Enttäuschung mit Ansage

DFB-Team im Sinkflug

EIN KOMMENTAR Von Christian Kamp
Aktualisiert am 08.09.2020
 - 06:30
Hängende Köpfe: Toni Kroos und die deutsche Nationalmannschaft hadern
Der Fußball kämpft in der Corona-Zeit um Relevanz. Joachim Löw folgte mit dem Nationalteam seinem eigenen Programm. Dafür gibt es nun die Quittung.

Diese Wette ging ganz und gar nicht im Sinne des deutschen Fußballs auf. Am Tag vor dem Spiel gegen die Schweiz hatte Joachim Löw sich noch zuversichtlich gezeigt, dass seine Mannschaft das Quoten-Duell mit dem fast zur selben Zeit ausgestrahlten „Tatort“ für sich entscheiden würde. Am Ende aber stand neben dem enttäuschenden Unentschieden auf dem Rasen von Basel noch eine klare Niederlage vor den Fernsehschirmen.

Im Schnitt schalteten nur 6,51 Millionen Menschen (Marktanteil: 21,7 Prozent) ein, während der Wiener „Tatort“ auf 8,26 Millionen (25,5) kam. Beim Publikum scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass 90 Minuten Fernsehspiel derzeit einen größeren Kick versprechen als 90 Minuten Fußballspiel – zumindest, wenn die Nationalmannschaft und ihr Bundestrainer den Plot liefern. Man kann dieses dramaturgische Defizit auch anders nennen: eine Enttäuschung mit Ansage.

Fast demonstrative Unlust

Zu beneiden ist Löw gewiss nicht um die Aufgabe, in dieser besonderen Situation durch die Nations League zu navigieren, die als Zwitterwesen von Wettbewerbs- und Testcharakter das Publikum von Haus aus ziemlich ratlos macht. Aber wer sich und sein Team vorab derart indifferent präsentiert, mit einer fast demonstrativen Unlust am Gewinnen, muss sich vielleicht auch nicht wundern, wenn es am Ende so ausgeht wie gegen Spanien und die Schweiz. Wäre es nicht eine Option gewesen, nach zehn Monaten Zwangspause alle Bedenken, alles Verkopfte über Bord zu werfen und einfach nur Lust und Laune auf diese junge Mannschaft zu verströmen? So wie es die Spieler im Übrigen selbst taten. Hinzu kommt, dass längst nicht alles, was der Bundestrainer in dieser Woche tat, der Logik seines eigenen Drehbuchs zu folgen schien.

Von Schonung redete er zwar – und brachte am Sonntag dann doch wieder fast dieselbe Elf wie drei Tage zuvor, und auch dasselbe kraftraubende System ließ er spielen, ein Attackieren über den ganzen Platz, Mann gegen Mann. Dass die Kräfte schwinden würden, sagte Löw, habe er gewusst. Aber offenbar nicht, wie darauf zu reagieren wäre außer mit der Gewissheit, dass die 90 Minuten schon irgendwann vorüber sein würden. So spielt man nicht nur Stadien, sondern auch die Sofas leer.

Alles in allem mochten die beiden Spiele ein paar der so gerne zitierten „Erkenntnisse“ geliefert haben, mehr als das aber waren sie eine vertane Chance. Zu den Erkenntnissen in einem größeren Zusammenhang gehört es, dass der Fußball in Corona-Zeiten nichts geschenkt bekommt, sondern dass er kämpfen muss. Nicht nur darum, dass die Zuschauer zurück in die Stadien dürfen, sondern auch um seine Relevanz in einer Gesellschaft, in der sich gerade für ziemlich viele ziemlich viel verändert. Der Bundestrainer und der Deutsche Fußball-Bund schienen jedoch beim Nationalteam weiter ihr ganz eigenes Programm laufen lassen zu wollen, wozu auf einer anderen Ebene auch der 250-Kilometer-Kurzflug von Stuttgart nach Basel gehörte. Die Quittung ist ein atmosphärisches Minus, und das gilt nicht nur für die CO2-Bilanz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kamp, Christian
Christian Kamp
Sportredakteur.
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