Horst Eckel

Der letzte Weltmeister von 1954 ist tot

Von Roland Zorn
03.12.2021
, 14:02
Horst Eckel (1932-2021)
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Er war der jüngste Spieler der „Helden von Bern“, die den ersten Fußball-WM-Titel für Deutschland gewannen. Doch der große Erfolg veränderte sein Leben nicht nachhaltig. Nun ist Horst Eckel gestorben.
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1954 war er so etwas wie der Wunderknabe, als ein deutsches Märchen wahr wurde. Horst Eckel, mit 22 Jahren der jüngste Spieler der ersten von vier deutschen Weltmeistermannschaften, war in der Geburtsstunde der „Helden von Bern“ wie in fast allen seiner 32 Länderspielen so etwas wie der typische Dienstleister und Anpacker einer Nachkriegsgeneration, die aus den materiellen und seelischen Trümmern, die die menschenverachtende Hitler-Diktatur hinterlassen hatte, den Weg heraus ins Licht der Welt suchte und fand.

Horst Eckel (rechts) feiert mit Kapitän Fritz Walter den WM-Sieg in Bern.
Horst Eckel (rechts) feiert mit Kapitän Fritz Walter den WM-Sieg in Bern. Bild: dpa

Mit dem 3:2-Sieg über die zuvor über fast vier Jahre unbesiegten Ungarn am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion verpflanzten unter der Regie von Trainer Sepp Herberger und Kapitän Fritz Walter Toni Turek, Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Jupp Posipal, Karl Mai, Max Morlock, Helmut Rahn, Ottmar Walter, Hans Schäfer und eben der rechte Läufer Horst Eckel einen Mythos für die Ewigkeit.

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Danach hieß es in der jungdemokratischen Bundesrepublik Deutschland, als wäre der an eine Sensation grenzende Triumph viel mehr als nur ein sportliches Glanzlicht, „wir sind Weltmeister“. Jener Sonntag, der im verregneten Bern wie ein nationaler Mutmacher auf der Suche nach einer Wir-sind-wieder-Wer-Sehnsucht verstanden wurde, weckte auch in der sozialistisch verankerten DDR so etwas wie eine verhohlene gesamtdeutsche Freude, die die Deutschen über die neuen Grenzlinien hinweg verband.

Der Pfälzer Eckel, geboren in Vogelbach, heute ein Ortsteil der Gemeinde Bruchmühlbach-Miesau, spielte seinerzeit gemeinsam mit den stürmischen Walter-Brüdern und den Abwehrkräften Kohlmeyer und Liebrich für den ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern, mit dem der unermüdliche Fußballarbeiter 1951 und 1953 deutscher Meister wurde. In diesen Jahren wuchs der frühere Mittelstürmer, der 1949 von seinem Heimatverein SC Vogelbach zum FCK wechselte, zum Chefadjutanten des großen, feinfühligen Spielmachers Fritz Walter, der für Eckel zu einer Art Vaterfigur werden sollte.

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„Wir sind so geblieben wie wir waren“

Der „Große Fritz“ bestärkte den noch unfertigen Dauerläufer, den sie später „Windhund“ nannten, nach dessen eher missglücktem Debüt in der ersten Mannschaft der Lauterer bei einem 1:1 im Oberligaspiel gegen Phönix Ludwigshafen, bloß nicht aufzugeben und nach Vogelbach zurückzukehren. „Du bleibst hier, du trainierst weiter mit uns, und du spielst mit uns“, lautete der Befehl des sonst nicht so kategorischen besten deutschen Fußballspielers seiner Zeit.

Also blieb der loyale Eckel und entwickelte sich zum Nationalspieler. Am 9. November 1952 bestritt er beim 5:1-Sieg über die Schweiz seine Premiere für die Eliteauswahl des Deutschen Fußball-Bundes. Es folgten weitere 31 Länderspiele unter Herbergers Leitung inklusive der zweiten WM-Teilnahme 1958 in Schweden. Ein Tor schoss er dabei nie, und das war auch nicht verwunderlich bei einem wie ihm, der sein Leben lang fleißig blieb und bei der Weltmeisterschaft 1954 auf herausragende Art und Weise Spezialaufträge zu erfüllen pflegte.

Horst Eckel und seiner Ehefrau Hannelore (Bild von 2013)
Horst Eckel und seiner Ehefrau Hannelore (Bild von 2013) Bild: dpa

Dass er im Endspiel gegen die Ungarn die Wege des wendigen ungarischen Mittelstürmers Nandor Hidegkuti, der aus der Tiefe des Raumes seine Tore oft selbst vorbereitete, derart einengte, dass dieser Angreifer nicht zum X-Faktor im Angriffszentrum des deutschen Endspielgegners werden konnte, war ein Schlüssel zum 3:2-Sieg, den die Treffer von Morlock (10. Minute) und Rahn (18./84.) möglich machten. Ehe Rahn „aus dem Hintergrund“ das 3:2 mit einem wuchtigen Linksschuss ins linke Toreck erzielen konnte, hatte Eckel, die Verlässlichkeit in Person, ganze Arbeit geleistet.

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Einer, der sich nie in den Vordergrund gedrängt hat, symbolisierte die Elf-Freunde-These, die für die Weltmeister von 1954 ein Leben lang galt. Dass Eckel, der neben Fritz Walter alle sechs WM-Spiele in der Schweiz bestritt, als letzter Teilhaber das „Wunder von Bern“ auf eine etwas spröde Art beglaubigte, passte zu der Bescheidenheit, mit der die Überraschungsweltmeister ihren Erfolg ohne den heutzutage manchmal überinszenierten Überschwang der Gefühle feierten.

