0:5-Debakel im DFB-Pokal

Ist bei den Bayern etwa mehr kaputt?

Von Daniel Theweleit, Mönchengladbach
28.10.2021
, 18:56
Thomas Müller (links) und Robert Lewandowski gehen schwer geschlagen vom Rasen.
Die Schmach von Gladbach ist für die Mia-san-mia-Münchner nur ein Ausrutscher. Oder doch nicht? Die Bayern rätseln über die Ursachen und befürchten nachhaltigen Schaden.
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Der Ursprung der Gesänge, die die Mönchengladbacher Nordkurve irgendwann in der zweiten Halbzeit anstimmte, waren eindeutig Gefühle wie Schadenfreude und Hohn. „Und ihr wollt deutscher Meister sein?“, ertönte es von den Rängen, während die höchste DFB-Pokalniederlage des ruhmreichen FC Bayern München seit dem Urknall immer konkretere Formen annahm. In den Ohren der vielen Bundesligafreunde und wohl auch in den Gedanken der Angehörigen des Rekordmeisters wird diese einfache Frage der Zuschauer wohl noch eine Weile nachhallen.

DFB-Pokal

0:5 hat der Hegemon bei Borussia Mönchengladbach verloren. „Sie wirkten ratlos, aus welchem Grund auch immer“, sagte der Gladbacher Sportdirektor Max Eberl über den desolaten Gegner, während Hasan Salihamidzic, der Sportvorstand des FC Bayern, einen „kollektiven Blackout“ diagnostizierte. Die Eindrücke des Abends bergen das Potential, ein paar Kratzer zu hinterlassen im Bild vom ewigen Meister von der Säbener Straße.

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Thomas Müller ist ein Spieler, der den Mut besitzt, auch in schlimmen Momenten auszusprechen, was er denkt und fühlt. Also sagte der Nationalspieler in der lauen Oktobernacht: „So ein kollektives Versagen von einer Bayern-Mannschaft bei so einem wichtigen Spiel habe ich selber noch nie erlebt.“ Die Bayern seien in der ersten Halbzeit „von A bis Z zerpflückt“ worden.

„FC-Bayern-Wut-Motor“ geht nicht an

Das war erst mal nur ein nüchterner Befund, aber beim Blick in die Zukunft wurde Müller nachdenklich: „Man ist es von uns gewohnt, dass wir nach Negativerlebnissen eine Reaktion zeigen. Aber das ist leicht gesagt“, erklärte er. Kurz nach diesem sagenhaften Untergang war er sich offenbar alles andere als sicher, dass die alten Mia-san-mia-Bayern nach dieser Demontage einfach weitermachen werden wie immer.

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Denn schon während des Spiels hatten gewohnte Mechanismen versagt. Noch zur Halbzeit, beim Zwischenstand von 3:0, raunten sich die Menschen im Stadion aus Respekt vor dem gefürchteten Zorn der Münchner zu, dass diese Partie mit einem Tor ganz schnell in eine andere Richtung kippen könne. Auch Müller wartete darauf, dass „der FC-Bayern-Wut-Motor dann angeht“. Das war eine interessante Formulierung. Scheinbar hat Müller das Gefühl, dieser Antrieb springe von allein an, wenn es in einem Spiel nicht läuft. Das blieb aus, nicht einmal Joshua Kimmich gelang es, Impulse des Widerstandes zu setzen.


              Schmerz, lass nach: Leon Goretzka  erwischt es in Mönchengladbach an der Achillessehne, sein Einsatz am Samstag bei Union Berlin soll aber nicht gefährdet sein.
Schmerz, lass nach: Leon Goretzka erwischt es in Mönchengladbach an der Achillessehne, sein Einsatz am Samstag bei Union Berlin soll aber nicht gefährdet sein. Bild: Peter Schatz

In der Woche zuvor hatte Dortmunds Trainer Marco Rose nach einem ähnlichen Debakel seiner Mannschaft bei Ajax Amsterdam noch in einer TV-Experten-Runde gemutmaßt, dass Kimmich sich anders gegen derartige Niederlagen wehren würde als einige seiner Spieler: „In München winkt dann ein Joshua Kimmich nicht nur ab, der ist dann richtig sauer“, sagte Rose seinerzeit. In Mönchengladbach war aber nichts zu sehen von einem wütenden Kimmich, der sein Team mitreißt. Womöglich ist die Diskussion um den Entschluss des Nationalspielers, sich vorerst nicht gegen das Coronavirus impfen zu lassen, doch zur Belastung geworden.

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Dass so eine private Entscheidung einer Einzelperson auf der gleichen Ebene verhandelt wird wie die Koalitionsgespräche der Ampel-Parteien oder das Verhältnis der NATO zu Russland, ist bizarr. Es wäre geradezu verwunderlich, wenn Kimmich das alles ignorieren oder ohne Zeitverzug verarbeiten konnte. Hinzu kam, dass Lucas Hernández nach einer körperlichen Auseinandersetzung vor mehreren Jahren mit einer Freundin, seiner jetzigen Frau, eine Haftstrafe drohte.

