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DFB-Frauen in Wembley

„Ein Spiel vor einer solchen Kulisse ist ein Geschenk“

Von Daniel Meuren
 - 15:39
Ihre Spielerinnen im Blick: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hofft auf Erkenntnisse in Wembley.

Die Vorbereitung des deutschen Frauenfußball- Nationalteams auf das letzte Länderspiel des Jahres war ungewöhnlich. Nicht nur bezog das Team sein Trainingslager nahe der Grenze im Nachbarland Niederlande. Zudem statteten die fast zwei Dutzend Frauen mit ihrem teils auch männlichen Betreuerstab dem Klarissenkloster im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer einen Besuch ab. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die in der Nähe lebt und Kevelaer nach eigenen Worten immer mal wieder besucht als als Quell der Ruhe, ehoffte sich dadurch Anregungen für ihre Spielerinnen und vielleicht auch einen gewissen Schub.

die Bundestrainerin ist freilich auch ohne die Fürsprache der Nonnen selbstbewusst genug, um eine Erklärung zu liefern für das, was sich am Samstag (18.30 Uhr bei Eurosport) im Londoner Wembley-Stadion anbahnt. 90.000 Zuschauer werden vor Ort sein, wenn das von der Bundestrainerin betreute deutsche Nationalteam England herausfordert. „Es wird schon auch mit uns zu tun haben und zu einem Teil daran liegen, dass Fußballduelle zwischen England und Deutschland bei Männern wie Frauen mit Emotionen verbunden sind“, sagt Voss-Tecklenburg vor der ersten ernsthaften Standortbestimmung nach dem enttäuschenden Viertelfinal-Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft im Juni.

Tatsächlich trägt der Gegner sicher dazu bei, dass am Samstagabend ein Europarekord für ein Fußballspiel von Frauen aufgestellt wird. Aber vor allem ist die Begegnung der vorläufige Höhepunkt eines Booms im englischen Frauenfußball. Die starke WM im Sommer mit dem charismatischen früheren United-Profi Phil Neville auf der Trainerbank sowie die Ausrichtung der EM 2021 haben den Fußballerinnen auf der Insel einen erheblichen Schub gegeben, die Liga erlebt einen Aufschwung dank immer ernsthafterer Engagements der Männer-Topklubs aus London und Manchester.

Werbung für Frauenfußball

Der Fußballverband FA hat deshalb viel in Bewegung gesetzt, um diese Entwicklung mit dem Rekordspiel in Wembley zu untermauern. So lässt der Verband Jugendliche bereits für einen Pfund ins Stadion, Familien können anders als bei Männer-Länderspielen zu bezahlbaren Preisen Stadiontourismus zu einer auch noch familienfreundlichen Anstoßzeit betreiben. Und so werden viele Engländer erstmals zu einem Fußballspiel der Frauen pilgern, wo sie vor Ort von der Attraktivität überzeugt werden sollen. „Das wird großartige Werbung für den Frauenfußball und sicherlich auch weiteren Schub geben für die Entwicklung in England“, sagt Voss-Tecklenburg.

Die 51 Jahre alte Bundestrainerin will freilich mit ihrem Team, das London trotz Flugsstreiks am Donnerstag planmäßig erreicht hat, etwas Wasser in den englischen Wein gießen. Die Deutschen wollen sich im Duell mit den Engländerinnen beweisen, die bei der WM in Frankreich mit Hochgeschwindigkeitsfußball imponiert hatten und letztlich die einzigen waren, die den Weltmeisterinnen aus den Vereinigten Staaten ernsthaft Paroli bieten konnten. Seit dem Turnier hat das Team freilich in vier Spielen gegen ernstzunehmende Gegner wie Brasilien oder Japan nicht mehr gewonnen.

Die Kulisse nutzt Voss-Tecklenburg dabei bewusst als Mittel, um ihr Team zu motivieren. „Ich weiß selbst nicht, was es bedeutet, vor 90.000 Zuschauern zu spielen“, sagt die Bundestrainerin, die die Chance auf ein solches Erlebnis 1999 nicht nutzen konnte. Damals schied das deutsche Team im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten aus und verpasste somit die Qualifikation fürs WM-Endspiel, das die bis heute gültige Bestmarke von 90.185 Besuchern in Pasadena aufgestellt hat.

