Fußball-Talentreport (8)

„Da bin ich ausgeflippt“

Von Michael Horeni
03.04.2015
, 20:52
„Wenn mein Vater Rechtsanwalt wäre, wäre es anders gelaufen“, sagt Dominik
Mit 20 Jahren hat Dominik Böttcher schon für fünf Bundesligaklubs gespielt – geschafft hat er es nirgendwo. Nun erzählt er, warum er noch eine Chance verdient hätte.
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Dominik Böttcher (20) hat eine Odyssee hinter sich. In der Jugend spielte er für fünf Bundesligaklubs, geschafft hat er es nirgendwo. Eine Frage der eigenen Disziplin – und mangelnder Verantwortung der Klubs.

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Dominik: „Schon als kleiner Junge war ich im Fußball undiszipliniert, ich bin immer aus der Reihe getanzt. Ich wollte immer den Ball haben auf dem Platz, einfach immer, und wenn andere im Training mal etwas vorgemacht haben, war ich richtig sauer. Da war ich erst fünf.

Ich habe damals bei einem kleinen Verein in Berlin-Steglitz gespielt, nur bei den Älteren. Ich war einfach so schnell. Mit elf wurde ich bei einem Turnier zum besten Spieler gewählt, obwohl die anderen zwei Jahre älter waren. Da hat mich ein Trainer von Hertha gesehen und mich zum Training eingeladen. Ich bin dann sofort genommen worden. Dann habe ich ein paar Jahre bei Hertha gespielt, bis mich jemand vom HSV bei einem Sichtungsturnier für die Berliner Auswahl angesprochen hat. Ich wollte sowieso weg aus Berlin, in ein anderes Umfeld. Ich hatte einfach zu viele Freunde, die Blödsinn gemacht haben.

„Fast auf einem Auge blind geworden“

Mit 15 war ich dann beim HSV im Internat, da ging es auch los mit der Nationalelf. Ich habe eine Einladung von Polen bekommen, aber auch vom DFB. Ich wollte für Deutschland spielen, aber kurz vor dem ersten Länderspiel habe ich einen Ellbogencheck abgekriegt, ausgerechnet im Spiel gegen Hertha. Bruch der Augenhöhle, ich wäre fast auf einem Auge blind geworden. Drei Monate bin ich ausgefallen.

Beim HSV habe ich nur ein halbes Jahr gespielt. Eigentlich war ausgemacht, dass ich als jüngerer Jahrgang der U17 in die U19 hochgezogen werde. Als klar war, dass mein U17-Trainer zu einem Profiklub geht, hat er mich doch nicht hoch gehen lassen. Als ich wissen wollte, warum er das macht, durfte ich auch nicht mehr in der U17 spielen.

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Die Saison dauerte da noch ein halbes Jahr, deswegen bin ich zu Mönchengladbach. Dort war ich eineinhalb Jahre im Internat, es lief richtig gut. Ich habe fast immer gespielt und hatte einen Trainer, der mich richtig gefördert hat. Ich war kurz davor, einen Lizenzspielervertrag zu unterschreiben. Aber dann gab es Streit im Training, und dabei hat jemand meine Mutter beleidigt, die damals herzkrank im Krankenhaus lag. Da bin ich ausgeflippt, bin auf den Typ drauf und habe ihn beschimpft. Aber kurz bevor ich ihm eine geben wollte, habe ich mich noch gestoppt. Ich habe nicht geschlagen.

Aber an dem Tag war leider nicht mein Trainer da, der hätte die Sache gleich geklärt. Der Co-Trainer hat aber daraus ein Riesending gemacht und ist zum Jugendkoordinator. Ich habe eine Abmahnung bekommen, einen Verweis. Und wenn man wie ich schon mehrere Disziplin-Sachen hatte, dann ist das ein deutliches Zeichen, dass der Verein einen nicht mehr will. Ich glaube, mit anderen Spielern hätten sie das nicht gemacht. Ich komme aus einer Familie, wo es ein paar Probleme gibt, aber wenn mein Vater Rechtsanwalt wäre oder so etwas, dann wäre das bestimmt anders gelaufen. Bei mir lief es in der Schule auch nicht besonders gut, aber die Hauptschule habe ich gemacht.

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Mein Berater hat mir dann einen Profivertrag in Halle besorgt. Als ich unterschrieben habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich dort ein-, zweimal pro Woche bei den Profis trainiere, dass ich an den Profikader rangeführt werde. Ich habe dann aber nur in der A-Jugend gespielt – und nicht ein einziges Mal bei den Profis trainiert. Ich war vorher in viel besseren Jugendteams, das war mir viel zu wenig. Ich kam mir echt verarscht vor. Nach zwei Monaten bin ich gegangen.

Meine nächste Station war 2013 die A-Jugend von Hoffenheim. Der Trainer hat sich sehr mit mir befasst, er kannte mich schon aus Berlin. Der wusste, wie ich bin. Wir haben auch viele Gespräche außerhalb des Fußballs geführt. Aber da musste ich erst mal viel aufholen, einen Monate hatte ich gar nicht trainiert. Und das war auch ein ganz anderes Training, viel anspruchsvoller als in Halle.