Es lag also auf der Hand, Salihamidzic zu fragen, wie sich die vielen Schlagzeilen auf das Team auswirkten. „Natürlich hat man das ein bisschen im Kopf, dass nicht so schöne Geschichten im Hintergrund sind“, antwortete der Sportvorstand. Zugleich versuchte er die Bedeutung dieser Vorgänge aus dem Privaten zu relativieren. Aber es kam schon einiges zusammen bei den Bayern.

Weiterhin musste Julian Nagelsmann „Homecoaching“ betreiben, weil er nach seiner Covid-Erkrankung noch nicht in die Fußball-Blase zurückkehren durfte. Zwar tauschte er sich eng mit Dino Toppmöller aus, seinem Assistenten an der Linie, aber vielleicht hätte Nagelsmann den völlig neben sich stehenden Dayot Upamecano früher vom Leid seines Kampfes gegen den entfesselten Mönchengladbacher Stürmer Breel Embolo befreit, wenn er die Duelle der beiden live gesehen hätte.

Upamecano ist ein Spieler, der schon länger regelmäßig missglückte Arbeitstage erlebt wie diesen; das könnte sich tatsächlich als ernste Schwäche der Münchner entpuppen. Zumal die Defensivkollegen Hernández, Alphonso Davies oder Benjamin Pavard keine Mitspieler sind, an denen sich ein schwächeres Glied der Abwehrkette aufrichten kann. Am Niederrhein gingen sie gemeinsam unter.

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Immerhin kann sich Bundestrainer Hansi Flick heimlich freuen, dass seine strapazierten Münchner Nationalspieler im WM-Jahr 2022 zumindest in diesem Wettbewerb keinen allzu großen Belastungen mehr ausgesetzt sein werden. Bei all dem Bayern-Bashing, bei dem sogar die Münchner selbst mitmachten, darf aber nicht übersehen werden, dass Borussia Mönchengladbach ein Gegner war, der spielte wie Lionel Messis FC Barcelona im Zenit des Erfolges: ideenreich, variabel, aggressiv und berauscht von der eigenen Stärke.


              Ein Ergebnis, das nachwirkt: Das 5:0 der Gladbacher gegen die Bayern war die höchste Münchner Pokalpleite
Ein Ergebnis, das nachwirkt: Das 5:0 der Gladbacher gegen die Bayern war die höchste Münchner Pokalpleite Bild: EPA

Trainer Adi Hütter feierte ein „fast perfektes Spiel“ seines Teams, Eberl bejubelte einen „magischen Abend“, das Resultat sei, „auch in der Höhe verdient“. Selbst Toppmöller staunte über „ein überragendes Spiel von Mönchengladbach“. So ein 5:0 kann ja auch durch viel Spielglück, einen merkwürdigen Schiedsrichter oder andere Zufälle begünstigt werden, in dieser Partie war die Stärke der Borussia der einflussreichste Faktor.

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Die Explosion des schönen Fußballs hatte alle mitgerissen. Das Publikum, genauso wie die Spieler, die immer selbstbewusster wurden. Embolo überstrahlte alle, an der Entstehung der ersten drei Treffer war er beteiligt, die anderen beiden schoss er selbst. Aber auch Ramy Bensebaini machte sein bestes Saisonspiel, Nico Elvedi ließ Robert Lewandowski keine Entfaltungsräume, und der junge Joe Scally glänzte einfach mal mit in diesem Ensemble der totalen Harmonie. „Das muss eine Initialzündung sein“, sagte Hütter, der bislang nicht zufrieden sein kann mit dem Verlauf der Saison und dem zwölften Platz in der Bundesligatabelle.

So viele Gegentore und so wenige eigene Treffer sieht man bei Spielen des FC Bayern fast nie.
So viele Gegentore und so wenige eigene Treffer sieht man bei Spielen des FC Bayern fast nie. Bild: Imago

Die Frage nach den mittelfristigen Auswirkungen dieses Abends stellten sich also beide Teams. „Das ist jetzt auch ein Maßstab“, sagte Eberl, „wir haben gesehen, was unsere Mannschaft imstande ist zu leisten.“ Den Rest der Aussage kann sich jeder selbst dazudenken: Jetzt zeigt endlich, dass ihr gegen Augsburg, Stuttgart oder am kommenden Sonntag gegen den VfL Bochum ähnlich bestechend auftreten könnt. Noch bleibt unklar, ob in Duellen mit sehr defensiv spielenden Gegnern die alten Schwierigkeiten hervorbrechen. Nur eines ist klar für die Gladbacher und die anderen 15 Achtelfinalteilnehmer: Der FC Bayern ist raus, was für alle die Chancen erhöht.

Quelle: F.A.Z.
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