Fußball-Kommentar

Noch schlimmer als Blatter

EIN KOMMENTAR Von Evi Simeoni
09.06.2016
, 13:51
Der neue Fifa-Präsident ist mindestens so machtbewusst, eitel, gierig und rücksichtslos wie sein Vorgänger. Und nun? Der Fußballfan kann jetzt nur noch auf zwei Personen setzen.

Die einen schlafen auf eigene Kosten in Fußball-Bettwäsche. Der andere auf Kosten des Fußballs auf einer Unterlage, die aus einem Matratzen-Konvolut im Wert von 11.440 Schweizer Franken stammt. Und wer schläft besser? Im Zweifelsfall Gianni Infantino. Die Fußballfans dieser Welt liegen wohl eher seltener so weich. Und womöglich haben sie auch ein bisschen mehr Gefühl für das, was sich gehört. Wie soll die Basis, die den Fußball mit ihren Emotionen ernährt, da verstehen, dass der Präsident des Internationalen Fußballverbandes Fifa das Geld, das ihm nicht gehört, mit großer Geste für seine privaten Ansprüche und Günstlinge ausgibt?

Und in Privatflugzeugen von Leuten herumfliegt, von denen er besser keine Geschenke annähme? Sogar zum Papst? Sein Vorgänger Joseph Blatter war schon schlimm genug – wie er im Triple-Pass mit zwei anderen aus der Fifa-Nomenklatura die Millionen-Boni in den privaten Geldspeicher bugsierte. Aber Infantino? So, wie es nach außen scheint, ist er mindestens so machtbewusst, eitel, gierig und rücksichtslos wie sein Kantonal-Landsmann aus dem Wallis. Aber viel weniger volkstümlich. Ein kalter Blatter.

Man kann das Tempo, mit dem Infantino die Maske des moralischen Neugestalters der Fifa hat fallen lassen, nur noch atemraubend nennen. Die ersten 100 Tage im Amt hat er längst nicht dazu gebraucht - die ersten Anzeichen ließ er schon in den Minuten seiner Wahl im Februar sehen. Mit welcher Chuzpe er sich die Fifa in kürzester Zeit gefügig machen, wie ungeniert er die Prinzipien der Reform-Statuten aushebeln und mit welcher ungebremsten Aggressivität er auf Widerstände reagieren würde, konnte sich jedoch niemand ausmalen.

Mit der Ermächtigungsregel, die er sich im Mai in Mexiko vom Fifa-Kongress genehmigen ließ, hat er den Geist der neuen Statuten pulverisiert. Sie mögen im Feld der Beharrungskräfte schwer umsetzbar und für einen autoritären Präsidenten kaum erträglich gewesen sein. Aber dass er mit einem einzigen Handstreich die wichtigsten Aufsichtsgremien für mindestens ein Jahr unter die Kontrolle des Councils holte, also des von ihm angeführten, am meisten diskreditierten Zirkels, dessen Entmachtung eigentlich das Ziel der Reformen war, zeigt seine wahren Absichten: Maximale Machtentfaltung ohne Rücksicht auf Verluste.

Und jetzt? Chef-Aufseher Domenico Scala, der wichtigste Reformer im Verband, sah sich genötigt, zurückzutreten. In seiner Funktion als Vorsitzender der Audit- und Compliance-Kommission, die sämtliche Geldflüsse überwacht, würde er nun gebraucht. Stattdessen werden Infantino und seine Council-Kollegen im Herbst die Figur, die ihnen auf die Finger schauen soll, voraussichtlich selbst einsetzen. Dies ist ein Rückfall weit hinter den Blatter-Standard seiner letzten Jahre.

Der Fußballfan kann jetzt nur noch auf die Standhaftigkeit der beiden Ethik-Chefs hoffen. Der ehemalige Schweizer Staatsanwalt Cornel Borbély und der ehemalige bayerische Richter Hans-Joachim Eckert haben sich bisher als geradlinig und unbeeinflussbar erwiesen. Sie haben es sogar gewagt, die beiden höchsten Figuren im Weltfußball zu verknacken: Michel Platini und Joseph Blatter. Werden die beiden auch Infantino bremsen können? Die beiden arbeiten im Verborgenen. Aber sie arbeiten. Ob Infantino den Versuch wagt, auch diesen beiden ein Bein zu stellen, wird sich zeigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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