Reinhard Grindel im Gespräch

„Glauben Sie, Drohungen helfen?“

Von Michael Ashelm und Evi Simeoni
18.04.2016
, 11:46
Auf den neuen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel wartet jede Menge Arbeit. Ein Gespräch über die Affäre um die WM-Vergabe, die mögliche Rettung der Steuererklärung 2006 und Daumenschrauben für Franz Beckenbauer.

Sie wechseln aus der Politik, als Bundestagsabgeordneter der CDU, an die Spitze des DFB. Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Ihrer Parteifreundin Angela Merkel?

Mein Verhältnis zu Angela Merkel ist gut und vertrauensvoll. Sie hat mir zu meiner Wahl gratuliert, per SMS, wie es bei ihr üblich ist. Wir werden sie gemeinsam mit dem Trainerteam auch zeitnah treffen. Es gibt regelmäßig vor großen Turnieren Begegnungen mit ihr ohne Öffentlichkeit. Sie erscheint ja nicht nur bei großen Turnieren auf der Zuschauertribüne, sie interessiert sich wirklich für Fußball und versteht auch etwas davon. Es gibt in der parlamentarischen Gesellschaft in Berlin ein Fernsehzimmer, wo Abgeordnete gemeinsam Champions League schauen, und dort ist sie - wenn es die Zeit erlaubt - auch zu Gast.

Stimmt es, dass Sie sich duzen?

Durch meine journalistische Arbeit kenne ich sie seit 1990. In der Fraktion habe ich sie dann 2002 wiedergetroffen. Sie war Fraktionsvorsitzende und ich Abgeordneter. Da ist es völlig unspektakulär dazu gekommen, dass wir zum Du übergegangen sind.

Freuen Sie sich denn auf die Lobbyarbeit in Ihrer alten Welt?

Es ist keine Lobbyarbeit notwendig, weil wir als DFB keine Bundesmittel bekommen. Was wir sicherlich langfristig wieder diskutieren werden, ist die Frage der Staatsgarantien im Falle einer möglichen Ausrichtung der Europameisterschaft 2024. Aber da verlangen wir nicht mehr, als wir bei der WM 2006 oder Frauen-WM 2011 bekommen haben. Es ist ja nicht so, dass solche Vergünstigungen nur dem Fußball gewährt werden. Auch der Deutsche Golf-Verband hätte ja solche Freistellungen für den Ryder Cup bekommen.

Immerhin müssen Sie auch die Politik von der Reformbereitschaft des DFB überzeugen, wegen der Affäre um die WM-Vergabe 2006.

Ich glaube, dass das Vertrauen der Politik in unsere Aufarbeitung bereits vorhanden ist. Es gibt keinen Sportverband, der in eigener Sache mit einer solch tiefgehenden, in jeder Hinsicht aufwendigen Untersuchung durch eine unabhängige Anwaltskanzlei versucht hat, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Die Anerkennung in der Politik ist dafür spürbar groß, und in der Öffentlichkeit wächst sie auch.

Aber die entscheidende Frage, wofür das Organisationskomitee 6,7 Millionen Euro an ein Konto in Qatar bezahlt hat, ist doch offen?

Weil wir objektiv das Problem haben, dass der Empfänger Mohamed bin Hammam nicht sagt, wofür er das Geld verwandt hat. Er ist für meine Begriffe die entscheidende Figur. Mir fehlt aber die Phantasie, um mir legitime Instrumente vorzustellen, mit denen ein gemeinnütziger Verband bin Hammam zum Sprechen bringen könnte. An diesem Punkt sind Staatsanwaltschaften, sei es in der Schweiz, Deutschland oder den USA, eher in der Lage, etwas zu erreichen. Was sollten wir denn sonst noch machen?

Niersbach-Nachfolge
Reinhard Grindel zum neuen DFB-Präsidenten gewählt
© dpa, reuters

Auch eine ehrliche Auskunft der handelnden Personen in Deutschland könnte Sie schon weiterbringen. Etwa von dem angeblich vergesslichen Franz Beckenbauer, der ein Vier-Augen-Gespräch mit Fifa-Präsident Joseph Blatter über die Zahlung geführt hat. Und der im Lauf des Gewirrs verschleiernder Geldtransfers das Eintreffen von sechs Millionen auf seinem eigenen Konto nicht bemerkt haben will. Lassen Sie das einfach auf sich beruhen?

Wenn Franz Beckenbauer sagt: Das, was er gesagt hat, ist das, was er weiß, und alles andere könnte nur sein verstorbener Manager Robert Schwan beantworten, dann müssen wir von diesem Stand ausgehen.

