Europa der Kleinen

Traum und Witz

EIN KOMMENTAR Von Michael Horeni
07.09.2014
, 23:12
Statt 16 Teams qualifizieren sich 24 für die kommende Fußball-EM. Die Verwässerung des Wettbewerbs ist sportlich fragwürdig, aber sportpolitisch durchaus sympathisch.

Zwei Jahre nachdem Europa auch in Donezk, der noch am Freitag umkämpften Separatistenhochburg, fröhlich um seine Fußball-Meisterschaft spielte, beginnt an diesem Sonntag unter völlig veränderten europäischen Umständen ein neuer Fußballzyklus. An Polen und die Ukraine war das vergangene EM-Turnier vergeben worden, um der Erweiterung Europas und seiner Vielfalt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch endlich sportpolitisch gerecht zu werden.

In der Ostukraine, wo heute mit Waffen die europäische Ordnung wieder verändert werden soll, zog Titelverteidiger Spanien damals ins europäische Endspiel ein. Wenn Spanien und die Ukraine in der Gruppe F nun gemeinsam um die Qualifikation auf dem Weg zur Endrunde 2016 in Frankreich kämpfen, gehört Donezk schon nicht mehr zu den Austragungsorten für die Heimspiele der ukrainischen Nationalelf. Die Ukraine, die bei der EM zweimal dort spielte, wird nur noch in Kiew antreten (können).

Auf den Wandel eines grenzüberwindenden Europas, der zuletzt die Endrunde nach Mittel- und Osteuropa gebracht hatte, reagierte die Europäische Fußball-Union (Uefa) auch mit Blick auf die EM-Qualifikation 2016. Der Weg des Fußballs nach Frankreich ist von der Idee nach Erweiterung, Vertiefung und Integration in Europa geprägt, der nun auf dem real- und machtpolitischen Spielfeld von Krim und Ostukraine der Kampf angesagt wurde.

Die Qualifikation als sehr langer Witz

Den sogenannten kleinen Fußballnationen, die nie eine Chance sahen, beim größten europäischen Gemeinschaftserlebnis dabei zu sein, hat die Uefa nun erstmals die Tür geöffnet. Statt 16 Nationalmannschaften dürfen in Frankreich nun 24 Teams vertreten sein. Sportlich wird die Qualifikation bei insgesamt nur 53 Mitgliedsverbänden für die besten Fußball-Nationen zu einem Witz, allerdings einem sehr langen, der sich über fast eineinhalb Jahre hinzieht. Selbst der britische Fels in Spanien namens Gibraltar darf mitspielen, auch wenn es dort kein geeignetes Stadion gibt, um den Weltmeister und alle anderen Gegner aus der deutschen Gruppe zu empfangen.

Sportpolitisch erscheint der Versuch, die Vielfalt Europas bei der Endrunde stärker abzubilden, allerdings durchaus sympathisch. Ganz unabhängig davon, ob Uefa-Präsident Michel Platini damit tatsächlich Wahlschulden in jenen Ländern begleicht, die nun hoffen dürfen, nicht nur vom großen Fußball, sondern eben auch vom großen Geld ein größeres Stück abzubekommen.

Die Verwässerung des Wettbewerbs, beim dem sich nun auch schon der Gruppendritte qualifizieren kann, ist der Preis, um den Spitzenfußball in Europa nicht komplett zu einer geschlossenen Gesellschaft werden zu lassen, zu der die Champions League längst geworden ist. Keine Frage: Der Weg zur WM 2016 dürfte nicht zuletzt auch für Weltmeister Deutschland ermüdend werden. Dass sich die Geduld für ein Fußball-Europa auch der Kleinen lohnt, wird sich aber erst in Frankreich zeigen.

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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