Premier League

Englischer Angriff mit der Geldkanone

Von Christian Eichler
08.08.2015
, 09:19
Kostbare Männerfeindschaft: Arsena Wenger (links) und Jose Mourinho
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Die Premier League kauft für horrende Summen teils mittelmäßige Spieler zum Wohle auch deutscher Klubs. Die Einkaufstour der Superreichen des Fußballs dient nicht nur der Show. Und die wahre Geldflut steht erst bevor.
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Die Attacke des großen Geldes auf den Fußball begann im Sommer 2003. Roman Abramowitsch, der Wladimir Putins Botschaft verstanden hatte, dass man als Oligarch nicht mehr der Macht des neuen Zaren im Weg zu stehen habe, suchte sich ein neues Spielfeld und kaufte in London den FC Chelsea. Und ein neues Team dazu, wobei er allerdings feststellen musste, dass einige Klubs und Spieler selbst unmoralische Angebote ausschlugen.

So wie der FC Arsenal, dem der Milliardär die Weltstars Thierry Henry und Patrick Vieira auszuspannen versuchte. Chairman David Dein fand das passende Sprachbild für die britische Verteidigung der Insel gegen die Invasoren vom Kontinent: „Abramowitsch hat seine russischen Panzer auf unserem Rasen geparkt und feuert mit 50-Pfund-Noten auf uns.“

Heute, zwölf Jahre später, haben die Engländer die Schussrichtung geändert. Sie feuern nun aus allen Geldkanonen auf den Rest der Welt. Und zu Beginn der neuen Saison der Premier League an diesem Samstag ist es ausgerechnet Meister Chelsea, der, in Gestalt des Trainers José Mourinho, die Konkurrenz beschuldigt, den Erfolg nur noch mit dem Geld zu suchen. „Am Anfang kaufte Herr Abramowitsch den Titel. Nun tun das alle.“

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Es ist für ihn nicht einfach, zu akzeptieren, dass inzwischen auch andere im Geld schwimmen. Bald werden das fast alle tun in der erfolgreichsten Liga der Welt, die im Februar mit einem unfassbaren Fernsehvertrag die Fußballwelt erschütterte – mit einem um 70 Prozent gesteigerten Gesamtvolumen von 7,35 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2016 bis 2019. Gebannt starrte man vom Kontinent auf das, was in der Sommer-Transferperiode in England passieren würde. Und das, was bisher geschah, ist nur auf den ersten Blick beruhigend.

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Hoffenheim bekam 41 Millionen Euro

Die fünf Top-Klubs haben sich bisher im Vergleich zum Vorjahr, als sie mit 700 Millionen Euro mehr für Transfers ausgaben als die anderen 15 Klubs zusammen, zwar zurückgehalten. Vor allem Arsenal und Chelsea spielen bisher sparsam auf. Dafür sind es die Kleinen der Liga, die in diesem Sommer mit Ausgaben von bereits einer halben Milliarde Euro die Preise treiben – die Preise für eher durchschnittliche Erstligaspieler vom Kontinent.

In einem Interview im Mai erzählte Steve Parish, der Chef von Crystal Palace, von einem Treffen mit einem bedeutenden italienischen Klub, „dessen großen Namen wir schon als Kinder aus dem Europapokal kannten“ – und der seine Leute nun wie eine Drückerkolonne nach London geschickt hatte, um Palace, das erst vor zwei Jahren in die Premier League aufgestiegen war, Spieler anzudrehen. Seit dem neuen TV-Deal wittert halb Europa die Chance, überteuerte Spieler nach England loszuwerden. Sogar Paris St-Germain, einer der reichsten Klubs der Welt, hat Crystal Palace nun einen Spieler verkauft, Johan Cabaye für 17 Millionen Euro.

