Homophobie im Fußball

Mr. Gay und seine Mission

Von Kevin Hanschke
26.01.2022
, 13:44
Will ein Zeichen für die Community setzen: Benjamin Näßler
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Als Jugendlicher musste sich Benjamin Näßler Beleidigungen anhören. Heute ist er einer der wichtigsten LGBTQ-Aktivisten im Fußball. Sein neuestes Projekt: Homosexualität bei der WM in Qatar erlauben.
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Als Benjamin Näßler mit 17 in einem Dorfverein in Bad Saulgau Fußball spielt, sind Sprüche wie „schwuler Pass“ oder „schwuler Ball“ auf dem Spielfeld ganz normale Umgangssprache. Immer wieder muss er sich solche Beleidigungen anhören, die im Trainingsalltag fallen. Für ihn persönlich sei das damals eine „unglaublich schwierige Situation“ gewesen, auch weil er leidenschaftlich gern Fußball spielt. „Am schlimmsten war es, wenn wir nach dem Training mit Bier angestoßen haben und dann der Spruch kam: ‚Absetzen, sonst gibt es schwule Kinder!‘ Da wusste ich, dort werde ich mich niemals outen“, sagt Näßler, heute 32 Jahre alt, der im Außendienst einer Versicherung arbeitet.

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Mittlerweile lebt er in Frankfurt und gehört zu den wichtigsten Aktivisten für LGBTQ-Rechte im Fußball. Noch immer betrachtet er die Lage von queeren Menschen in dem Sport als schwierig. „Es gibt kaum Vorbilder. Lange Zeit hat sich nichts getan“, sagt er. Doch Näßler hat sich von seinen Erfahrungen in dem Amateurverein nicht kleinkriegen lassen: Er gründete mehrere Initiativen und stellte eine Petition auf die Beine, die mittlerweile fast 40.000 Unterschriften hat.

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Zudem organisiert er queere Fußballturniere und arbeitete an Kampagnen für die Sichtbarkeit von Homosexuellen im Sport. In seiner Freizeit kickt er beim FVV, dem Frankfurter Volleyball Verein, einem der größten schwul-lesbischen Sportvereine in Europa. Im Dezember 2019 wird das erstmals gewürdigt. Hunderte Zuschauer bejubeln ihn bei seiner Ernennung zum „Mr. Gay Germany 2020“. Bei der bundesweiten Wahl, in der es insbesondere um das Engagement für die queere Gemeinschaft geht, hat er sich vor einer Jury gegen mehr als zweihundert Mitbewerber durchgesetzt, wegen seines Einsatzes gegen Homophobie im Fußball.

Debatte über WM in Qatar

Seine neuste Initiative setzt sich mit der Fußball-Weltmeisterschaft im Emirat Qatar auseinander. Er und die anderen Ehrenamtlichen fordern, dass die WM nur noch in Ländern ausgetragen wird, in denen die Menschenrechte gelten. „Deshalb kann ich auch nur bedingt verstehen, dass eine WM dorthin vergeben wurde. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Gesetzgebung zu Homosexualität in dem Staat besonders harsch ist“, sagt er. Deswegen hat er die Kampagne „Liebe kennt keine Pause“ initiiert.

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Die Idee dafür sei im Gespräch mit Bernd Reisig, dem ehemaligen Geschäftsführer und Präsidenten des FSV Frankfurt, entstanden. Beide wollten schon lang eine Initiative aufziehen, die auch den Blick auf die Homophobie bei internationalen Fußballturnieren wirft. Damit verbunden ist eine Unterschriftensammlung, die bis zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft im Dezember mehr als 100.000 Unterschriften umfassen soll und die Politik und Verbände auffordert, eine Debatte über die LGBTQ- und Menschenrechte in Qatar anzustoßen.

Benjamin Näßler ist der Mr. Gay 2020.
Benjamin Näßler ist der Mr. Gay 2020. Bild: Patrick Dähmlow

„Wir möchten besonders den Deutschen Fußball-Bund dazu bringen, unser Anliegen zu transportieren und sich für eine diverse Sportwelt einzusetzen.“ Der Titel der Kampagne entstand nach „einer langen Reflexionszeit“ und geht auf eine Aussage Joseph Blatters zurück, dem ehemaligen Chef des Fußball-Weltverbandes FIFA. Der hatte 2010 für Empörung gesorgt, als er homosexuellen Fußballfans empfahl, bei einer Teilnahme in Qatar auf Sex zu verzichten.

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Später bat der Schweizer für diese Äußerung um Entschuldigung. Näßler, der selbst verheiratet ist, sei durch die Aussage „noch motivierter gewesen, sich zu positionieren“. So gründete er die Kampagne, „um ein Zeichen für die Community weltweit zu setzen“. Dies sei auch immer noch dringend notwendig, sagt er. Denn die Lage in Qatar ist schwierig.

„Dialog ist ein zentrales Mittel“

Auf gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern steht in dem Emirat bis zu drei Jahren Haft. Zudem soll Homosexualität laut der Regierung während der WM nicht gezeigt werden dürfen. Der Cheforganisator der Fußball-WM 2022 Hassan Al Thawadi hat Besucher dazu aufgefordert, auf die Kultur des islamischen Landes Rücksicht zu nehmen. „Es gehört nicht zu unserer Kultur, öffentlich Zuneigung zu zeigen, unabhängig von der sexuellen Orientierung“, sagte er 2019. Näßler sieht das als „fatales Signal“ gegenüber queeren Menschen.