Da gibt es ja noch ein paar Daumenschrauben.

Und zwar?

Sie haben angekündigt, sehr schnell eine unabhängige Ethikkommission einzusetzen nach dem Vorbild der Fifa. Diese ermittelt auch rückwirkend. Da Beckenbauer mit seinen Ehrentiteln immer noch zur Fußballfamilie gehört, könnte diese Kommission gegen ihn noch ermitteln und ihn sanktionieren.

Zunächst einmal: Franz Beckenbauer ist Ehrenmitglied und Ehrenspielführer, weil er als Spieler und Teamchef entscheidend an zwei Weltmeistertiteln beteiligt war und Einzigartiges geleistet hat. Diese Verdienste bleiben immer bestehen. Und er hat gegenüber Freshfields gesagt, er wisse nicht mehr. Glauben Sie, dass jetzt Drohungen, ihm Ehrenauszeichnungen abzuerkennen, an seinen Ausführungen etwas ändern?

Sie hielten es also nicht für sinnvoll, wenn die neu geschaffene DFB-Ethikkommission sich mit seiner Rolle und der seiner Mitstreiter befassen würde?

Wir müssen intern darüber diskutieren, wie die Rechtsgrundlagen für die zu errichtende Ethikommission sind. Im Übrigen kommt es bei den laufenden Verfahren darauf gar nicht an, weil doch bereits die Fifa-Ethikkommission den Vorgang umfassend prüft. Wir werden uns das Ethik-Reglement der Fifa genau anschauen und prüfen. Wir wollen aber vor allen Dingen Klarheit für die Zukunft, was die Kontrollmechanismen angeht, denn es haben mit Blick auf die WM-Affäre die Kontrollmechanismen versagt. Hier soll ein unabhängiger Blick für ein besseres Controlling der internen Abläufe sorgen.

Noch mal zurück zum konkreten Fall: Sie müssten die jüngste Affäre doch unbedingt klären wollen, schon um sicher belegen zu können, dass das Sommermärchen 2006 nicht gekauft war. Ist das nicht genug Motivation?

Dass der Untersuchungsführer Professor Christian Duve von der Kanzlei Freshfields, wenn er nicht 100 Prozent Gewissheit hat, davon spricht, es nicht ganz ausschließen zu können, ist juristisch verständlich. Aber ich will betonen, dass nichts dafür spricht. Ich finde es vielmehr naheliegend, dass die Gründe für die Zahlung von 2002 auch in dem Jahr zu suchen sind.

Freshfields hat ja deutlich gemacht, dass weitere Untersuchungen möglich wären.

Es gab das Angebot des Anwalts von bin Hammam, mit der Kanzlei zu sprechen. Wir müssen abwarten, wie ernst gemeint dieses Angebot ist, weil es nach meinem Kenntnisstand keinen Kontakt mehr mit der Kanzlei gibt. Joseph Blatter hat uns mitgeteilt, dass er nicht zur Verfügung steht.

Das heißt, der DFB gibt jetzt auf?

Wir haben nicht aufgegeben, denn nach unseren wichtigen Vorarbeiten bleibt abzuwarten, wie die FIFA-Ethikkommission in der Sache weiter vorgeht. Wir müssen außerdem abwarten, was jetzt die Staatsanwaltschaften von Deutschland und der Schweiz und den USA zu diesem Komplex sagen können.

Hat der DFB eigentlich einen Ethik-Kodex?

Für Mitarbeiter ja.

Und für Funktionäre?

Erstens müssen wir prüfen, inwieweit hier unmittelbar Fifa-Regeln gelten. Und zweitens wollen wir das, was wir für Mitarbeiter haben, auch für Ehrenamtler weiterentwickeln.

Bleibt es dabei, dass der DFB sich eventuellen finanziellen Schaden durch das Steuerverfahren bei den Verantwortlichen auf zivilrechtlichem Wege zurückholen will? Also Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt zum Beispiel?

Da der DFB ein gemeinnütziger Verband ist, kann das Präsidium gar nicht anders, als genau das zu tun, weil wir uns der Untreue schuldig machen würden, wenn wir auf etwaige Ansprüche verzichten würden. Die Frage ist, ob es solche Ansprüche tatsächlich gibt und daneben eine hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass man entsprechende Prozesse auch gewinnt. Dazu wird uns Freshfields ein Gutachten vorlegen. Klar ist: Wenn uns ein Schaden entsteht, sind wir gemeinnützigkeitsrechtlich verpflichtet, diesen Schaden gegen wen auch immer geltend zu machen.