Nachdem Voss-Tecklenburg bei der WM erfahren musste, dass einige Akteurinnen in der Drucksituation des letztlich mit 1:2 gegen Schweden verlorenen Viertelfinals sich allein durch einen Ausgleichstreffer völlig aus der Bahn werfen ließen, will sie in Wembley nun sehen, wie ihre Spielerinnen mit der Situation zurecht kommen. „Wer ist durch die Kulisse gehemmt? Wer wächst daran? Das sind Fragen, auf die das Spiel antworten liefern wird“, sagt Voss-Tecklenburg. „Dieses Spiel vor einer solchen Kulisse ist ein Geschenk für die Entwicklung jeder einzelnen Spielerin.“

Pauline Bremer ist im Ausland gereift

Dieses Geschenk erhofft sich auch Pauline Bremer, die Erfahrungen ähnlicher Art schon gesammelt hat auf englischem Boden. Seit zwei Jahren spielt sie bei Manchester City und gewann mit ihrem Team bereits vor 45.000 Zuschauern beim FA-Cup-Finale in Wembley den Pokal, vor der gleichen Kulisse hatte sie mit dem deutschenNationalteam 2014 im Alter von 18 Jahren bereits in ihrem damals vierten Länderspiel 3:0 gegen England gewonnen. „Aber ich vermute, dass es noch einmal ein Unterschied ist, ob da 45.000 Zuschauer drin sind oder 90.000“, sagt Bremer, neben Spielführerin Alexandra Popp die einzige im Team verbliebene Spielerin vom damaligen Duell.

Die Torjägerin hat nach einer mehr als einjährigen Verletzungspause zuletzt einen Lauf und sowohl in der Liga wie im Nationalteam Traumtore erzielt. Sie scheint auf dem besten Weg, ihre Erfahrungen aus Champions-League-Siegen mit Olympique Lyon und nun der Zeit in Manchester zu nutzen, um das Weltklasseniveau zu erreichen, das ihr zu Beginn der Karriere viele prognostiziert hatten. „Die Zeit im Ausland hat mir geholfen, als Persönlichkeit zu reifen“, sagt Bremer. Am Samstag will sie auch dank dieser Routine dazu beitragen, „dass die 90.000 ganz leise werden“.

Erst „equal play“, dann „equal pay“

Ein Erfolg in Wembley könnte zugleich auch ein Argument sein, die Forderungen der deutschen Fußballerinnen an den Verband zu stärken. In all den Diskussionen um bessere Förderung des Frauenfußballs oder gar wie in Amerika oder Australien bezüglich der gleichen Bezahlung wie die männlichen Nationalspieler, sieht Bundestrainerin Voss-Tecklenbrug nämlich erst einmal sich und ihre Spielerinnen am Zug. „Bevor wir über equal pay reden, sollten wir uns erst einmal um equal play kümmern. Da haben wir genug zu tun.“ Mit anderen Worten: Erst einmal soll die Leistung wieder nachhaltig stimmen, ehe der Geldbeutel klingeln kann.

Voss-Tecklenbrug erhofft sich vom DFB dann in Zukunft wieder ähnliches Engagemenet im Organisieren von vergleichbaren „Highlight-Spielen“. 2013 hatte es zuletzt in Deutschland bei einem Testspiel vor der Europameisterschaft in Schweden in München eine Kulisse ähnlichen Ausmaßes gegeben. Damals kamen 45.000 Zuschauer in die Allianz-Arena, um die deutsche Auswahl gegen Japan zu sehen. Zwei Jahre später waren 50.000 ins Olympiastadion zum Champions-League-Finale zwischen dem FFC Frankfurt und Olympique Lyon zugegen.

Seither ist es leer geworden in deutschen Stadien, auch ist bislang noch nicht bekannt, ob der DFB beispielsweise im kommenden Jahr das Weltmeisterteam um Megan Rapinoe nach Deutschland zu lotsen versucht, das derzeit sicherlich als ein Publikumsmagnet bei entsprechender Vermarktung auch große Arenen in Deutschland füllen könnte. Einen solchen Schub könnte der deutsche Fußball der Frauen in jedem Fall unabhängig von Testspielsiegen gut gebrauchen.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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