Fußballtrainer in Iran

Das Drama um Andrea Stramaccioni

Von Christoph Becker
20.12.2019
, 18:23
Es geht vor allem um Geld. Womöglich aber noch um deutlich mehr als das. Was der Trainerabschied von Andrea Stramaccioni bei Esteghlal Teheran über die Probleme in Iran verrät.

Am Mittwoch in Teheran, die Temperaturen waren mild, die Luftqualität weiter miserabel, der Smog hing wie eine Glocke über der iranischen Hauptstadt, demonstrierten sie wieder. Wie in den Tagen zuvor, am Mittwoch nicht vor dem Sportministerium, sondern am Vereinsgelände des Football Clubs Esteghlal. Wieder ist von rund 100 Leuten die Rede, an ihren blauen Schals und Flaggen als Esteghlal-Fans zu erkennen. Sie demonstrierten gegen Missmanagement in ihrem Klub, sie demonstrierten aber auch für etwas, für einen. Für Andrea Stramaccioni, 43 Jahre alter promovierter Jurist aus Rom. Und Fußballtrainer. Einer, der nie lange blieb. In der Saison 2012/13 bei Inter Mailand, dann Udinese Calcio, Panathinaikos Athen, Sparta Prag. Und seit dem Sommer bei Esteghlal in Teheran.

Die letzten Jahre waren nicht leicht für die Blauen in Teheran, der Lokalrivale Persepolis ist dreimal in Serie Meister geworden, Esteghlal lief in der Meisterschaft hinterher. *Auch, als der Klub von Winfried Schäfer trainiert wurde. Der Deutsche, Stramaccionis Vorgänger, gewann einmal das Teheraner Derby, eines der wahnwitzigsten Fußballspiele unter Nachbarn auf diesem Planeten. Schäfer gewann im ersten Jahr den Pokal und gewann die Vorrundengruppe der asiatischen Champions League, die im Kalenderjahr ausgespielt wird – mit der Konsequenz, dass er im Herbst 2018, als die K.o.-Runden anstanden, mit einer neu zusammen gewürfelten Mannschaft antreten musste. Esteghlal schied im Viertelfinale aus. In der Liga reichte war Persepolis wieder voraus, als der Vorsprung der Rivalen im Frühjahr auf sechs Punkte anwuchs, nahm die Klubführung eine 0:1-Niederlage in der neuen Champions-League-Runde gegen den späteren Sieger Al Hilal aus Saudi-Arabien zum Anlass zur Entlassung. Seither wartet Schäfer, inzwischen in Abu Dhabi bei Bani Yas SC, auf sieben Monatsgehälter. Zudem habe sein Vertrag noch Gültigkeit, sagt Schäfer. Die Fifa ist informiert, sie habe Esteghlal angeschrieben.

Auf Schäfers Verabschiedung kam dieser Italiener. Mit Kind und Kegel, als er mit seiner Frau Dalila durch die Ruinen von Persepolis schritt – die Ruinen des Herrschersitzes der persischen Könige, nicht die Geschäftsstelle des Lokalrivalen –, hatte er den Sohn auf der Schulter. Dann begann die Saison, und Esteghlal spielte plötzlich – attraktiven Fußball. Und erfolgreichen Fußball. Und als die Welt Anfang September vom Freitod der Esteghlal-Anhängerin Sahar Chodarjari erfuhr, die sich aus Protest gegen eine Bestrafung für den Versuch, das Asadi-Stadion zu betreten, verbrannte, versammelte sich seine Mannschaft. Sie hielt eine Gedenkminute. Sein Kapitän Wuria Ghafuri sorgte dafür, dass die Spieler zum nächsten Auswärtsspiel bei Masdsched Soleyman in T-Shirts auf den Rasen traten, die ein blaues Herz zierte und die Aufschrift „Blaues Mädchen“ auf Farsi und Englisch, in Gedenken Sahar Chodarjaris. Und am 13. Spieltag, am 5. Dezember, war es so weit: Esteghlal schlug Schar-e Chodro aus Maschhad im Spitzenspiel 1:0 – Tabellenführer. Das erste Mal seit Jahren steht den Blauen eine Meisterschaft in Aussicht.

Politische Realität holt Stramaccioni ein

Doch prompt begann das „Drama um Strama“. Am 8. Dezember veröffentlichte die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna eine Erklärung Stramaccionis. Er habe mit seinen Assistenten die Arbeitsverhältnisse einseitig gekündigt. Sein Anwalt habe am 6. Dezember ein Schreiben an den Internationalen Fußball-Verband abgesetzt, in dem erklärt worden sei, dass der „FC Esteghlal seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommt“.

Zurück in Rom, gab Stramaccioni Interviews und erklärte, die italienischen Finanzbehörden hätten gerne eine Erklärung für verdächtige Zahlungen auf seinem Konto. Die politische Realität hatte den Trainer eingeholt. Da ist er nicht der Erste, nicht bei Esteghlal – siehe Schäfer –, schon gar nicht im iranischen Fußball. Der iranische Fußballverband ist auf der Suche eines Nachfolgers für den Belgier Marc Wilmots, der als Nationalcoach Irans weder beliebt noch erfolgreich wie Stramaccioni bei Esteghlal war, aber über fehlende Zahlungen klagte. Angeblich sorgte ein gut gefüllter Geldkoffer erst für Wilmots Rückkehr zur Mannschaft, schließlich für die Abfindung bei der Vertragsauflösung.