Demütig, wie sie zusammen dastanden mit Fritz Walter vorneweg, der sich verbeugte, als er den Jules-Rimet-Weltmeisterpokal überreicht bekam, spürte das globale Publikum, dass sich diese ersten deutschen Fußballweltmeister gern in die Pflicht nahmen, neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bloß nicht in triumphalistischen Jubel auszubrechen. Er hätte im Übrigen auch nicht zu Spielern wie Horst Eckel, Fritz Walter oder Max Morlock gepasst. Männer, die die düstersten Tage der deutschen Geschichte miterlebt hatten.

Regie für die Feier danach führte wie während des Spiels Herberger, der seinen Gefühlen auch in diesem Moment am Gipfel der eigenen Karriere keinen freien Lauf ließ. Einige Spieler hoben ihren „Chef“ im regendurchtränkten Trenchcoat zwar kurz auf ihre Schultern, doch das war auch schon die einzige dezente Jubelgeste, die sich die Deutschen erlaubten.

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Und wie war es danach in der Kabine? Zeitzeuge Eckel klärte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gerne auf: „Der Chef hat sich kurz bei uns bedankt.“ Große Taten, knappes Lob, so war das damals, als kaum ein deutscher Fan die Straßen in der Schweiz säumte, als der neue Weltmeister eine Stunde nach der Siegerehrung zurück in sein Mannschaftshotel in Spiez fuhr, wo abends ein Bankett den geschichtsträchtigen Tag abrundete. Schon kurz vor Mitternacht legten sich die müden Helden schlafen, ehe sie tags darauf bei ihrer Bahnreise zurück nach Deutschland erstmals spürten, dass sie ein Stück nationale Geschichte geschrieben hatten.

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Wenn Weltmeister sich erinnern
„Als Deutsche sollten wir nicht übermäßig jubeln“

Das hieß aber nicht, dass sich Horst Eckels Leben nachhaltig verändert hätte. Er, der ein Leben lang an sich arbeitete und ein Leben lang Sport trieb, ob auf dem Fußball- oder Tennisplatz oder an der Tischtennisplatte, bildete sich weiter: vom Werkzeugmacher zum Realschullehrer in den Fächern Kunst und Sport. Er blieb bis ans Ende seiner Tage in Vogelbach, seinem Heimatort, wohnen und trug das Vermächtnis der 54er-Weltmeister so oft und so gut es ging unter die Menschen.

„Wir sind so geblieben wie wir waren“, hat Eckel einmal über seine Bodenständigkeit gesagt, „das Leben ging ja weiter.“ Bis zu diesem Freitag, als der Weltmeister aus dem defensiven Mittelfeld mit der für Arbeit par excellence stehenden Rückennummer 6 im Alter von 89 Jahren starb. Erst vor wenigen Tagen war er in die Hall Fame des deutschen Fußballs aufgenommen worden. Es war die letzte Ehrung für einen besonderen Spieler und Menschen.

Die elf Spieler beim „Wunder von Bern“ 1954

In Horst Eckel ist nun auch der letzte Fußball-Weltmeister von 1954 gestorben. Die deutsche Endspiel-Elf von Bern hatte genau elf Helden – Auswechslungen gab es damals noch nicht. Eckel war beim 3:2-Sieg +ber Ungarn mit 22 Jahren der Jüngste in der Mannschaft des legendären Trainers Sepp Herberger.

Toni Turek (Fortuna Düsseldorf/1919 - 1984)
Jupp Posipal (Hamburger SV/1927 - 1997)
Werner Liebrich (1. FC Kaiserslautern/1927 - 1995)
Werner Kohlmeyer (1. FC Kaiserslautern/1924 - 1974)
Horst Eckel (1. FC Kaiserslautern/1932 - 2021)
Karl Mai (SpVgg Fürth/1928 - 1993)
Max Morlock (1. FC Nürnberg/1925 - 1994)
Fritz Walter (1. FC Kaiserslautern/1920 - 2002)
Helmut Rahn (Rot-Weiss Essen/1929 - 2003)
Ottmar Walter (1. FC Kaiserslautern/1924 - 2013)
Hans Schäfer (1. FC Köln/1927 - 2017)

Kapitän: Fritz Walter

Trainer: Sepp Herberger (Mannheim, 1897 - 1977)

Zum 22er-Kader zählten außerdem: Heinz Kwiatkowski (Borussia Dortmund), Heinz Kubsch (FK Pirmasens), Fritz Laband (Hamburger SV), Hans Bauer (FC Bayern München), Herbert Erhard (SpVgg Fürth), Paul Mebus (1. FC Köln), Karl-Heinz Metzner (Hessen Kassel), Bernhard Klodt (Schalke 04), Richard Herrmann (FSV Frankfurt), Ulrich Biesinger (BC Augsburg) und Alfred Pfaff (Eintracht Frankfurt).

Von Meister Hannover 96 war kein Spieler dabei – Herberger hatte seine Mannschaft drei Wochen vor dem Endspiel um den deutschen Titel nominiert, das die Niedersachsen mit 5:1 gegen Kaiserslautern gewannen.

Quelle: F.A.Z.
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