Aus für Trainer Koeman

Barcelona und die große Hilflosigkeit in der Krise

Von Hans-Günter Kellner, Madrid
28.10.2021
, 17:46
Maßloser Klub, machtloser Coach: Ronald Koeman muss nach nur 14 Monaten gehen.
Ronald Koeman scheitert beim taumelnden FC Barcelona als Erneuerer und wird entlassen. Doch die Probleme der Katalanen liegen viel tiefer. Nun soll es eine Klublegende als künftiger Trainer richten.
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Für die katalanische Tageszeitung La Vanguardia war es ein „Requiem in Vallecas“. Blutleer trat der FC Barcelona beim Aufsteiger Rayo Vallecano auf, ließ sich von einem viel motivierteren Gegner ständig die Bälle abnehmen und vermochte nicht einmal vom Elfmeterpunkt aus ein Tor zu erzielen. So stand es am Ende 1:0 für den Klub aus dem Madrider Arbeiterviertel, und es war das letzte Spiel für Ronald Koeman auf dem Trainerstuhl des FC Barcelona. Die Mannschaft war noch auf dem Heimflug, da meldeten die spanischen Medien schon die Entlassung des Niederländers.

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14 Monate trainierte Koeman den Klub, er sollte die Mannschaft erneuern. Am Ende stehen 80 Spiele in seiner Bilanz, davon 44 Siege, 15 Unentschieden und 21 Niederlagen. In der letzten Saison gewann Barça immerhin den Königspokal, wurde in der Liga aber nur Dritter. Schon da war über seine Weiterbeschäftigung spekuliert worden. Doch inzwischen spielt Barça die schlechteste Saison seit sehr langer Zeit, 15 Punkte aus 10 Spielen, so schlecht ist der Klub zuletzt 1987 gestartet. Es war die Zeit von Bernd Schuster und Gary Lineker, Trainer war Luis Aragonés. Er durfte damals, anders als jetzt Koeman, bis zum Mai bleiben.

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Koeman hatte es nicht leicht in Barcelona. Zu einem schlechteren Zeitpunkt als im vergangenen Sommer kann ein Trainer eine Mannschaft kaum übernehmen. Das Team hatte in den Jahren zuvor wichtige Leistungsträger wie Xavi oder Iniesta verloren, auch auf Schlüsselspielern wie Piqué, Messi oder Luis Suárez, alle jenseits der 30, schienen die Jahre zu lasten.

Schon lange vor Koeman in der Krise

Gleichzeitig waren auch die finanziellen Möglichkeiten geschwunden. Der Verein hatte sich mit einer maßlosen Personalplanung übernommen, zahlte exorbitante Gehälter und Ablösesummen für Spieler, die weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Für Coutinho oder Dembélé hatte Barça je 135 Millionen Euro Ablöse bezahlt, für Griezmann 130 Millionen. Wie sollte Koeman da ein schlagkräftiges Team zusammenstellen?

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Zudem sandte Messi dem Verein auch noch seine Kündigung zu, blieb dann doch zähneknirschend, bevor er dann in diesem Sommer doch nach Paris ging. Als ersten Schritt zur Erneuerung des Teams schickte Koeman Stürmer Suárez weg, der daraufhin jedoch Atlético Madrid mit 21 Treffern zur Meisterschaft schoss. Zum Ende der Saison ging auch Griezmann zurück zu Atlético, der dort trotz anfänglicher Skepsis der Fans die Freude am Fußball wiedergefunden zu haben scheint. Barcelona holte hingegen Memphis Depay aus Lyon, den bei Manchester City aussortierten Sergio Agüero oder den Niederländer Luuk de Jong vom FC Sevilla. Doch auch mit ihnen stellte sich kein Erfolg ein.

Der FC Barcelona war schon lange vor Koeman in der Krise, aber der Niederländer konnte sie nicht aufhalten. Er trägt keine Schuld daran, dass die Kasse leer ist und der Klub nur vertragsfreie Spieler verpflichten kann. Auch für Spielergehälter stehen Barça La Liga zufolge nur 98 Millionen Euro zur Verfügung. Damit ist der Klub in der Liga nicht mehr als Mittelmaß. Das will in der katalanischen Hauptstadt niemand wahrhaben. Immer noch wird das Team an ehemaligen Erfolgen gemessen, nicht an seiner gegenwärtigen Leistungsfähigkeit. Viele junge Spieler wie Ansu Fati, Gavi oder Dest wirken unter diesem Erfolgsdruck verunsichert, dabei könnten sie die Zukunft Barças sein.

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Koeman schien auch nicht zu wissen, wie er das ändern soll. Seine Erklärungsversuche spiegelten nur die eigene Hilflosigkeit. Niederlagen erklärte er stets mit der Abschlussschwäche seiner Spieler. Gegen Vallecas sagte er, er sei besorgt aufgrund der mangelnden Effizienz. Der Gegner habe viel Druck gemacht, aber als dort zum Spielende die Kräfte nachließen, sei seine Mannschaft viel besser gewesen und habe sich Chancen herausgespielt.

Das Ergebnis sei nicht gerecht. So urteilte Koeman bereits nach den jüngsten Niederlagen gegen Real Madrid, Atlético oder Benfica. Dabei spielt das ganze Team kraftlos. Der routinierte Sergio Busquets ließ sich gegen Vallecas im Mittelfeld den Ball abnehmen wie bei einem Freundschaftsspiel, in der Folge tanzte Rayos Mittelstürmer Radamel Falcao Piqué aus und erzielte das einzige Tor der Begegnung – und besiegelte damit Koemans Ende in Barcelona.

Klubchef Joan Laporta hatte sich Medienberichten zufolge schon im Sommer bei Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel erkundigt, ob sie nach Barcelona kommen würden. Alle sollen dankend abgewunken haben, so durfte Koeman bleiben. Die von vielen favorisierte Klublegende Xavi Hernández habe Laporta hingegen für zu unerfahren gehalten. Der 41-jährige trainiert seit zwei Jahren den Verein Al-Sadd in Qatar.

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Nun möchte Laporta Xavi wohl gern nach Barcelona lotsen, doch der Katalane hat in Qatar noch einen gültigen Vertrag und möchte sein gesamtes Trainerteam mitnehmen. So stehen harte Verhandlungen an, die womöglich erst an Weihnachten abgeschlossen sein könnten, schreibt El País. Bis dahin soll nun Sergi Barjuan vom B-Team die Mannschaft trainieren.

Quelle: F.A.Z.
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