Fußball-Talentreport (2)

„Trainer sind zu wenig geschult“

Von Michael Horeni
25.03.2015
, 13:19
Seit August 2014 Direktor Sport beim HSV: Bernhard Peters
Früher Hockey-Trainer, heute Fußball-Funktionär: Bernhard Peters spricht im FAZ.NET-Interview über die Entwicklung von Persönlichkeiten und mangelhafte Nachwuchsarbeit in der Bundesliga.
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Von 1986 bis 2006 machte Bernhard Peters als Trainer beim Deutschen Hockey-Bund auf sich aufmerksam, darunter Titel mit dem Herrenteam bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Bei der TSG Hoffenheim betreute er die Sport- und Nachwuchsförderung, bevor er im August 2014 zum Hamburger SV wechselte. Als „Direktor Sport“ zeichnet er dort für die Bereiche Jugend, Nachwuchs und Koordination verantwortlich.

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Einige Bundesligavereine beschweren sich darüber, dass sich die besten Jugendspieler auf immer weniger finanzstarke Klubs verteilen. Entscheidet nur noch das Geld?

Die begehrten Vereine haben auch einen guten und klaren Plan. Sie holen Bewegungstalente mit 14, 15 oder 16 Jahren zu sich – manchmal auch früher, zu früh –, um sie dann durch qualitätvolle Trainings- und Entwicklungsarbeit so stark zu machen, dass sie sich im Wert steigern. Diese Klubs gehen selbstbewusst davon aus, dass sie starke Trainer und Experten haben, die diese Jugendlichen sehr gut und effizient für den Profibereich entwickeln. Und sie gehen davon aus, dass sich daraus eine Wertsteigerung ergibt, so dass sie damit ihre Arbeit finanzieren können. Das ist ökonomisch kluges Arbeiten.

Warum, weil’s Geld spart?

Weil man Jugendspieler bis hin zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung in allen Bereichen so formen kann, wie man sich das für die Identität eines Vereins vorstellt. Zunächst kostet das! Diese Jungs sind belastbarer, formbarer, gieriger. Wenn ich es gut mache, kann ich einem Klub damit eine Identität geben. So wie beispielsweise Leverkusen, Barcelona oder auch Freiburg und Mainz es gemacht haben.

Vorbild Leverkusen: Die A-Junioren bei einer Bundesliga-Partie der Staffel West
Vorbild Leverkusen: Die A-Junioren bei einer Bundesliga-Partie der Staffel West Bild: Imago

Und mit Finanzkraft soll das nichts zu tun haben?

Der FC Bayern als einer der reichsten Vereine der Welt hängt in dieser Beziehung hinterher. Aber das Defizit haben sie erkannt. Jetzt wollen die Bayern die einzige Baustelle, die sie noch haben, mit absoluter Power schließen. Der Hamburger SV macht seine Ausbildungsarbeit auch noch nicht so gut wie beispielsweise Leverkusen, Hoffenheim oder Mainz. Da bin ich sehr selbstkritisch. Spieler, Eltern und Berater wissen nämlich sehr genau, welche Vereine ein durchdachtes Konzept haben, eine gute und zielgerichtete Ausbildung. Das ist ein Qualitätsmerkmal. Es ist klar, dass wir das jetzt auch beim HSV mit Nachdruck anstreben.

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Es heißt, rund 50 Prozent der Spieler, die mit 13 Jahren in Bundesligaklubs spielen, blieben dort bis zur Schwelle zum Profifußball. Und all diese Jungs kennen sich untereinander und sind über die Qualitäten der Klubs genau im Bild.

So ist es. Die Jungs sehen sich immer wieder auf großen Turnieren oder in den DFB-Auswahlmannschaften. Die sprechen ständig miteinander. Spieler, Eltern und Berater bilden sich ihre Urteile. Ein qualitätvolles Ausbildungskonzept spricht sich dann auch rum. Ich weiß definitiv, dass kluge Eltern und Berater darauf schauen, wo die Durchlässigkeit und die Durchgangszahlen hoch sind, wo das Konzept schlüssig ist in der dualen Ausbildung - bei Fußball und Birne, wie ich immer sage.

Was folgt daraus?

Wenn man als Verein einmal im richtigen Fahrwasser ist und sich eine entsprechende Reputation mit einem Nachwuchsleistungszentrum erarbeitet hat, dann bekommt man immer wieder Anfragen, dass talentierte Spieler unbedingt dort spielen wollen. Das habe ich in Hoffenheim erlebt - und das ist nichts Verwerfliches.

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Und die größte Schwäche in der Nachwuchsarbeit ist der Übergang in den Profibereich?