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Schweinsteiger
„Ich will Titel gewinnen“

Die Solvenz, die nun schon die mittleren bis hinteren Klubs der Premier League haben, lockt die Klubs anderer Ligen. Sie bedeutet, dass man in England nicht mehr nur Top-Spieler teuer verkaufen kann, sondern auch besseres Mittelmaß, das mal eine ganz gute Saison hatte. Weil jeder weiß, dass die Engländer im Geld schwimmen, hat Parish bei Verhandlungen einen Preisaufschlag beobachtet: „Es gibt fast eine Art Steuer für die Premier League, wenn du einen Spieler kaufst.“ Wer jetzt oder in Zukunft Geschäfte mit England machen kann, ist gut dran. Er gewinnt Spielgeld, um sich von der heimischen Konkurrenz abzusetzen.

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Hoffenheim bekam 41 Millionen Euro für Roberto Firmino, Mainz zehn Millionen für Shinji Okazaki, und Augsburg kann mit dem bevorstehenden Verkauf von Abdul Rahman Baba für 25 Millionen an Chelsea auf einen Schlag mehr als die gesamten Personalkosten einer Saison erlösen. Mit Babas Transfer (nach denen von Bastian Schweinsteiger von Bayern zu ManUnited, Kevin Wimmer von Köln nach Tottenham, Philipp Wollscheid von Leverkusen nach Stoke und Valon Behrami von Hamburg nach Watford) käme die Bundesliga zum ersten Mal auf mehr als 100 Millionen Euro aus England in einem Sommer – die Liga der Weltmeister als Profiteur der Liga der Vermarktungs-Weltmeister.

Die letzte Saison vor der großen Flut

Dabei haben sich die Befürchtungen, die Engländer wollten Deutschen und anderen vermehrt Talente früh wegkaufen, bisher nicht bestätigt. Die Klubs der Premier League stehen unter dem Druck, ihren Platz unter den Neureichen um jeden Preis zu verteidigen – in der Kaste jener zwanzig Klubs, die allein durch ihre Zugehörigkeit zur Liga von 2016 an zu den dreißig umsatzstärksten Klubs Europas gehören werden. Dafür brauchen sie sofort Resultate, also keine Talente, sondern fertige Spieler. Das bietet dem deutschen Nachwuchssystem vorerst einen gewissen Schutz.

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Aber ganz genau weiß man das nicht. Es beginnt die letzte Saison vor der großen Flut. Der Geldflut. Schon jetzt verzeichnet die Premier League Transferausgaben von rund 740 Millionen Euro, während die Bundesliga noch keine 300 Millionen erreicht hat. Dennoch wirken Englands Medien, die den Wettlauf der Summen lüstern begleiten, etwas ernüchtert. Vor einem Jahr war am Ende mehr als eine Milliarde über den Tisch gegangen. Aber noch bleiben dreieinhalb Wochen Zeit für einen neuen Rekord, ehe am Abend des 1. September das Transferfenster schließt.

Weder Chelsea, das neben Baba auch Innenverteidiger John Stones vom FC Everton nachstellt (letztes Gebot: 37 Millionen Euro), noch Arsenal, das hinter Real Madrids Stürmer Karim Benzema her ist, haben bisher Beute gemacht, werden das aber wohl bald tun. Dazu kündigt Louis van Gaal, der an seinem 64. Geburtstag diesen Samstag mit Manchester United auf Tottenham trifft, nach Einkäufen im Wert von 200 Millionen Euro im Vorjahr, Weltrekord für eine Transferperiode, und 100 Millionen in diesem noch „eine Überraschung“ an. Und vielleicht macht Manchester City, das mit 70 Millionen Euro für Raheem Sterling einen britischen Rekord aufstellte, auch beim Wolfsburger Kevin de Bruyne noch Ernst.

Der Fußballfinanzexperte Rob Wilson erwartet deshalb doch noch einen neuen Transferrekord, „weil die Klubs vom neuen TV-Deal profitieren“. Dass man noch ein paar Wochen länger darauf warten muss, habe damit zu tun, „dass die Klubs sensibel seien, auch wegen des Financial Fairplay der Uefa. Finanzielle Vernunft wird zur Routine“. Das heißt also: 740 Millionen vor Saisonbeginn sind eine sparsame Phase. Was kommt dann 2016, wenn erst das richtig große Geld fließt?

