Dilemma für Gladbachs Trainer

Ausgerechnet gegen Borussia Dortmund

Von Daniel Theweleit, Mönchengladbach
02.03.2021
, 12:04
Im Pokal-Viertelfinale geht es für Marco Rose und sein Team gegen den wieder erstarkten BVB. Für den Gladbacher Trainer und den gesamten Verein birgt das Borussia-Derby eine besondere Brisanz.

Oft bricht die Verärgerung nicht aus Marco Rose hervor, wenn er Fragen von Journalisten beantwortet, in der Regel ist der Trainer von Borussia Mönchengladbach sehr zuvorkommend. Meist hat er sogar ein gewisses Verständnis für Themen, die ihm weniger gut gefallen, doch am Montagnachmittag hat er irgendwann genug.

DFB-Pokal

„Bei allem Respekt, ich glaube, ich habe vorher eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt“, erklärt er nach der dritten oder vierten Frage zu seiner persönlichen Situation als Fußball-Lehrer, der am Dienstagabend versuchen wird, seine künftige Mannschaft aus dem DFB-Pokal zu werfen ( 20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und in der ARD und auf Sky). Die Anspannung ist nicht zu übersehen. Vorher schon erklärt er, dass er „hier jedes Korn an Energie“ brauche, „um mit den Jungs zusammen die Situation zu meistern“. Zu seiner Dortmunder Zukunft gebe es „nichts zu sagen, weil es kein Thema ist“. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Schwierige Situation für Gladbach

Es ist nicht zu übersehen, dass sehr wohl ein paar Körner draufgehen, weil Roses Wechsel zum BVB so viel Interesse weckt und sehr praktische Konsequenzen hat. Sportdirektor Max Eberl muss sich die Zeit nehmen, einen Nachfolger zu suchen. Spieler, die sich mit der Frage einer Vertragsverlängerung beschäftigen, wüssten sicher gerne, wer die Borussia im kommenden Jahr trainiert, und mitunter mischen sich ein paar schwierige Emotionen in die Ungewissheit.

Die Gladbacher haben ohne jeden Zweifel den festen Vorsatz, diese Saison möglichst ordentlich mit Rose zu Ende zu spielen. Die Leistungen der Spieler bieten nur wenige Angriffsflächen für Kritiker. Und dennoch ist ein fruchtbarer Boden für atmosphärische Störungen entstanden, die sich irgendwo in der Grauzone zwischen einem an den Haaren herbeigezogenen Verdacht und einer realen Sorge bewegen.

Roses Herausforderung

Es gibt in Mönchengladbach dieses Gerüst an Spielern, die in den ganz großen Partien fast immer aufliefen: Alassane Pléa, Florian Neuhaus, Ramy Bensebaini, Lars Stindl, Chris Kramer oder Jonas Hofmann. Doch zuletzt hat Rose in der Bundesliga gerade im für viele Anhänger besonders wichtigen Derby gegen Köln, das 1:2 verlorenging, oder auch beim 2:3 in Leipzig am vorigen Samstag Teams nominiert, in denen einige der hochgelobten Helden zunächst auf der Bank saßen.

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Dafür gibt es schlüssige Argumente. Es sei „einfach eine neue Situation für uns, auf diesem Niveau“ am Wochenende in der Bundesliga gefordert zu sein und dienstags oder mittwochs gegen noch stärkere Gegner antreten zu müssen, sagt der Trainer. Die Herausforderung bestehe darin, sich „an dieses Pensum und an diese Qualität an Gegnern zu gewöhnen, das ist ein Entwicklungsschritt“, den die Mannschaft gerade mache. Aber der giftige Gedanke, dass hier ein Trainer die Wettbewerbe priorisiert, in denen er selbst noch etwas gewinnen kann, während er die Bundesliga, wo es um die Teilnahme an der kommenden Europapokalsaison geht, nicht ganz so wichtig nimmt, existiert.

Radikale Anhänger haben deshalb schon den Rauswurf gefordert. Es gibt Fangruppierungen, die Rose für „absolut untragbar“ halten, und nach dem Derby gegen Köln hing ein Banner am Stadion, auf dem der Erfolgstrainer beleidigt wurde. Jonas Hofmann versichert zwar, dass sich niemand im Team belastende „Gedanken über den Trainerwechsel macht“, und im Pokalduell besteht auch nicht die Gefahr, dass Rose unter Verdacht gerät, nicht unbedingt gewinnen zu wollen.

„Ich bin Trainer von Borussia Mönchengladbach“

Aber was ist, wenn Gladbach und Dortmund kurz vor Saisonende um einen der wertvollen Champions-League-Ränge konkurrieren? Wenn Rose persönlich unmittelbar von einer Dortmunder Qualifikation für die Königsklasse profitieren würde, weil er dann auch im kommenden Jahr in diesem Wettbewerb dabei wäre, an dem er im laufenden Spieljahr so große Freude hat? Das kann noch heikel werden.

Diffizil ist die Lage zudem, weil es nicht nur um sportliche Perspektiven geht. Gerade in dieser Zeit der wirtschaftlichen Herausforderungen, in der pandemiebedingt große Einnahmen wegbrechen, können Prämien aus der Champions League entscheidend Einfluss auf die mittelfristige Zukunft beider Klubs nehmen.

„Ich bin Trainer von Borussia Mönchengladbach, und ich habe Ziele mit dem Verein“, sagt Rose immer wieder, und nach allem, was über diesen offenen und ehrlichen Fußball-Lehrer bekannt ist, gibt es keinen Anlass, an diesen Worten zu zweifeln. Aber der Interessenkonflikt ist vorhanden, so gerne die Gladbacher das auch verdrängen würden. Es bleibt brisant, wobei ein Gladbacher Sieg im DFB-Pokal gegen den BVB sehr helfen würde, um zumindest die Emotionen der aufgebrachten Fans vorübergehend zu beruhigen.

Quelle: F.A.Z.
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