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Erklärung von DFB-Präsident

Das WM-Geschäft 2006 wird immer suspekter

Von Christoph Becker
Aktualisiert am 22.10.2015
 - 18:21
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach versucht zu erklären, gerät aber in akute Nöte.zur Bildergalerie
Märchenhafter denn je: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach versucht, die Millionenüberweisung vor der WM 2006 an die Fifa zu erklären. Prompt bezweifelt der Fußball-Weltverband diese Darstellung.

So begann der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, seine Pressekonferenz am Donnerstagmittag am Sitz des größten Einzelsportverbandes der Welt in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise: „Ja, in der Tat ist das Thema sehr komplex und ich möchte jetzt am heutigen Tag die Gelegenheit nutzen, in aller Offenheit und Ehrlichkeit die Dinge so darstellen [sic], wie ich sie in Erinnerung habe und teilweise auch erst seit kurzem kenne. Die sehr wichtige Kernbotschaft ist die, die ich schon am letzten Wochenende unterstrichen habe: Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. Es hat keine Schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben. Wir haben am 6. Juli 2000 mit zwölf zu elf Stimmen gewonnen. Es war eine geheime Abstimmung. Wer letztlich für uns gestimmt hat, das wissen wir nicht.“

Und weiter: „Aber das unterstreiche ich auch nach Rücksprache mit allen Beteiligten. Ich war persönlich eingebunden in diese Bewerbungsphase, die über eine lange Strecke ging. Also die Behauptung, dass wir auf unlauterem, unkorrektem Wege die WM, diese wunderbare WM 2006 bekommen hätte, die stimmt definitiv nicht. Jetzt kommt der zweite Teil, den ich erst in dieser, in dieser Geschichte, wie es sich darstellt auch erst seit, seit kurzem kenne, auch immer noch nicht vollständig.“ Dieser zweite Teil von Niersbachs Erklärungen sollte, die Nachfragen der Journalisten eingerechnet, etwa 37 Minuten und 20 Sekunden dauern. Schon die Wortwiederholungen Niersbachs in seiner Überleitung zeigen, wie teilweise hilflos er diesen zweiten Teil absolvieren würde.

Niersbachs Ziel war es, zu erklären, warum der DFB im Frühjahr 2005 6,7 Millionen Euro an den Internationalen Fußballverband Fifa überwies und warum der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zuvor ein Darlehen in dieser Höhe gestellt hatte. Niersbach erklärte: Das Darlehen habe Louis-Dreyfus Anfang 2002 gestellt, und nicht, wie der „Spiegel“ vergangenen Freitag geschrieben hatte, dem deutschen Bewerbungskomitee um Franz Beckenbauer und Niersbach vor der WM-Vergabe an jenem 6. Juli 2000 in Zürich.

Hintergrund: Bedingung für einen Finanzzuschuss der Fifa in Höhe von 170 Millionen Euro zur Organisation der WM 2006 sei die Zahlung von 10 Millionen Franken (6,7 Millionen Euro) an die Finanzkommission der Fifa gewesen. Das habe ein Gespräch unter vier Augen zwischen Fifa-Präsident Joseph Blatter und OK-Präsident Franz Beckenbauer in Zürich im Januar 2002 ergeben.

„Das liegt jetzt zehn, elf, zwölf Jahre zurück“

Beckenbauer, so sagte Niersbach am Donnerstag, habe ihm das in einem Gespräch am Dienstag in Salzburg erzählt, sei aber nicht mehr sicher, wer im Fifa-Organ Finanzkommission zehn Millionen brauchte, um 170 Millionen beizutragen – und warum. Jedenfalls, so Beckenbauer laut Niersbach, habe der deutsche WM-Cheforganisator zunächst selbst in die Bresche springen wollen, sei aber von seinem Manager Robert Schwan, später im Jahr 2002 verstorben, davon abgehalten worden. Schwan habe stattdessen Louis-Dreyfus zum Privatdarlehen bewegt.

Von der „Bedingung“ für den Zuschuss der Fifa, sagte Niersbach, „habe ich nichts erfahren“. Auf Nachfrage sagte er dann, den Zusammenhang zwischen Zuschuss und Darlehen, habe er „im Grunde genommen“ erst in diesem Sommer hergestellt. Andere im Organisationskreis wussten davon wenigstens seit 2004, wie das OK-Mitglied Horst R. Schmidt am Donnerstag verbreiten ließ: „Im Jahr 2004 erfuhren wir dann von Franz Beckenbauer...“

Pressekonferenz
DFB-Präsident Niersbach erklärt Zahlung an Fifa
© dpa, reuters

Bei einer weiteren Nachfrage sagte Niersbach dann, natürlich habe er früher „schon mitbekommen, dass da irgendetwas war, was mit Robert Louis-Dreyfus zu tun hatte. Dass da mal intensiver drüber gesprochen worden ist, kann ich nicht ausschließen. Das liegt jetzt zehn, elf, zwölf Jahre zurück.“ Jedenfalls habe der Franzose im Jahr 2004 sein Geld zurückhaben wollen, woraufhin die Fifa die WM-Organisatoren zur Kasse bat.

