Argentiniens Nationalmannschaft

Und über allem wacht Maradona

Von Tobias Käufer, Rio de Janeiro
29.06.2022
, 16:32
Ikone mit Pokal: Diego Maradona mit der WM-Trophäe 1986
Auf den Tag vor 36 Jahren wurde Maradona mit dem Endspiel-Sieg gegen Deutschland zur Legende. Nun gilt Argentinien wieder als Favorit auf den Titel bei der Fußball-WM. Weil Messi endlich wie Messi spielt.
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Der Tag an dem Diego Maradona zur Legende aufstieg ist nun genau 36 Jahre her. Im riesigen Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt trugen sie den jungen Fußballgott durch die Arena, den abgekämpften, übermüdeten deutschen Spielern blieb nur noch zu gratulieren. Argentinien hatte das WM-Finale 1986 3:2 gewonnen, war zum zweiten Mal Weltmeister geworden, das ganze Land taumelte im Glück und Maradona hatte sich fortan jedweder irdischen Gerichtsbarkeit entzogen.

Inzwischen ist Diego Maradona tot, der Traum vom nächsten WM-Titel aber ist so lebendig wie lange nicht mehr. Dazu beigetragen hat vor allem die aktuelle Generation der „Albiceleste“. Die Weißhimmelblauen scheinen seit dem Titelgewinn bei der Copa América 2021 in Brasilien wie befreit vom Druck des Gewinnenmüssens. Der 3:0-Erfolg über Italien im kontinentalen Quervergleich zwischen Südamerikameister und Europameister hat die aktuelle Begeisterung vor ein paar Wochen noch einmal beflügelt.

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Maradona und Messi nebeneinander

Ob Argentinien allerdings tatsächlich so gut ist, wie es das ganze Land glaubt, wird sich dann in knapp 150 Tagen zeigen. Der Sieg im sogenannten „Finalissima“ gegen Italien ließ Lionel Messi jedenfalls ein zweites Mal ein Gefühl erleben, wie er es zuvor in seiner nun ebenfalls schon langen Karriere in der Nationalmannschaft nicht oft erleben durfte. Als Kapitän der „Weißhimmelblauen“ einen Pokal in die Höhe zu recken.

Der vor wenigen Tagen 35 Jahre alt gewordene Rekordweltfußballer hat das historische Finale von 1986 Kraft der Gnade der späten Geburt nicht erlebt und kennt es nur aus den Geschichtsbüchern. Oder von den Erzählungen von Maradona selbst, der wie ein Übervater über der Nationalmannschaft und dem argentinischen Fußball schwebte und sie quasi erdrückte.

Will ihn endlich auch, den WM-Pokal: Lionel Messi, hier nach dem Sieg der Finalissima
Will ihn endlich auch, den WM-Pokal: Lionel Messi, hier nach dem Sieg der Finalissima Bild: Witters

Die argentinischen Fans wiederum haben aus den beiden Lichtgestalten eine mythische Verbindung gemacht. Seit die argentinische Nationalmannschaft wieder Pokale gibt, häufen sich die Zeichnungen in denen Messi und Maradona gemeinsam gen Himmel fahren oder der verstorbene Großmeister seinem Nachfolger per Fingerzeig wie einst in biblischen Gemälden seine Kraft überträgt.

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Bei der irdischen Konkurrenz aus Brasilien, England oder Deutschland mag das kitschig klingen, im stets mit einem Hauch Übernatürlichkeit angereicherten argentinischen Milieu, in dem auch mal eine Hand Gottes gegen einen ehemaligen Kriegsgegner die Dinge zum Guten wendet, kann so etwas durchaus seine eigene Kraft entfalten. Die eher an handfesten Tatsachen interessierten Scouts schauen derweil auf die Fakten. Und die besagen, seit Trainer Lionel Scaloni die Mannschaft vor zwei Jahren übernommen hat, stimmt das Gesamtgefüge. Vor allem Messi spielt so, wie ihn die Argentinier sonst nur aus dem Dress des FC Barcelona kannten: Leichtfüßig, erfolgreich, strahlend. Als sei er wiedergeboren.

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„Dieses argentinische Gesicht macht Angst“, kommentierte jüngst die spanische Sporttageszeitung „Marca“. Abwehr-Urgestein Carlos Puyol, der mit Messi bei Barcelona zusammenspielte, sieht Argentinien mit Brasilien ganz vorne: „Brasilien und Argentinien sind die WM-Favoriten“, sagte Puyol unter dem Eindruck des 3:0 der Argentinier über Italien.

Scaloni als Versöhner

Scaloni, der als kleiner Junge den Sieg der Argentinier in Mexiko erlebte, hat die richtige Mischung gefunden. Unter ihm ist Messi zu jener Führungsfigur gereift, die in ihm die Argentinier stets gesehen hatten. Die dunklen Erfahrungen wie bei der WM in Russland, wo die Stimmung so schlecht war, dass sie noch während des Turniers in einen gewaltigen Streit zwischen Mannschaft und dem damaligen Trainer Jorge Sampaoli mündete, sind vergessen.

Der in der Industriestadt Rosario geborene Scaloni scheint sich im Kreise seiner Landsleute pudelwohl zu fühlen. Angesichts der Begeisterung um das Team versucht Stürmerstar Paulo Dybala erst gar nicht, die Erwartungen herunterzuspielen. Es wäre ohnehin sinnlos. „Es ist noch ein weiter Weg“, sagt Dybala. Und mit Blick auf die Leistungsdichte im Kader, die es selbst ihm schwer machen wird, einen festen Stammplatz zu ergattern: „Das argentinische Team hat unglaubliche Spieler auf allen Positionen, es ist nicht einfach.“

Scaloni weiß um die Aufgabe, die er zu erfüllen hat. Mit den Erfolgen bei der Copa und dem in Argentinien hocheingeschätzten Kontinentalvergleich gegen Europameister Italien im Rücken gibt sich der vergleichsweise junge Trainer aus Santa Fe nach außen hin gelassen und strahlt eine bemerkenswerte innere Ruhe aus. Wie jemand der weiß, was ihm da für ein Material zur Verfügung steht.

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Mit Blick auf die Gruppe C, die keineswegs ein Selbstläufer ist, sagt Scaloni vor wenigen Tagen: „Das sind schwierige Rivalen. Mexiko kennen wir am besten, Saudi-Arabien hat eine vertikal spielende Mannschaft, die eine gute Qualifikation gespielt hat und Polen hat eine hervorragende WM-Geschichte mit außergewöhnlichen Erfolgen.“ Trotzdem ist Argentinien in dieser Gruppe der große Favorit, wenn am 22. November das Turnier in Qatar mit dem vermeintlich leichten Duell gegen Saudi-Arabien beginnt.

Vier Wochen später soll dann ein ähnlicher monumentaler Moment stehen wie einst vor genau 36 Jahren im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Dann soll Messi zum Ende seiner Laufbahn im Nationaldress in jene Rolle schlüpfen, die Diego Maradona bis zu seinem Tod innehatte: Der endgültige Aufstieg in den Olymp des argentinischen Fußballs. Den Übergang von der lebenden zur mystischen Legende.

Auf diesen Augenblick wartet ganz Argentinien seit jenem Moment an dem der junge Messi die Bühne des Weltfußballs betrat und der nur möglich ist mit diesem einem Pokal, der letzten Trophäe, die ihm noch fehlt.

Quelle: F.A.Z.
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