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„Jeder investiert, egal, wo du hingehst“

Die großen Klubs, die sicher sein können, auch in einem Jahr noch in der Premier League zu sein, können sich derzeit noch zurückhalten und auf Gelegenheiten kurz vor Transferschluss warten. Das Gros der Liga aber, das darum kämpfen muss, nicht abzusteigen, investiert schon alles, was geht, um von Beginn an keinen Boden zu verlieren; um drinzubleiben und bei der großen Ausschüttung im Sommer 2016 dabei zu sein. Dann gilt es, sein Tüchlein weit auszuspannen, während das Fernsehen die Sterntaler hinabregnen lässt: allein mehr als 140 Millionen Euro für den Letzten der Liga. Der deutsche Meister bekommt ein Drittel davon.

Laut José Mourinho wird das Geld für die „Kleinen“ den Wettkampf der Großen verändern. Es verringert in der bisherigen Zweiklassengesellschaft den Abstand zwischen den Champions-League-Klubs und den anderen. Die finanzielle Stärke der Premier League werde die Meisterschaft zur „umkämpftesten“ machen, seit er 2004 nach England kam, prophezeit der Chelsea-Boss. „Jeder investiert, egal, wo du hingehst, ob Bornemouth, ob Watford, egal.“ Die beiden Neulinge und Mit-Aufsteiger Norwich haben bisher 67 Millionen Euro ausgegeben. Die beiden deutschen, Ingolstadt und Darmstadt: vier Millionen.

Im Mittelfeld der „Red Devils“ ist der Konkurrenzkampf groß
Im Mittelfeld der „Red Devils“ ist der Konkurrenzkampf groß Bild: dpa

Jeder hat nun gute Spieler, das macht es für die Top-Teams schwer“, warnt Mourinho. Profis wie Max Gradel, den Bournemouth für seine erste Erstligasaison in 116 Jahren zum Preis von zehn Millionen Euro verpflichtet hat, oder Georginio Wijnaldum, für 20 Millionen Euro vom Fast-Absteiger Newcastle geholt, könnten laut Mourinho „auch für Chelsea spielen“. Seine Erwartung: „Titelkandidaten werden häufiger als bisher gegen kleinere Teams verlieren. Wir haben mindestens fünf Titelanwärter, und die anderen werden stärker und stärker.“

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Diese Leistungsdichte im Titelkampf hebt die Premier League von der Bundesliga ab. Dennoch: Verdient sie wirklich das viele Geld? Oft wird dem englischen Fußball vorgeworfen, taktisch nicht auf der Höhe zu sein, schlecht auszubilden, Qualität nur zu kaufen. Aber: Die Show stimmt. Das Gesamtprodukt überzeugt global. Taktik wird überschätzt, jedenfalls beim Unterhaltungswert. Tempo schlägt Taktik, Tore schlagen alles. Dazu gibt es echten Titelkampf. Und Typen, die man in der ganzen Welt kennt – selbst auf der Trainerbank, wo sich Mourinho und Arsenal-Kollege Arsène Wenger eine kostbare Männerfeindschaft leisten.

Millionenspiel am „Deadline Day“

Guardiola mal ausgenommen – welcher Bundesligatrainer ist im Ausland ein Begriff? Und dann das Transfer-Theater mit dem Geraune und den Gerüchten und den ganz eigenen Regeln, bei denen die Wahrheit nur eine von mehreren Optionen ist. Diese künstliche Bühne füllt Sommerlöcher, macht den Jahrmarkt der Spielerwechsel zur Show in der Show. Sie kulminiert im Stakkato hektischer Verpflichtungen am „Deadline Day“, dem letzten Tag der Transferperiode – an dem allein in den vergangenen beiden Jahren in der Premier League noch Spieler für 320 Millionen Euro gehandelt wurden.

Sie habe nun finanziell sogar die NFL überholt, die amerikanische Football-Liga, schreibt der „Telegraph“. Bei all den Erfolgsbilanzen und explodierenden Einkünften vermerkt das Blatt allerdings süffisant, dass „Fußballreporter inzwischen so schreiben, als wären sie vor allem Finanzreporter“. Mancher Trainer klinge heute „wie ein Buchhalter“. Zeit also, dass zur Abwechslung nicht nur der Rubel, auch wieder der Ball rollt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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