Also hätten die Deutschen 6,7 Millionen unter der Rubrik „Beitrag zum Kulturprogramm“ überwiesen, und in diesem Zusammenhang sei nicht auszuschließen, dass es einen entsprechenden handschriftlichen Vermerk seinerseits in einem DFB-Papier gebe. Dass hinter der Überweisung, „einer Position von 100 anderen“, die Rückzahlung steckt, sagte Niersbach, „das war mir nicht bewusst“. Die Darstellung des „Spiegel“, das Thema sei 2013 bei einem Treffen am Frankfurter Flughafen im Beisein des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger besprochen worden, sei falsch, sagte Niersbach. Ein Treffen habe es gegeben, allerdings im September 2012, aber da sei über dieses Thema nicht gesprochen worden.

„Nicht, dass es aussieht, dass ich mich drücke“

Ein Fehler seinerseits, so Niersbach weiter, sei gewesen, seine Kollegen im DFB-Präsidium nicht von der Untersuchung zu unterrichten, die er im Sommer angestoßen habe. Die externe Untersuchung laufe erst „seit – wann ist das in Auftrag gegeben worden? – seit einer Woche, das weiß ich nicht genau. Und die interne Untersuchung war keine Untersuchung, in diesem Stadium, des Kontrollausschusses, sondern dass wir überhaupt mal in die Akten gestiegen sind, weil ich ja selber den Vorgang begreifen wollte.“

Wie genau er im Sommer von dem Verdachtsfall erfahren hat, wollte Niersbach nicht sagen. Es sei über Umwege geschehen. Am Mittwoch vergangener Woche hatte der „Spiegel“ seine Fragen an Niersbach gerichtet. Seit einigen Tagen hat der DFB die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer zur Aufklärung eingeschaltet. Trotzdem reiste Niersbach am Dienstag nach seiner Teilnahme an der Sitzung der Fifa-Exekutive von Zürich nach Salzburg, um im Hause Beckenbauer zu ermitteln.

Die Möglichkeit, angesichts der eigenen Beteiligung im Organisationskomitee externe Ermittler mit der Aufklärung bei Beckenbauer zu betrauen, nannte Niersbach „eine Variante, aber ich wollte auch vor allem für mich selber wissen, was genau und wie genau ist das damals abgewickelt worden“. Viel mehr aber konnte Niersbach nicht in Erfahrung bringen. Warum mussten die WM-Organisatoren ein Darlehen ausgleichen, das Louis-Dreyfus der Fifa stellte?

„Nicht, dass es aussieht, dass ich mich drücke. Ich war in diese Finanzabwicklung nur sehr bedingt eingebunden in meiner Zuständigkeit. Deshalb kann ich auch heute Ihnen nicht die restlose Aufklärung liefern. Da sind schon ein paar Fragen offen.“ Warum musste es in den Büchern unter Posten „Beitrag zum Kulturprogramm“ geführt werden? „Das ist der zentrale Punkt, der uns seit Tagen bewegt, das lässt sich nicht leugnen.“ Warum sprach Beckenbauer damals über das Ergebnis seines Vier-Augen-Gesprächs mit Blatter mit Robert Schwan, aber niemandem sonst? Beckenbauer teilte mit, er werde schweigen, bis ihn die externen Ermittlern des DFB befragen.

„Keine derartige Zahlung von CHF 10 Mio.“

Blatter dementierte diese Version am Donnerstag. Die Fifa hat zu Niersbachs Erklärungen Folgendes mitzuteilen: „Es entspricht in keinster Weise den FIFA-Standardprozessen und Richtlinien, dass die finanzielle Unterstützung von WM-OKs an irgendwelche finanziellen Vorleistungen seitens des jeweiligen OKs oder seines Verbandes gekoppelt ist. Im Übrigen ist ganz generell die Finanzkommission weder berechtigt, Zahlungen irgendwelcher Art in Empfang zu nehmen, noch verfügt sie über ein eigenes Bankkonto.“

Man werde den DFB auffordern, an einer eigenen Aufklärung durch die Anwälte der Kanzlei Quinn Emanuel mitzuarbeiten. Nach „heutigem Kenntnisstand“, schreibt die Fifa der F.A.Z. nach Blick ins Archiv, „wurde keine derartige Zahlung von CHF 10 Mio. bei der FIFA im Jahr 2002 registriert.“

Die wichtigsten Köpfe des Organisationskomitees der WM 2006

Präsident: Franz Beckenbauer

1. Vizepräsident: Horst R. Schmidt (zuständig u.a. für Stadien, Kartenverkauf, Transport und Verkehr sowie Sicherheit)

Weitere Vizepräsidenten: Wolfgang Niersbach (Marketing und Medien) und Theo Zwanziger* (Personal, Recht, Finanzen)

General Coordinator: Heinz Palme* (Projektmanagement und Protokollchef)

Weitere bekannte Fußball-Funktionäre im OK: Helmut Sandrock (heute DFB-Generalsekretär) und Jens Grittner (heute Pressesprecher der Nationalmannschaft).

*Zwanziger rückte erst 2003 als Nachfolger von Fedor Radmann ins OK auf. Der Sportfunktionär Radmann fungierte anschließend als Berater des OK-Präsidiums sowie Beauftragter für Kunst, Kultur und Tourismus.

*Palme ist ein österreichischer Manager, mittlerweile Direktor beim International Centre for Sport Security in Doha.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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