FC Sion-Präsident Constantin

„Bei mir wäre Platini Assistent des Chauffeurs“

14.01.2012
, 18:58
Bereit zum Kampf: Christian Constantin
Christian Constantin will nicht Wilhelm Tell sein. Aber der Präsident des FC Sion kämpft gegen die „Tyrannei der Verbände. Im Interview spricht er über Benachteiligungen seine Klubs FC Sion und Missstände im Fußball.
ANZEIGE

Seit vergangenem August liegt der FC Sion mit seinem Präsidenten Christian Constantin an der Spitze im Rechtsstreit mit den internationalen Fußballverbänden Fifa, Uefa und dem Nationalverband der Schweiz. Der Verein soll gegen ein Transferverbot verstoßen haben, das die Fifa wegen Unregelmäßigkeiten bei der Verpflichtung des ägyptischen Torhüters El Hadary im Jahr 2008 verhängt hatte. Der Klub verpflichtete im Sommer 2011 dennoch sechs neue Spieler, die auch vom Schweizer Ligaverband lizenziert wurden. Weil Sion diese Profis der Europa League eingesetzt hatte, wurde der Klub aus dem Wettbewerb ausgeschlossen. Zudem erzeugte die Fifa vor Jahresende unter Androhung von Sanktionen gegen die Nationalmannschaft und den Ausschluss sämtlicher Klubs aus internationalen Wettbewerben Druck auf den Schweizer Verband, um eine Strafe für den FC Sion auch auf nationaler Ebene zu erzwingen.

Der Verband beugte sich und verhängte einen Abzug von 36 Punkten in der Liga. Die Fifa wirft dem Verein und den sechs Spielern vor, entgegen den Statuten die Sportgerichtsbarkeit nicht anzuerkennen und ordentliche Gerichte eingeschaltet zu haben. Diese hatten in den meisten Verfahren dem FC Sion und den Anliegen der Spieler recht gegeben unter anderem mit Verweis auf das Recht auf freie Berufsausübung. Wegen dieser Zwischenerfolge vor der Justiz sehen viele das System der Sportgerichtsbarkeit mit dem Internationalen Sportgerichtshof Cas an der Spitze gefährdet (der im Fall Sion stets den Verbänden recht gab). Derzeit sind neben dem Cas mehrere ordentliche Gerichte in der Schweiz mit dem Fall befasst. Präsident Constantin, im Hauptberuf international operierender Architekt, ist zuzutrauen, dass er durch alle Instanzen bis hin zu europäischen Gerichten für seine Überzeugung kämpft.

ANZEIGE

Sie wurden wegen Ihres Kampfs gegen die Fußballverbände zuletzt mit Asterix, Robin Hood und auch Wilhelm Tell verglichen. Was gefiel Ihnen am besten?

Ich mag keinen dieser Vergleiche. Asterix oder Wilhelm Tell sind Legende. Ich aber lebe in der Realität. Was rund um den FC Sion passiert, ist wirklich.

Akzeptieren Sie den Vergleich mit Jean-Marc Bosman, der in den neunziger Jahren mit einer Klage gegen die Verweigerung seiner Wechselfreigabe vor ordentlichen Gerichten die Transfermodalitäten im Profisport über den Haufen warf?

In der Sache geht es bei uns um etwas komplett anderes, aber die Situation ist vielleicht ähnlich. Bosman war gezwungen, unter dem Gesetz des Fußballs zu arbeiten, der ihn der Freiheit der Berufswahl beraubt hatte. Der Sport hatte aber nicht das Recht, die Spieler wie Gefangene zu halten. Jetzt ist es so, dass die beiden Autoritäten des Fußballs, also Fifa und Uefa, versuchen, die Klubs als Sklaven ihrer Entscheidungen zu halten. Sie behaupten, eine echte, kompetente Sportjustiz zu haben, und zwingen alle Athleten, vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas zu ziehen.

Constantins Gegner: Uefa-Präsident Platini und Fifa-Chef Blatter
Constantins Gegner: Uefa-Präsident Platini und Fifa-Chef Blatter Bild: firo Sportphoto

Der Cas gilt als große Errungenschaft...

