Frankfurter 4:1 gegen Salzburg

Kamada wie ein japanischer Fußball-Prinz

Von Peter Heß, Frankfurt
20.02.2020
, 20:55
Weltumarmer: Daichi Kamada ist mit seinen drei Treffern der Mann des Abends.
Daichi Kamada trifft beim 4:1 der Eintracht gegen Salzburg dreimal. Das Spiel beginnt mit einer Gedenkminute an die Opfer der Gewalttat in Hanau. Aus Sicherheitsgründen untersagte die Uefa eine Choreographie der Fans.

Die Frankfurter Eintracht hat sich und ihren Fans wieder einmal einen bemerkenswerten Europapokalabend beschert. Vor 47.000 Zuschauern in der ausverkauften WM-Arena besiegten die Hessen am Donnerstagabend die frühere Mannschaft ihres Trainers Adi Hütter, den FC Salzburg, 4:1.

Europa League

In einer intensiven Auseinandersetzung, in der beide Mannschaften wegen der schrecklichen Bluttat von Hanau mit Trauerflor trugen, spielte sich die Eintracht in der zweiten Halbzeit in einen Rausch und hätte das Sechzehntelfinal-Hinspiel der Europa League noch deutlich höher gewinnen können. Überragender Spieler des Abends war Daichi Kamada, der wie ein japanischer Fußball-Prinz auftrat. Der Nationalspieler erzielte die ersten drei Frankfurter Tore. Filip Kostic erhöhte auf 4:0, ehe Hwang in der 85. Minute unverhofft per Foulelfmeter das Ergebnis für die Österreicher etwas erträglicher gestaltete. „Wir haben eine gute Ausgangsposition, Aber ich bleibe dabei: Es wird erst in Salzburg entschieden“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic.

Vor dem Anpfiff wurde der Opfer der Gewalttat in Hanau gedacht. Als einige Salzburger Fans die Stille der Schweigeminute störten, antwortete der Eintracht-Block zunächst mit Pfiffen und dann mit Sprechchören: „Nazis raus!“ Zuvor hatte der Stadionsprecher eine kurze Ansprache gehalten und zum Kampf gegen Extremismus und Rassismus aufgefordert. Dabei erwähnte er, dass der mutmaßliche Täter in seiner Jugend bei der Eintracht Fußball gespielt habe.

Unter diesen Vorzeichen hatte es im Nachhinein etwas Gutes, dass die Choreographie der organisierten Frankfurter Fanszene ausfiel. Zuviel Ausgelassenheit hätte deplaziert wirken können. Die Uefa hatte die Aktion mit 20.000 Wunderkerzen aus Sicherheitsgründen untersagt, obwohl alle Genehmigungen der Behörden vorgelegen hatten. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann verfasste einen Beschwerdebrief an die Europäische Fußball-Union, um die Grundlage der für ihn unverständlichen Entscheidung zu erfahren.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich nach dem Anpfiff die Befangenheit im Stadion löste. Der Frankfurter Linksverteidiger Ndicka produzierte einen haarsträubenden Fehlpass im eigenen Strafraum, seine Kollegen mussten einige Zweikämpfe führen, bis die brenzlige Situation bereinigt war – dann befanden sich die Frankfurter im Wettkampfmodus. Hellwach und aggressiv führten sie die Zweikämpfe gegen die Salzburger, die ihrerseits ohne Umstände auf Balleroberung aus waren. Es entspann sich im Verlauf der ersten Halbzeit ein Spiel, bei dem der Ball hin- und herflipperte. Auf rot folgte schwarz, auf schwarz folgte rot in Ballbesitz – eine endlose Kette von Pressing und Gegenpressing. Ruhe ins Spiel bringen war für beide Mannschaften keine Option, die sie häufiger verfolgten, es sollte auf kürzestem Weg Richtung gegnerisches Tor gehen – dabei gingen die Spieler jedes Risiko ein.

Innehalten: Spieler und Zuschauer gedenken der Toten von Hanau.
Innehalten: Spieler und Zuschauer gedenken der Toten von Hanau. Bild: Reuters

Ein bisschen mehr Struktur hatten die Angriffe der Österreicher, viel mehr Durchschlagskraft die Attacken der Eintracht. Die Frankfurter machten sich die Lücken, die ihnen die Salzburger Abwehr von Zeit zu Zeit bot, entschlossen zu nutze. Silva hatte in der zwölften Minute die erste große Chance. Seinen Schuss aus kurzer Distanz vermochte Torwart Stankovic gerade noch abzuwehren. 90 Sekunden später war er chancenlos. Auf Vorlage von Toure erzielte Kamada das 1:0 gegen eine erstaunlich passive österreichische Verteidigung.

Mit der Führung im Rücken war der Eintracht der Druck genommen, konstruktiv werden zu müssen. Sie konnte auf die Bemühungen der Salzburger reagieren und warten, was sie ihnen an Konterchancen bieten würden. Das waren einige Gelegenheiten. Der österreichische Serienmeister wirkte engagiert, aber im dritten Spiel nach der Winterpause war es mit der Feinabstimmung nicht weit her. Sie wäre nötig gewesen, um die Frankfurter in ihrem gefürchteten Europapokal-Fieber aushebeln zu können. So nahm das Unglück für Salzburg langsam, aber sicher Gestalt an. Kamada und Kostic verzogen Mitte der ersten Halbzeit noch knapp, dann war es wiederum Kamada, der kurz vor der Pause auf 2:0 erhöhte. Nach einem Steilpass von Sow ließ der japanische Nationalspieler zwei Abwehrspieler gekonnt aussteigen und schoss den Ball cool ins Tor. Ein Tor höchster individueller Qualität.

Der Salzburger Trainer Marsch versuchte zur Pause mit zwei Wechseln, dem Spiel eine Wende zu geben. Aber er manifestierte damit nur den Lauf der Dinge. Mit Koita und Adeyemi für Daka und Okugawa ging Austria dem Untergang entgegen. Kamada erhöhte in der 53. Minute mit einem Kopfball auf 3:0, Kostic stellte drei Minuten später auf 4:0 und nun trugen manche Aktionen der Frankfurter rauschhafte Züge.

Rode und der für Silva ins Spiel gebrachte Paciencia hätten sehr leicht weitere Treffer erzielen können, doch in der allgemeinen Feststimmung ging die Zielstrebigkeit ein wenig verloren und so blieb es bei vier Frankfurter Toren. In der 85. Minute glückte Salzburg sogar noch eine Resultatsverbesserung, mit Hilfe des Schiedsrichters. Der Türke Palabiyik entschied auf Elfmeter, obwohl Sow erst den Ball und dann Ulmer getroffen hatte. Hwang verwandelte zum 1:4, das Salzburg für das Rückspiel eine kleine Chance auf das Weiterkommen lässt.

Quelle: FAZ.NET
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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