Woraus bezog Vizepräsident Rainer Koch beim Bundestag seinen Optimismus, dass dem DFB für das Jahr 2005, in dem die Zahlung von 6,7 Millionen Euro falsch deklariert war, seine Gemeinnützigkeit nicht verliert? Dies würde den DFB um die 20 Millionen Euro kosten.

Klar ist, dass der Grund für die Geltendmachung der Betriebsausgabe von 6,7 Millionen in der Steuererklärung 2006 falsch war. Der Zweck Kulturgala 2006 stimmte nicht. Es mag aber andere Gründe geben, die eine Betriebsausgabe rechtfertigen. Hier gilt es abzuwarten, zu welcher Beurteilung die Justizbehörden kommen.

Wie wollen Sie eine Betriebsausgabe erklären, die angeblich als Provision dafür notwendig war, damit der DFB mehr Geld für die WM 2006 von der Fifa erhält, wenn die 6,7 Millionen dann in Wirklichkeit von Beckenbauer auf ein Privatkonto bin Hammams in Qatar flossen?

Fakt ist: Herr bin Hammam saß in der Finanzkommission und die Fifa-Finanzkommission hatte kein Konto. Im Übrigen möchte ich mich zu diesem laufenden Steuerstrafverfahren nicht näher äußern.

Es geht um so viel Geld für den DFB. Warum hat beim Bundestag niemand unter den 255 Delegierten hier nachgefragt? Oder war das gar nicht vorgesehen?

Das habe ich als Vertrauen in die Vorgehensweise von Rainer Koch, Reinhard Rauball und mir verstanden. Wir haben intensiv im Vorstand des DFB, auch in der Konferenz der Landes- und Regionalverbände sowie im Ligavorstand über diese Dinge berichtet und gesprochen. Es hat im DFB-Vorstand zudem eine ausführliche Präsentation durch Freshfields zu den Untersuchungsergebnissen gegeben.

Das Thema Frauen hat überhaupt keine Rolle gespielt bei der Strukturreform. Ist der DFB weiterhin zufrieden mit einem weiblichen Mitglied im Präsidium?

Wir haben beim DFB-Bundestag einen Anteil von drei Prozent Frauen gehabt. Das ist sicherlich viel zu wenig. Diese Frage stellt sich genauso an die Landesverbände und die Liga. Wir nehmen gerade jetzt an einem Programm der Fifa teil. Es startet in diesem Jahr, und es geht dabei um die besondere Förderung von Frauen in Funktionen, die gerade nicht im engeren Sinne den Frauenfußball betreffen. Wir wollen Frauen fördern, die einen Kreisverband leiten wollen, die Schatzmeister oder im Schiedsrichterwesen tätig sind.

Sie wollen als DFB auch die EM-Bewerbung für 2024 weiter angehen. Werden Sie für eine Volksbefragung sein wie bei Olympia in Hamburg?

Die Spiele in Hamburg wären sehr viel teurer geworden mit Milliardeninvestitionen in eine neue Infrastruktur. Da ist eine Volksbefragung, zumal hohe Mittel vom Hamburger Haushalt zu stemmen gewesen wären, nachvollziehbar. Wir haben ein Konzept, das auf bestehender Infrastruktur basiert - bei Stadien, öffentlichen Verkehrsmitteln, Hotelkapazitäten und anderem. Diese Infrastruktur könnte sofort genutzt werden. Wir könnten eine Euro zu vergleichsweise günstigen finanziellen Rahmenbedingungen austragen.

Gibt es eine Berechnung der Kosten? Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich habe diese Euro beim DFB-Bundestag hervorgehoben, weil mittlerweile offenkundig auch in skandinavischen Ländern Interesse an einer Austragung besteht. Ich wollte signalisieren, dass es keineswegs ausgemacht ist, dass wir 2024 das Turnier bekommen. Wir müssen uns dafür intensiv bei der Uefa mit guten Argumenten bemühen.

Weisen Sie den Vorwurf von sich, dass die Profiklubs mit der EM nur die Renovierung ihrer Stadien durch Hilfe von Steuermitteln finanzieren wollen?

Und zwar entschieden. Wir haben derzeit eine Vielzahl toller Stadien. Eine Modernisierung wäre mit Blick auf ein solches Turnier hier und da nötig, nachdem die meisten Spielstätten dann fast 25 Jahre alt sind. Aber wir müssten in keiner Weise so investieren wie fürs Sommermärchen 2006. Und wenn wir über Kosten reden, sollten wir nicht vergessen, was auch die WM 2006 der deutschen Volkswirtschaft gebracht hat.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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