Der Cas hat den Namen eines Gerichts, mehr aber auch nicht damit gemein. In der Wirklichkeit ist er ein Marionettentheater. Der Cas wurde installiert unter Samaranch, einem Francisten. Mehr muss man wohl nicht sagen.

Wir würden aber gerne mehr wissen ...

Samaranch hat das clever gemacht. Er hat ein Gericht ins Leben gerufen mit einer verschlossenen Liste an Richtern, die alle für die Verbände arbeiten. Dann wählt zwar jede der Parteien einen Richter, aber der Cas selbst bestimmt den dritten und im Zweifel entscheidenden Richter. Zudem darf der Sekretär des Gerichts, Matthieu Reeb, noch die Formulierung des Urteilsspruchs beeinflussen. Die Richter werden großteils ausgebildet an der Universität Neuchâtel, wo die Fifa den Studiengang Internationales Sportrecht finanziert. Die Ko-Präsidenten dieses Studiengangs sind Blatter und der Vater von Matthieu Reeb. Die Mehrheit der Richter ist also schon einmal beeinflusst.

ANZEIGE

Die sehr große Mehrzahl der Sportler akzeptiert aber die Sportgerichtsbarkeit.

Natürlich! Ein Radprofi, der sich reinwaschen will mit Hilfe der Justiz, würde sich beispielsweise auf dem kostspieligen, millionenteuren Weg durch ordentliche Gerichte ruinieren. Also muss er sich unterordnen unter dieses Unrecht. So erklärt sich auch, dass es im Rechtsverständnis der Fifa möglich ist, dass ein kleiner Fisch für fast schon vernachlässigenswerte Korruptionsdelikte fünf Jahre suspendiert wird, während jemand wie Teixeira, der Schwiegersohn von Havelange (früherer Fifa-Präsident und früheres IOC-Mitglied), der zehn Millionen Dollar Provision kassiert für die Vermittlung der Fernsehrechte bei der WM, zwei Monate suspendiert wird. Aus all diesen Gründen haben wir nur die Möglichkeit, zivile Gerichte anzurufen. Wir sind nicht gegen ein Schiedsgericht. Aber es muss sichergestellt sein, dass die Richter dieses Gerichts unabhängig und unparteiisch sind, was heute nicht der Fall ist. Das ist das wahre Anliegen unseres Vorgehens.

Woher nehmen Sie das Durchhaltevermögen für diesen Kampf?

Das Anliegen ist es wert. Es handelt sich um eine schreiende Ungerechtigkeit, die da vor sich geht. Und die hat meinen Kampfeswillen geweckt.

Sie entsprechen damit dem Klischee der Walliser, die sich in der Geschichte immer wieder und gerne gegen Autoritäten aufgelehnt haben?

Es geht mir nicht darum, mich einfach aufzulehnen. Autoritäten müssen respektiert werden. Aber eine Autorität muss korrekt sein und jedem gegenüber gleich. Wenn Autoritäten das nicht leisten, dann muss jeder darum kämpfen, dass gleiches Recht für alle gilt.

ANZEIGE

Stehen Sie nicht ein wenig allein für eine Revolution? Warum solidarisiert sich kaum jemand mit Ihnen?

Diese Leute haben alle eigene Interessen, sie sind abhängig. Das sind Leute, die vom Sport leben, die ihr Geld verdienen und deshalb nicht frei sind in ihren Entscheidungen. Bei mir ist das nicht der Fall: Ich gebe Geld, damit der Sport leben kann. Deshalb nehme ich mir die Freiheit heraus, um mein Recht zu kämpfen.

Wenigstens im Wallis haben Sie Unterstützung. In Visp werden Unterschriften gesammelt, um die Umbenennung der Sepp-Blatter-Schule zu erreichen, weil Fifa-Präsident Joseph Blatter diesen Menschen als Verräter an seiner Heimat gilt. Freut Sie das?

Ich beschäftige mich damit nicht. Das ist lustig, aber nicht nötig. Das ist eine Randgeschichte. Nichts sonst. Genauso auch die Meinungen, die im Internet geäußert werden.