Das mag übertrieben und falsch dargestellt sein, aber die amerikanischen Sanktionen halten nicht nur die iranische Wirtschaft im Griff, sondern auch viele europäische Banken davon ab, überhaupt Geschäfte in der Islamischen Republik abzuwickeln. Die Weigerung der iranischen Hardliner, endlich den Weg freizumachen für Finanzgesetze gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, tut ihr Übriges. Iranische Geschäftsleute lassen häufig aus dem Ausland überweisen, etwa aus Dubai. Gleichwohl kann das bei höheren Summen Alarm in europäischen Banken auslösen.

Angesichts des Fanpotentials des Großklubs Esteghlal,Schäfer schätzt es auf 15 Millionen Fans, hat sich längst die Politik in den Fall eingemischt. Das Sportministerium, Eigentümer von Esteghlal (und des FC Persepolis), hat sich für die Rückkehr des Italieners starkgemacht, der Vize-Außenminister, der iranische Botschafter in Rom. Das Geld ist noch immer nicht bei Stramaccioni eingegangen, auch ein Scheck einer iranischen Bank war bislang nicht einzulösen. Doch die Demonstrationen zeigen: Sind Fans von Esteghlal oder Persepolis unwirsch, „dann wird das schnell auch zu einem Sicherheitsthema“, sagt Amir Alizadeh.

Der Fachmann für wirtschaftliche Aspekte des Sports, früher als Journalist in Teheran tätig, heute in Frankfurt ansässig, sagt, letztlich sei der Fußball ein typischer Wirtschaftszweig: „Die Sanktionen legen offen, welches offensichtliche Missmanagement es im iranischen Fußball gibt. Die iranischen Händler sagen inzwischen, es wäre ganz schön, wenn sich die Politik für unsere Sorgen auch so einsetzen würde wie jetzt für die Bezahlung eines Fußballtrainers.“ Trotz der Sanktionen und der Blockade der FATF-Gesetze in Teheran beläuft sich der Umsatz der Iran-EU-Geschäfte in den ersten drei Quartalen laut Eurostat auf 3,8 Milliarden Euro. „Da akzeptieren es die Fans nicht, dass Schwierigkeiten mit den Trainern einzig auf die Sanktionen geschoben werden“, sagt Alizadeh.

Im Fußball aber droht Iran den Anschluss zu verlieren. Die Verpflichtung westeuropäischer Trainer wird zusehends schwieriger, auch weil sich vergleichsweise junge Trainer wie Stramaccioni und Wilmots die Zukunftsaussichten nicht mit schleierhaften Geschäften verbauen wollen. „Westeuropäer halten sich strenger an die Vorschriften als Coaches aus Osteuropa oder vom Balkan, das ist so“, sagt Alizadeh. Die Jobs auf der anderen Seite des Persischen Golfs, in den Emiraten, Qatar und Saudi-Arabien, sind längst besser bezahlt und juristisch weit weniger heikel. „Dort hatten sie immer schon die besseren Trainer, bis auf Carlos Queiroz“, sagt Alizadeh. Der Portugiese hatte die Nationalmannschaft über Jahre bis zur Asienmeisterschaft zu Beginn des Jahres trainiert und zur einer der stärksten in Asien gemacht. Spätestens seit seinem Abgang hat er in Iran einen Ruf wie Donnerhall.

Das Hin und Her um Stramaccioni geht weiter. Mehrfach hat er den Willen zur Rückkehr beteuert, seine Zuneigung zu Spielern und Fans. Inzwischen aber werden auch kritische Stimmen laut, die Stramaccioni zu wenig Flexibilität vorwerfen. Zuletzt siegte Esteghlal 4:1 gegen den Tabellenletzten Buschehr. An diesem Donnerstag (15.00 Uhr MEZ) ist Maschin Sazi, die zweite Mannschaft aus der aserbaidschanischen Provinzhauptstadt Täbris, zu Gast. Die Sicherheitskräfte werden sehr genau auf die weiterhin lediglich männlichen Fans im Asadi-Stadion schauen. Bei aller Liebe für die Esteghlal-Fans dürften auch die mit brutaler Gewalt niedergeworfenen Proteste in Iran Ende November einen Eindruck bei der jungen Familie Stramaccioni hinterlassen haben. 304 Tote zählt Amnesty International inzwischen und Tausende Verhaftungen.

Dalila Stramaccioni schrieb, als in der iranischen Hauptstadt die Internetsperre aufgehoben war, am 24. November aus Teheran, diese habe ihr klargemacht, was es bedeute, von Angesicht zu Angesicht mit Menschen zu reden. Auf Instagram zitierte sie Hafis, den größten der persischen Dichter. Wer die Stille ertragen könne, die die Herzensleere entblößt, könne darauf hören, was die Augen der Geliebten erzählen, schrieb der Mann aus Schiras im 14. Jahrhundert. Das Drama um ihren Mann nahm seinen Lauf.

Am Donnerstag gab es ein weiteres Treffen in Rom, mit Stramaccioni, seinen Anwälten, dem Botschafter Bajat. Der Gouverneur der iranischen Zentralbank setzte sich für die Entlohnung des Trainers ein. Hinterher postete Signore Stramaccioni eine Story auf Instagram: „Do your best and God will do the rest. #Comebackstrama” („Tue dein Bestes, Gott erledigt den Rest”). Vier blaue Herzen zierten die Fotos des Trainers und des Botschafters. Am Samstag, heißt es nun in Teheran, rechne man mit Stramaccionis Rückkehr.

*Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde am 20. Dezember 2019 aktualisiert mit Informationen zur Zeit Winfried Schäfers bei Esteghlal und den jüngsten Entwicklungen im Fall Stramaccioni.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
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