Frauenfußball

Ein großer Schritt zum Münchner Double

Von Christian Otto, Wolfsburg
09.05.2021
, 17:22
Der Wettstreit zwischen den beiden besten deutschen Frauenfußballteams war ein beinharter. Nach dem 1:1 beim VfL Wolfsburg stehen die Bayern-Frauen kurz vorm Meisterinnen-Ziel.

Die tröstenden Schlussworte blieben für Almuth Schult reserviert. Kurz nach Spielende bildeten die Fußballfrauen des VfL Wolfsburg einen Kreis, demonstrierten Geschlossenheit und gaben sich Mühe, ihre Enttäuschung irgendwie zu verscheuchen. Ein 1:1 im Spitzenspiel der Bundesliga klingt nach einem zumindest passablen Ergebnis. In diesem Fall jedoch ist es im Wettrennen mit dem FC Bayern ein bitterer Rückschlag.

Die erfolgsverwöhnten Wolfsburgerinnen liegen weiter zwei Punkte zurück und werden den Spitzenreiter aus München bei realistischer Betrachtung nicht mehr einholen können. Ihnen bleibt in der Saison 2020/21 das Pokalfinale am 30. Mai gegen Eintracht Frankfurt als aussichtsreiche Titelchance.

Der Wettstreit zwischen den beiden besten deutschen Frauenteams war ein beinharter. Zwischen dem 0:1 für die Münchnerinnen durch die starke Sydney Lohmann in der 34. Minute und dem Ausgleich durch Ewa Pajor (81.) lag viel Rustikales bis Beinhartes. Als etwa die Münchnerin Lina Magull dezent gefoult am Boden lag, nahm das die Wolfsburgerin Svenja Huth zwar zur Kenntnis, reichte aber keine helfende Hand oder entschuldigte sich.

Mit noch mehr Ehrgeiz ging Bayern-Trainer Jens Scheuer das im Titelkampf wohl vorentscheidende Duell an. Halbzeit zwei, eine eher belanglose Szene auf Höhe der Mittellinie. Einer Wolfsburger Spielerin unterläuft ein Fehlpass ins Seitenaus. Und Scheuer kommentiert den Fauxpas mit einem lautstarken „Jawoll“. Das und mehr Deftiges gab es am Sonntag in einem Stadion zu hören, in dem keine Zuschauer waren und in dem es auf nationaler Ebene um alles ging, was den Frauenfußball ausmacht.

Der feine Unterschied zwischen dem aufbegehrenden FC Bayern und dem bisherigen Seriensieger aus Wolfsburg dürfte in der Offensive liegen. Ausgerechnet an diesem 20. Spieltag fehlte den Wolfsburgerinnen die erfolgreichste Angreiferin, die verletzte Alexandra Popp. Der VfL-Sturm benötigt die erfahrene Nationalspielerin und ihre Wucht. Die schnelle Ewa Pajor sorgt immer für latente Gefahr. Die dribbelstarke Svenja Huth erzwingt Chancen in Serie. Aber das alles hilft im Abschluss ohne die resolute Alexandra Popp wenig. Der VfL Wolfsburg hatte das Spitzenspiel weitgehend bestimmt und die besseren Torchancen. Bei den Münchnerinnen sah die national und international erfahrene Carolin Simon im Mittelfeld oft überfordert aus. Trotzdem hielt der FC Bayern dem Wolfsburger Druck erfolgreich stand. „Wir haben die richtige Mentalität gezeigt, in den Zweikämpfen dagegengehalten und uns nicht einschüchtern lassen“, sagte Trainer Scheuer.

Bemerkenswert bleibt die Personalie Almuth Schult, was in gewisser Weise auch mit dem Muttertag zu tun hat, an dem gespielt wurde. Die 30 Jahre alte Torfrau ist im April vergangenen Jahres Mutter von Zwillingen geworden und danach erstaunlich schnell in den Leistungssport zurückgekehrt. Dass Schult im so wichtigen Kräftemessen mit dem FC Bayern wieder das Wolfsburger Tor hüten dufte, war der Lohn für ihre Beharrlichkeit. Auf der Tribüne des Wolfsburger Stadions wollte auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wissen, wie gut die langjährige Nationalspielerin schon wieder in Form ist. Schult musste das 0:1 hinnehmen durch einen Schuss, der abgefälscht und damit nicht zu halten war.

In der Schlussphase beförderte die Torhüterin die Freistöße auch aus dem Mittelfeld in Richtung gegnerisches Tor. Aber alles Aufbäumen blieb unbelohnt. Nach Jahren mit diversen Titeln und Triumphen droht der VfL Wolfsburg in dieser Saison ohne Titel in der Bundesliga oder Champions League zu bleiben. „Wir müssen hoffen, dass der FC Bayern noch einmal patzt und unsere Hausaufgaben machen“, sagte Almuth Schult mit Blick auf die verbleibenden beiden Spieltage. Natürlich wurde sie nach dem Abpfiff gefragt, wie sich das Remis und die Rolle des Tabellenzweiten aus Wolfsburger Sicht anfühlen. Almuth Schult ist eine extrem ehrliche und geradlinige Spielerin – „irgendwie blöd“, lautete ihr Kommentar.

Quelle: F.A.Z.
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