„Verletzungen, Disziplin, Konkurrenz“

Am Anfang habe ich gar nicht gespielt, dann lief es immer besser, viel besser. Am Ende waren wir Dritter, wir waren knapp davor, um die deutsche Meisterschaft zu spielen. Mein Trainer wollte unbedingt mit mir verlängern, aber er wechselte in die U23. Den neuen Trainer habe ich dann gar nicht richtig kennen gelernt. Er hat nur ein Spiel von mir gesehen, da war ich gut, aber er hat gesagt, dass er sich eine so schwere Arbeit nicht antun will. Da war ich in Hoffenheim raus, das war mein fünfter Profiklub.

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Ich bin dann wieder zurück zu meinem alten Klub nach Berlin-Steglitz, habe dann Aufnahmetests für die Nike Academy in England gemacht, die dafür weltweit Spieler suchen. Die Academy ist für vereinslose Jungs. Für Jungs, die gescheitert sind – wegen Verletzungen, Disziplin, zu große Konkurrenz. Das Ganze heißt auch „second chance“. Der Sinn ist, dass man dann Testspiele gegen große Vereine macht wie gegen FC Barcelona oder Paris St. Germain und dann vielleicht entdeckt wird. Da kommen viele Scouts, die Spieler sind ja auch umsonst. In den letzten Jahren hat das bei vielen Jungs auch geklappt.

Joe Zinnbauer machte sich beim HSV für Böttcher stark – doch dann kam alles anders
Joe Zinnbauer machte sich beim HSV für Böttcher stark – doch dann kam alles anders Bild: Reuters

Die Academy war richtig krass, da geht man immer voll ans Limit. Das ist wie ein monatelanges Trainingslager. Und du musst jeden Monat 100 Prozent geben, sonst fliegst du raus. Ich war da von Sommer bis Winter 2013 für vier Monate. Jeden Monat kamen und gingen zwölf Spieler – von zwanzig. Ich war am Anfang total verkrampft, und nach zwei Monaten hatte ich voll Heimweh. Das hatte ich vorher nie, ich war ja in Hoffenheim auch schon sechs Monate am Stück weg von meinen Eltern. Vielleicht lag´s aber auch an der Sprache, ich weiß es nicht. Die haben aber gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt. Sie haben sich echt um mich gekümmert.

Mein Trainer wusste alles von meiner Vergangenheit. Was ich gemacht, warum ich rausgeflogen bin, alles. „Ich wusste gar nicht, dass du so einer bist“, hat er zu mir gesagt. Er war für mich wie ein Vater. Er wollte mich zu Leeds schicken, zu Fulham, auch Tottenham war im Gespräch. Aber dann habe ich vom HSV ein Angebot für die A-Jugend bekommen, die hatten sich wieder an mich erinnert. Die waren in Abstiegsgefahr und haben einen guten Stürmer gebraucht. Da bin ich wieder zurück nach Hamburg. Meinem Trainer in England habe ich aber immer wieder geschrieben, den vergesse ich nicht.

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„Richtig Ärger mit der Polizei“

Beim HSV lief es gut, ich habe jedes Spiel gespielt, wir sind nicht abgestiegen. Otto Addo war mein Trainer. Er war der einzige, der immer für mich gekämpft hat, für meine Rückkehr, für einen Vertrag. Er stand total hinter mir. Immer. Dann war es wieder kurz davor, dass ich einen Vertrag unterschreibe, U23-Trainer Josef Zinnbauer wollte mich. Aber dann lief wieder so eine Sache. Ich hatte richtig Ärger mit der Polizei. Ich bekam eine Anzeige, aber ich hatte echt nichts gemacht, aber trotzdem habe ich dann beim HSV keinen Vertrag bekommen. Irgendwie auch kein Wunder, bei meiner Vergangenheit. Ich bin jetzt 20 und habe mich wirklich geändert. Mittlerweile hat sich auch die letzte Sache aufgeklärt, die Anzeige wurde zurückgezogen.

Im Sommer bin ich nach Neustrelitz, die hatten um den Aufstieg in die dritte Liga gespielt. Das klang okay, aber es war die falsche Entscheidung. Es lief gar nicht. Ich wollte es diesmal aber trotzdem durchziehen. Aber nach der Wechselpause im Winter hat mir mein Trainer gesagt, dass ich keine Chance habe, zu spielen. Gar keine. Ich sollte nach Osteuropa, aber das wollte ich nicht. Zum Glück habe ich jetzt die Chance bekommen, bei einem guten Klub zu trainieren, bei Union Berlin in der U23. Darüber bin ich echt froh. Es sieht jetzt auch ganz gut für die neue Saison aus. Ich hoffe sehr, dass es mit einem Vertrag klappt. Nichts wünsche ich mir mehr.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
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