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Vor Spitzenspiel in Köln

Das große Nervenflattern beim HSV

Von Frank Heike, Hamburg
 - 17:07

Grundsätzlich ist Bernd Hoffmann ein zuversichtlicher Mensch. Für einen schnellen Scherz, einen flotten Spruch ist der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV immer zu haben. Die neun Jahre in der ersten Ära Hoffmann haben ihn gelehrt, dass man es im Berufsfußball mit guter Laune besser aushält. Es gibt aber Tage, da muss selbst Hoffmann nach Fassung ringen. Seit Februar 2018 ist der 56 Jahre alte Manager wieder in oberster Verantwortung beim HSV. Die Rahmendaten sind nun ganz andere als zwischen 2002 und 2011. Damals baute Hoffmann den HSV zu einem regelmäßigen Teilnehmer in Europas Wettbewerben um. Jetzt geht es nur noch um die kleinen Freuden: einen glücklichen Sieg in Sandhausen, drei erzitterte Punkte gegen Magdeburg. Oder einen Erfolg im Volksparkstadion gegen den SV Darmstadt 98.

2. Bundesliga
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2:0 führte der HSV am 16. März zur Halbzeit, eine knappe Woche nach dem triumphalen 4:0 beim FC St. Pauli. Die volle Ausbeute gegen die „Lilien“, und der HSV wäre dem Aufstieg ein sattes Stück näher gekommen. Doch daraus wurde nichts. Immer weiter wich die junge Mannschaft ohne ihren verletzten Anführer Aaron Hunt zurück. Sie bettelte am Ende geradezu um Gegentore, und die fielen auch. Darmstadt gewann 3:2.

Von einem dramatischen Rückschlag wird Hoffmann später sprechen. Für den Moment ist die gute Laune wie fortgeblasen. Er begreift nicht, was er da sieht. In Bielefeld, Regensburg, Heidenheim und Bochum, gegen Darmstadt und gegen Magdeburg: sechs Mal hatte der HSV in dieser Rückrunde die große Chance, die Verfolger weiter zu distanzieren. Weil auch die patzten wie Union Berlin am Freitagabend wieder (nur 2:2 gegen Regensburg), blieb die Möglichkeit Woche für Woche bestehen. Doch obwohl Trainer Hannes Wolfs Mannschaft oft das 1:0 schoss, schien die Last des Wiederaufstiegs so groß, dass die Knie weich wurden: In Hamburg hat vor dem Spitzenspiel an diesem Montag in Köln (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) das große Nervenflattern eingesetzt.

Niemand spricht mehr vom Dinosaurier

Seit dem Tiefpunkt am Montagabend beim 1:2 gegen den Aufsteiger aus Magdeburg hat auch Hoffmann ein Stück seiner Zuversicht verloren. Er hat in den Krisenmodus geschaltet. Aber anders als früher wird nicht der Trainer in Frage gestellt. 11 Spiele, 14 Punkte – eine schwache Bilanz in der zweiten Saisonhälfte. Wolf hat sich durch Aufstellungen, die nicht passten, und Wechsel, die nicht funktionierten, angreifbar gemacht. Die Gegner haben längst entschlüsselt, dass die Innenverteidiger David Bates und Rick van Drongelen schlechte Aufbauspieler sind. Zudem fehlt Hunt, der ihnen helfen könnte. Wer die Hamburger Zentralverteidigung aggressiv anläuft, hat planvolles Spiel meist schon unterbunden. Auch deswegen kommen vorn so wenig brauchbare Bälle an: 39 Tore haben die Hamburger bislang erzielt, das ist extrem wenig für einen Tabellenzweiten. Es gibt genug Ansätze, Wolf und seine Spieler in diesen Wochen zu kritisieren. Doch Hoffmann und Sportchef Ralf Becker wollen unbedingt mit ihm weitermachen. Zur Not auch in der zweiten Liga. Denn sie wollen endlich Stetigkeit.

Es ist selbst für langjährige Begleiter immer wieder überraschend, welche Wucht der HSV entwickeln kann. Fast 50.000 Zuschauer an einem Montagabend gegen Magdeburg. Tausende HSV-Fans beim Spiel in Bochum. Glückselige Anhänger nach dem Triumph im Derby. Träume vom Pokalfinale in Berlin – und der Europa League. Und genug Anleger, die die zweite Fan-Anleihe des HSV schon vor Ablauf der Frist gezeichnet haben: 17,5 Millionen Euro hat der Klub so eingesammelt. 5000 Anleger investierten zwischen 100 und 500.000 Euro. Es geht also weiter, irgendwie. Niemand spricht mehr vom Dinosaurier. Aber aussterben will dieser Traditionsverein einfach nicht.

Inmitten dieses Szenarios stehen Hoffmann, Becker, Wolf. Bemüht um nüchterne Analyse, geschlossen darin, das Chaos früherer Jahre zu beenden. Stetigkeit, Verlässlichkeit, sportliche Erfolge – so wäre es den dreien am liebsten. Doch der HSV wäre nicht der HSV, wären die „leichten“ Heimspiele gegen Darmstadt und Magdeburg gewonnen worden und man stünde mit 57 Punkten als Aufsteiger quasi fest.

Gerade im Volksparkstadion treten die Gegner besonders motiviert an. Und treffen auf HSV-Profis wie Bates, Narey, Jatta, Mangala oder Özkan. Alle jung, unerfahren und unter dem enormen Druck stehend, aufsteigen zu müssen. „Wir sind im letzten Saisondrittel“, hat Ralf Becker gesagt, „da muss man mental stabil sein.“ Aber auch den Erfahrenen meint man anzumerken, dass der jahrelange Stress des Abstiegskampfes in der Bundesliga Spuren hinterlassen hat. Sakai, Holtby, Lasogga, auch Hunt: stabil gut über die ganze Saison ist keiner von ihnen gewesen. Nur Linksverteidiger Douglas Santos reiht ein gutes Spiel ans nächste. Er soll verkauft werden und 15 Millionen Euro einbringen, ob Aufstieg oder nicht.

Je nach Ligen-Zugehörigkeit gelten auch Pollersbeck und van Drongelen als Erlöskandidaten. Holtby wird gehen, Lasogga wohl auch, Fiete Arp wechselt zum FC Bayern, Leihspieler Mangala kehrt nach Stuttgart zurück. Während Köln seine Erstliga-Mannschaft schon hat und nur hier und da Neue brauchen wird, ist beim HSV nur schemenhaft zu erkennen, wer in der Saison 2019/20 spielen soll, weil selbst im Aufstiegsfall kaum Geld da sein wird. Allein um dieses Thema dreht sich so viel. Bleibt der Hauptsponsor? Was macht Investor Kühne? Behält er die Namensrechte am Volksparkstadion? Auf dem Weg zur Lizenz für beide Ligen war die plazierte Fan-Anleihe ein wichtiger Schritt. Sie muss nun bis 2026 zurückbezahlt werden. Darüber hinaus hat Hoffmann die Berechtigung für beide Ligen versprochen. Bei der DFL hat auch niemand Interesse daran, dem HSV die Lizenz zu entziehen. Dieser Klub ist einfach viel zu unterhaltsam für alle, gleichgültig, ob man ihn mag oder nicht.

Quelle: F.A.S.
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