Fußball in der Schweiz

Die ewige Verschwörung

Von Daniel Meuren
20.03.2016
, 13:11
Der König von Sion: Christian Constantin (links), mit Sohn Barthelemy.
Der Chef des Schweizer Fußballvereins Sion erhebt krude Vorwürfe in einem Video und setzt eine Belohnung aus. Christian Constantin schießt mit der Provokation nicht zum ersten Mal über das Ziel hinaus.
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Das Video auf der Homepage des FC Sion könnte als Satire durchgehen. Christian Constantin sitzt in seinem Architekturbüro in Martigny. Hinter jenem Gebäude geht es direkt hinauf auf den Großen Sankt Bernhard. Und diese Nähe zu den Gipfeln des Schweizer Wallis mag Constantin von Geburt an einen gewissen Hang zum Größenwahn in die Wiege gelegt haben.

In dem sechs Minuten langen Film jedenfalls spricht der 59 Jahre alte Schweizer, vor einer Lithographie des Empire State Building in New York sitzend, in seinem Walliser Französisch in die Kamera, wie es Satiriker in einer Persiflage eines Bekennervideos nicht anders machen würden. Doch Constantin bekennt sich nicht. Er klagt an, und zwar den Schiedsrichter Sascha Amhof. Der soll bei der Partie des FC Sion bei Young Boys Bern Constantins Klub mit einer Elfmeterentscheidung samt Roter Karte für Torhüter Vanins vorsätzlich benachteiligt, den Weg zum Berner 3:2-Sieg geebnet haben.

In das Video ist die vermeintlich verdächtigste Szene aus dem Spiel mit einigen eingezeichneten roten Kreisen eingebunden, die belegen, dass das Unparteiischengespann tatsächlich eine klare Fehlentscheidung getroffen hat. Der Berner Stürmer Miralem Sulejmani stand nicht nur im Abseits, Sions Schlussmann Andris Vanins hatte ihn zudem bei dessen Sturz im Strafraum, der mit einem Elfmeterpfiff belohnt wurde, nicht berührt. Constantin interpretiert die von Lippenlesern ermittelten Worte des Spielers Sulejmani („No Schwalbe“) so, dass der Schiedsrichter erst nach diesen Erläuterungen die Elfmeterentscheidung sowie die Sanktionierung des Torhüters beschlossen habe. „Der FC Sion war das Opfer eines folgenschweren Fehlentscheids und wurde um den Lohn seiner Bemühungen gebracht“, sagt Constantin.

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Er spricht von möglichen Millionenverlusten durch die Fehlentscheidung, da das Spiel vorentscheidenden Charakter hatte im Kampf um einen Champions-League-Platz. In seinen Ausführungen schwadroniert er zudem über Korruption und Betrug im Fußball. Constantin suggeriert, dass es im Schweizer Fußball entweder grundsätzliches oder persönliches Interesse gebe, andere Klubs für den europäischen Wettbewerb zu bevorzugen. Das entspricht Constantins ewiger Verschwörungstheorie, dass der einzige Klub aus der Romandie im Wettstreit mit den anderen Klubs in der Schweiz systematisch benachteiligt werde.

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Belohnung in Höhe von 25.000 Franken ausgesetzt

Constantin will nun Beweise für seine kruden Vorwürfe liefern. Dafür hat „CC“, wie der seit mehr als zwei Jahrzehnten über den Klub herrschende und im Wallis nicht nur von Satirikern wegen äußerlicher Ähnlichkeit auch mal gerne mit dem verstorbenen libyschen Diktator Gaddafi verglichene Patron im Wallis genannt wird, den juristischen Weg angedroht und will vor einem öffentlichen Gericht gegen Amhoff und dessen Assistenten klagen. Zudem hat er in seinem Videoauftritt eine Belohnung in Höhe von 25.000 Franken ausgesetzt „für denjenigen, der das Wie, das Warum und den Profiteur eines solchen Spielbetrugs genau erklären kann“. Im Video unterlegt er diese Worte mit Bildern des Schiedsrichters und seines Assistenten, die somit am Pranger stehen.

Constantin schießt mit seiner neusten Provokation nicht das erste Mal übers Ziel hinaus. Einst klagte er seinen eigentlich in die Drittklassigkeit verbannten Klub in die zweite Schweizer Liga ein. 2011 lieferte er sich eine bizarre juristische Schlacht mit der Uefa, nachdem diese Sion aus der Europa League ausgeschlossen hatte. Der Klub hatte Spieler aufgestellt, die nach einem Transferbann gegen den Verein nicht einsatzberechtigt waren. In der Schweiz wurden dem Klub aus demselben Grund so viele Punkte abgezogen, dass der Klub sich am Ende nur über die Relegation retten konnte.

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Im Zuge der Auseinandersetzung unter anderem mit dem damals noch nicht suspendierten Uefa-Präsidenten Michel Platini sagte der Architekt mit dem geschätzten Vermögen von rund 350 Millionen Schweizer Franken in einem Interview mit der F.A.Z.: „Bei mir wäre Platini vielleicht Assistent meines Chauffeurs.“ Im Vergleich dazu sind Constantins schon legendäre Entlassungen harmlos. Vier bis fünf Trainer pro Saison waren bei dem Klubbesitzer keine Seltenheit, einmal setzte er sich gar nach einer Trennung selbst auf die Bank.

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Der Schweizer Fußballverband (SFV) und die Swiss Football League haben nun jede Nachsicht verloren wegen des Videos auf der offiziellen Vereins-Homepage. Die Disziplinarkommission der Swiss Football League hat ein Verfahren gegen den Präsidenten des FC Sion eröffnet. „Da die Schiedsrichter und namentlich das Spielleiter-Team um Referee Amhof Ziel der im Grundton hetzerischen Äußerungen von Sions Präsidenten sind, stellen SFV und SFL einen direkten Zusammenhang her zu den teilweise massiven Drohungen gegenüber dem Schiedsrichter, dessen Assistenten und anderen Protagonisten des SFV“, begründen die Verbände das Vorgehen.

„Sehr anspruchsvoll für Verband und Liga“

Die Funktionäre äußern zudem Bedenken, wie das nächste Spiel des FC Sion über die Bühne gehen soll, wenn Constantin nicht einlenken sollte. „Unter diesen Umständen ist es sehr anspruchsvoll für Verband und Liga, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass das für die Leitung des Spiels Sion - Basel vom kommenden Sonntag nominierte Schiedsrichter-Team unter würdigen Bedingungen arbeiten kann“, sagt SFV-Generalsekretär Alex Miescher. Constantin wurde vom Schweizer Verband aufgefordert, die Wogen mit einer besänftigenden Erklärung zu glätten. Man darf davon ausgehen, dass der streitlustige Patriarch diesen Weg nicht beschreiten wird.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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