufsteigen. Das sei ihm wichtiger, als in Europa gutes Geld zu verdienen.

„Jeder Reporter soll den Namen Amedspor aussprechen“, sagt er. Denn bei dem Spiel in Bursa sprach der Fernsehreporter immer nur von „dem Gegner“ und von „denen“. Amed ist der bereits im Altertum gebrauchte, aber auch kurdische Name für Diyarbakir. Nationalistische Türken würden sich eher mit Weihwasser in einer Kirche bekreuzigen als den kurdischen Namen Amed aussprechen.

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Türkei gegen Kurdistan

Als Deniz Naki im vergangenen Sommer das Angebot von Amedspor annahm und nach Diyarbakir kam, habe das kurdische Volk „zu 80 Prozent“ den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, sagt er. Amedspor repräsentiere das kurdische Volk. Angebote aus Europa habe er ausgeschlagen, weil er etwas für die Kurden tun wolle, weil man in einem Land, in dem viel Unrecht geschehe, mit Erfolgen wie jenem Sieg in Bursa die Menschen glücklich machen könne. Tausende feierten danach in den Straßen in Diyarbakir. „Und es wären mehr geworden, hätte die Polizei die Menschen nicht mit Tränengas auseinandergetrieben.“

Europameister mit der U17: Deniz Naki feierte Erfolge im deutschen Nationaltrikot
Europameister mit der U17: Deniz Naki feierte Erfolge im deutschen Nationaltrikot Bild: AFP

In das Stadion von Bursa waren die Fans aus Diyarbakir, angeblich aus Sicherheitsgründen, erst gar nicht zugelassen - wie bei allen Auswärtsspielen des Vereins. „Krass“ sei es gewesen - ein Wort, das Naki gerne benutzt. Vor dem Spiel wurden die Gäste aus Diyarbakir mit rassistischen Parolen beleidigt, während des Spiels schwenkten die Fans von Bursa nicht die Vereinsflagge, sondern die türkische Fahne.

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„Es war, als ob die Türkei gegen Kurdistan spielte.“ Verteilt wurden Bilder, auf denen die Spieler von Bursa Militäruniformen trugen und die aus Diyarbakir wie „Terroristen“ wirken sollten. Die Spannungen hatten eine Vorgeschichte. Im Jahr 2010 hatte Bursaspor in Diyarbakir gegen den damaligen Erstligaklub Diyarbakirspor gespielt. Das Spiel wurde nach Ausschreitungen abgebrochen. Der Verband teilte Bursa den Sieg zu, Diyarbakir musste neun Heimspiele vor leeren Rängen spielen, die Mannschaft stieg ab.

Auch wenn er im Westen der Türkei zur Zielscheibe geworden ist, freut sich Naki: „Das kurdische Volk steht zu 100 Prozent hinter mir.“ Und die kurdische Identität ist ihm wichtig. Seine Familie stammt aus Dersim, einer mittelanatolischen Stadt, in der die türkische Armee 1937 und 1938 einen kurdischen Aufstand massiv niederwalzte. Als Teil der Strafmaßnahmen benannte die Republik den Namen der Stadt in Tunceli um. Sein Vater war ein kurdischer Aktivist, der Ende der siebziger Jahre gefoltert wurde und nach Deutschland fliehen konnte. Dort nahm er den Sohn zu kurdischen Veranstaltungen mit. In diesem Jahr reist der Vater zum ersten Mal mit seinem deutschen Pass als Tourist wieder nach Dersim. Wer aus Dersim kommt, ist Kurde, Alevit und links. Wie Deniz Naki.

Durch Kobane wurde er politisch

Und so landete der junge Fußballspieler im Alter von 19 Jahren bei St. Pauli. „Fans wie in St. Pauli gibt es kein zweites Mal, und die Einstellung dort ist links, wie auch ich bin.“ Den Trainer Holger Stanislawski verehrt er noch heute als seinen Ziehvater. Zu jedem habe sich der gleich verhalten, zu einem Star wie zum Zeugwart, und das habe ihm imponiert. Probleme hatte er dann aber mit dessen Nachfolger André Schubert, der Menschen unterschiedlich behandelte. Und so ging Naki, seine Odyssee begann.

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Sie führte über Paderborn, wo er gegen St. Pauli ein Tor schoss und dafür von seinen alten Fans bejubelt wurde, in die Türkei zum Hauptstadtverein Genclerbirligi. Der türkische Fußball habe zwar bei der Technik Fortschritte gemacht. Aber sonst ist er schon ernüchtert. Eine mittelmäßige Mannschaft aus der zweiten Bundesliga könne gut in der obersten türkischen Liga mithalten und würde nicht absteigen, sagt er.

Mit der Schlacht um Kobane, die im Herbst 2014 begann, wurde er dann in die Politik gezogen. Zwar hatte Naki bei Genclerbirligi einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Doch als der „Islamische Staat“ die kurdische Stadt Kobane angriff, postete er auf Facebook seine Unterstützung für ein „freies Kobane“. Als im Sindschargebirge Yeziden getötet, Frauen verkauft und vergewaltigt wurden, wollte er etwas tun. Er rief dazu auf, zu protestieren, auf die Straße zu gehen. Bei türkischen Nationalisten kam das nicht gut an, und so sei er an einem Novemberabend auf offener Straße in Ankara angegriffen worden, sagt Naki. Der Vertrag wurde in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst, eine Rückkehr nach St. Pauli scheiterte, und so spielt Deniz Naki nun bei Amedsport.

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Auf seinem Arm steht nur das kurdische Wort für Freiheit. Ein Porträt von Che Guevara ist auf dem Handrücken zu sehen, auf den Fingern sein Nachname, auf einem Arm die Namen seiner Eltern und Geschwister. Und dann ganz oben wie sein Lebensmotto der kurdische Schriftzug: „Kämpfe, um zu überleben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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