Guter Diktator, schlechter Diktator: Constantin attackiert Blatter und Co.
Guter Diktator, schlechter Diktator: Constantin attackiert Blatter und Co. Bild: dpa

Ihr Ansinnen zu Ende gedacht, könnten nach jedem Sportwochenende Gerichte mit der Aufarbeitung beschäftigt sein. Michel Platini hat das Beispiel genannt, dass ein Spieler nach einer Roten Karte sein Recht auf Berufsausübung einklagen würde. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass der Sport ad absurdum geführt würde?

Diese Aussage ist doch genau der Beleg für die Dummheit von Platini. Ich war mit ihm vor dem Kantonsgericht in Lausanne. Der Ankläger fragte ihn, ob er eine Art König von England sei, der unterschreibt, was man ihm vorlegt, und der nicht liest, was er eigentlich lesen müsste. Sonst würde er auch den Unterschied verstehen. Es ist ein Unterschied, ob ein Spieler durch ein sportliches Fehlverhalten für eine Rote Karte bestraft wird oder ob er trotz eines Urteilsspruchs eines ordentlichen Gerichts, das ihm recht gab, nicht spielen und für den Unterhalt für seine Familie sorgen darf. Es wird keinen Richter in der Welt geben, der sich mit den Folgen einer Roten Karte befasst. Wohl aber muss sich ein Richter damit befassen, wenn die Berufsfreiheit beschränkt wird.

ANZEIGE

Sie tragen die Verantwortung dafür, dass die Spieler in diese Situation kamen, da Ihr Verein trotz des Transferverbots durch die Fifa Spieler verpflichtet hat.

Unabhängig davon, dass ich der Ansicht bin, dass dieses Transferverbot schon keine Grundlage hatte, war niemandem mehr wirklich klar, ob es im vergangenen Sommer noch galt. Fakt ist, dass unsere Spieler lizenziert wurden vom Verband. Dann muss ihnen auch zugestanden werden, dass sie ihren Beruf ausüben dürfen.

Noch einmal zurück zu Ihrer Motivation: Fürchten Sie nicht, dass Sie am Ende die Existenz Ihres Klubs gefährden? Nehmen Sie das in Kauf?

Das sehe ich nicht so. Es wird niemals bei der Strafe von 36 Punkten bleiben. Irgendwo müssen ja auch noch die Relationen gewahrt bleiben. Milan wurden nach der Korruptionsaffäre in Italien nicht mehr als sechs Zähler abgezogen. Atalanta Bergamo sieben Punkte. In Belgien und Italien hat man Vereine straffrei gelassen, nachdem Spieler ihr Einsatzrecht vor ordentlichen Gerichten erstritten hatten. Suchen Sie einen Klub in der Welt, der so bestraft werden soll wie wir.

Bei dem Streit stehen sich zwei extreme Persönlichkeiten aus dem kleinen Wallis gegenüber. Wäre die ganze Sache nicht bei einem Glas Wein in einer Bergstube zu regeln gewesen, zumal man Ihnen eigentlich ein freundschaftliches Verhältnis nachgesagt hatte?

ANZEIGE

Ich habe zu ihm immer noch ein freundschaftliches Verhältnis. Zu Beginn der Affäre bin ich sogar nach Zürich gefahren, um Blatter zu treffen. Ich bin mit einem Anwalt und Denis Oswald hingefahren, IOC-Mitglied mit guten Aussichten auf die Nachfolge als IOC-Präsident. Er hat Blatter gewarnt, dass die Sache sehr gefährlich werden kann für den Sport, wenn es zum Krieg kommt. Sepp hat dann gesagt, dass er sich nicht mit dem Fall beschäftigen werde. Jetzt vertritt nun jeder seine Interessen. Ich war jederzeit fair und offen mit ihm umgegangen. Wenn er das anders sieht, dann wird man eben am Ende sehen, wer die Partie gewinnt.

Wilhelm Tell hatte einen zweiten Pfeil dabei. Falls er den Kopf seines Sohnes getroffen hätte, dann hätte er den zweiten Pfeil genutzt, um den Tyrann zu erschießen, der ihn zum Schuss auf den Apfel gezwungen hatte. Haben Sie einen zweiten Pfeil für Fifa und Uefa?