Durch ein Fußballturnier, das die Kampagne gerade in Ergänzung zur Petition organisiert, soll der Forderung, dass während der WM in Qatar Homosexualität erlaubt ist und nicht diskriminiert werden darf, Nachdruck verliehen werden. Einen Boykott oder eine Absage der WM sieht er jedoch kritisch. „Dialog ist ein zentrales Mittel, diese Fragen auf die Tagesordnung zu bringen.“ Ausgrenzung bringe seiner Meinung nach keinen Fortschritt.

Die Debatte rund um die Beleuchtung der Allianz Arena bei der Europameisterschaft verlieh der Initiative große Aufmerksamkeit.
Die Debatte rund um die Beleuchtung der Allianz Arena bei der Europameisterschaft verlieh der Initiative große Aufmerksamkeit. Bild: picture alliance / augenklick/SvenSimon/ Pool / via

„Man muss zum Dialog einladen und mitnehmen“, sagt er. Prinzipiell finde er es gut, dass die WM auch in nicht-westlichen Ländern stattfinde. Die FIFA müsse nur klare Bedingungen definieren, „die auch rechtsverbindlich sind“. Er wünsche sich dafür mehr Engagement vonseiten der Politik und den Sportverbänden. „Der Sport ist vielfältig. Und überall auf der Welt gibt es Jungs und Mädchen, die mit der Homophobie in Vereinen und im Sport zu kämpfen haben. Das sollte nicht mehr so sein.“

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Auch in Deutschland gebe es noch viele Baustellen, weswegen sich die Initiative ebenfalls nach innen richtet. „Viele Spieler haben zu viel Scham und Angst, sich zu öffnen.“ Näßler glaubt, dass ein Outing wie das von Thomas Hitzlsperger viel anstoße, aber das nicht ausreiche, „breite Akzeptanz“ herzustellen. Dennoch freut er sich darüber, dass es mittlerweile Diversitätsbeauftragte im DFB und vielen Vereinen gebe. „Doch es muss noch mehr Aufmerksamkeit geschaffen werden.“

Forderung an den DFB

Als ein Problem sieht er zudem, dass es für homophobe Beleidigungen im Stadion und auf dem Fußballplatz kaum Strafen gibt. „Nicht nur rassistische, auch homophobe Äußerungen sollten konsequent bestraft werden“, sagt er. Seine Meinung nach müsste das auch in der Schiedsrichter- und Trainerausbildung verankert werden. „Da haben wir Nachholbedarf.“ Zudem fordert er eine Garantie und Statuten des DFB bei einem Outing.

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„Der DFB sollte sicherstellen, dass Spieler, die sich outen, anschließend keine Karrierekonsequenzen zu befürchten haben.“ Hier seien vertragliche Verpflichtungen notwendig, „zum Schutz vor Diskriminierung und Ausgrenzung“. Noch gebe es solche Absicherungsmechanismen nicht, die allerdings für eine „offene Kultur“ wichtig seien, sagt er.

Als es bei der Europameisterschaft darum ging, dass beim Spiel Deutschland gegen Ungarn das Münchener Stadion in den Regenbogenfarben beleuchtet werden sollte und darum eine intensive Debatte ausbrach, „generierte unserer Petition in nur fünf Tagen mehr als 1000 Unterschriften“, erinnert sich Näßler. Dadurch sei dann auch der Deutsche Fußball-Bund und die Politik auf die Kampagne aufmerksam geworden.

Seitdem sind unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn, der Oberbürgermeister Frankfurts Peter Feldmann und der Sänger Vincent Gross Botschafter der Kampagne und haben in Videostatements auf der Website und der Instagram-Seite ihre Unterstützung ausgesprochen. Olaf Scholz hat er schon im vergangenen Jahr, vor der Bundestagswahl, getroffen und ein Video mit ihm aufgenommen, in dem er sich zu den mangelnden LGBTQ-Rechten, aber auch dem Umgang mit Arbeitern auf den Stadionbaustellen und dem Frauenbild in dem Land äußert. Das sei ein erster Baustein.

Am 17. Mai soll zudem die Eröffnung des Fußballturniers der Initiative im Frankfurter Römer stattfinden. Die ersten Spiele sind für den 28. Mai angesetzt. Schon jetzt haben sich mehr als sechszehn Mannschaften angekündigt. „Corona macht uns hoffentlich keinen Strich durch die Rechnung“, sagt Näßler. Geplant sei es auch, den Austausch mit anderen Städten auf der Welt zur Thematik LGBTQ und Sport zu verstärken. „Wir führen gerade Gespräche dazu.

Die großen Metropolen sind der Motor dieser Entwicklung“. Näßler selbst will sich weiterhin von Frankfurt aus dafür einsetzen. Die nächste Projekte sind die CSDs im Sommer und eine Tour durch die deutschen Sportvereine, wo die Kampagne bundesweit präsentiert werden soll.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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