Ganz ehrlich: Ich weiß heute auch nicht, wie die Verbände aus dieser Sache wieder rauskommen können. Sie sind in großen Schwierigkeiten, weil die Sache am Ende vor Europäischen Gerichten landen wird. Aber es ist nicht mein Bestreben gewesen, ihnen Schwierigkeiten zu bereiten. Sie selbst haben sich das eingebrockt. Mein alleiniges Ziel ist, dass ich die Interessen meines Vereins bis zum bitteren Ende vertrete.

ANZEIGE

Sie haben Blatter mit Gaddafi verglichen. Stehen Sie noch zu dem Vergleich?

Er ist ein Diktator. Gaddafi hat dasselbe gemacht. Er hat eine PanAm-Maschine entführt und über 200 unschuldige und unbeteiligte Amerikaner als Geiseln genommen und getötet. Die Fifa hat gegenüber dem Schweizer Verband nichts anderes angedroht. Sie hat gedroht, die Nationalmannschaft und die Vereine wie auch den Bayern-Gegner Basel in der Champions League zu sperren, damit der Verband Sion sanktioniert.

Sie vergleichen einen Diktator, der Menschen getötet hat, mit einem Sportfunktionär?

Natürlich gibt es hierbei keine Toten, aber das Prinzip ist dasselbe.

Sie haben auch geschäftliche Interessen mit der Fifa, weil Sie für die Organisatoren der WM 2022 in Katar tätig werden wollen als Architekt. Fürchten Sie nicht um Ihre Beziehungen?

Das ist mir egal. Hier und jetzt geht es für mich um ein juristisches Anliegen. Sollte ich daraus Nachteile für meine geschäftlichen Beziehungen erleiden, dann erleide und ertrage ich sie halt. Völlig egal.

Sie selbst wurden früher einmal im Karneval in Sion als Gaddafi karikiert. Haben Sie auch diktatorische Attitüden?

Ja, in der Verwaltung des Klubs bin ich bisweilen diktatorisch. Ein Diktator ist nicht per se schlimm. Es kommt auf die Philosophie des Diktators an. Wenn er Gutes vorhat und das Wohl des Volkes verbessern will, dann kann man mit einem Diktator leben. Das Problem ist erst, wenn der Diktator zum Machterhalt das Volk ausbeutet. Im Fußball ist nun das Problem, dass sich die Herrscher des Fußballs ab einem gewissen Punkt für Gott halten. Wenn aber der Mensch Gott spielt, ist das eine Katastrophe. Platini aber beispielsweise hat nicht die Befähigung zum Uefa-Präsidenten. Er war ein großartiger Fußballer. Als Patron der Uefa ist er nicht tragbar. Bei mir wäre er vielleicht Assistent meines Chauffeurs.

Sie haben schon früher Erfolge vor Gericht gehabt. 2003 haben Sie den Sturz Ihres Klubs in die Viertklassigkeit auf juristischem Weg verhindert. Später haben Sie sich einmal vor einem Arbeitsgericht das Recht erstritten, auch ohne Fußballlehrerlizenz Ihr Team trainieren zu dürfen. Warum streiten Sie so gerne vor Gericht?

Da muss ich Ihnen was erzählen: Meine Schlüsselerfahrung war, als wir in den neunziger Jahren ein Europapokal-Spiel hatten. Die Tore waren gerade mal 2,25 Meter hoch. Ich habe das gesehen und Protest eingelegt. Ich ging davon aus, dass es 3:0 für uns gewertet wird. Aber der Vizepräsident der Uefa war damals ein Russe, und plötzlich hieß es dann, dass das Spiel wiederholt werden müsse. Da habe ich erkannt, dass die vom Sport selbst eingesetzte Justiz nur den Zweck hat, im Dienst der Führenden zu arbeiten und nicht im Dienst der Regeln. Da hab ich mir geschworen, dass ich das nur einmal dulde, beim nächsten Mal gebe ich nicht mehr klein bei.

Aber Sie halten es für ausgeschlossen, dass Ihr Verein noch die Eingliederung in die laufende Europa League erreicht?

Das ist nicht gesagt. Sie werden schon sehen. Es wird noch Überraschungen geben in nächster Zeit.

Das Gespräch führte Daniel Meuren

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Fahrradhelm
Fahrradhelme im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Spanischkurs
Lernen Sie Spanisch
ANZEIGE