Das ist eindeutig die größte Problematik und Herausforderung. Aber das ist nach Vereinen unterschiedlich. Bei einem Klub wie dem FC Bayern, der eine wichtige Rolle in der Champions League spielt, sind die Übergänge über eine U 19 oder eine viertklassige U 23 brutal schwer. Nur absolute Top-Performer schaffen den Übergang. Man muss sicher bei der U 19 zu den fünf Top-Nachwuchsspielern auf der Welt gehören, um direkt den Sprung in den Kader von Guardiola zu schaffen.

Aber Bayern ist nicht überall.

Natürlich nicht. Ich sehe drei Gründe für die Probleme beim Übergang. Erstens: Die Spanne zwischen der Weltklasseleistung der Bayern bei den Profis und der Nachwuchsarbeit ist noch zu groß. Zweitens: ökonomische Gründe. Einige Vereine haben es nicht nötig, konsequent auf Nachwuchs zu setzen. Sie verfügen über ein sehr hohes Budget bei den Profis und haben dadurch nicht den absoluten Druck, aus dem Jugendbereich jedes Jahr zwei Talente zu entwickeln - selbst wenn das der ökonomischere Weg ist, als einen Spieler für zehn Millionen kaufen zu müssen. Drittens: Es fehlt leider im Profifußball oft an der Fähigkeit, emotionale Bindung, Vertrauen und Transparenz durch gute Kommunikation gegenüber jungen Spielern zu schaffen.

Was meinen Sie damit?

Es ist so schwierig für die Jungs, in den Profibereich vorzustoßen, weil die Übergänge nicht harmonisch genug sind. Absolute Top-Perfomer werden es zwar schaffen, direkt einen Kaderplatz im Profibereich zu bekommen. Aber die Jungs, die mit 18 Jahren noch nicht top durchentwickelt sind, brauchen noch ein oder zwei Jahre. Da darf die Entwicklungsarbeit nicht aufhören, sondern muss in der U 23 weitergehen. Die Strukturen sind zwar schon gut im deutschen Fußball. Aber es fehlt noch an den „soft skills“. Es muss eine absolute Vertrauensperson da sein für die Brückenspieler. Brückenspieler sind Jungs aus der A-Jugend, die bei der U 23 mittrainieren oder spielen dürfen und manchmal bei den Profis mittrainieren. Aber die wissen oft gar nicht mehr, wo ihre sportliche Heimat ist. Da brauche ich eine Person im Klub, die die gesamte Entwicklung sowohl in der sportlichen als auch in der Persönlichkeitsentwicklung vertrauensvoll steuert. So, dass die Jungs eine echte emotionale Bindung aufbauen können. Das müssen die meisten Klubs noch besser machen. Es fehlt noch an Fußballfachleuten, die auch pädagogisch viel draufhaben.

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Wir hören immer wieder, dass junge Spieler mit 17, 18 Jahren mal bei den Profis reinschnuppern dürfen, dann aber wieder kommentarlos zurückversetzt werden.

Das kommt häufig vor. Im Fußball wird den Jungs viel zu wenig transparent erklärt, wo sie wirklich stehen. Das liegt auch daran, weil die Trainer zu wenig geschult sind, emotionale Bindung aufzubauen und die Entwicklung der Jungs kommunikativ vertrauensvoll zu begleiten. Der Trainer als Coach, der Trainer als Führungsvorbild – das wird in Deutschland deutlich zu wenig ausgebildet. Das kann man ihnen gar nicht vorwerfen. Sie werden auf viel Fachliches konditioniert – und wenn es einer der Spieler nicht schafft, kommt eben der nächste.

Man behandelt die Jungs wie gestandene Profis, obwohl es sich um Jugendliche handelt, die erst noch Profis werden wollen?

Es passiert immer wieder, dass Talente in einem Verein kurzfristig zu den Profis hochgeputscht werden. Aber dann erkennt man, dass es in dem Tempo doch nicht geht. Dann heißt es: Du spielst wieder U 19, ohne dem Jungen zu erklären, wo seine Perspektiven sind und wo seine Defizite liegen. Ein Junge in diesem Alter kann das von der Psyche gar nicht aushalten, wenn mit ihm nicht darüber gesprochen wird. So sollten wir mit jungen Menschen nicht umgehen. Im Fußball interessiert der Einzelne leider zu wenig.

Sie halten die Nachwuchsarbeit in Deutschland für schlechter als ihren Ruf?

Sagen wir mal so: Ich bin da grundsätzlich kritischer und auch selbstkritischer. Auf die ständige Schönsprecherei, wie toll das alles ist, muss man sich nicht zu viel einbilden. Denn wir haben nun mal sehr viele gute Spieler aus einem riesigen Reservoir. Und da ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie viele starke Talente in der Bundesliga und der Nationalelf ankommen, wenn sie in den Nachwuchszentren ganz gut ausgebildet werden.

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Seit vielen Jahren beklagt der Bundestrainer, dass es keine gut ausgebildeten Außenverteidiger oder Stürmer gibt. Woran liegt das?

Weil zu oft alle das Gleiche trainieren. Es gibt zu wenig differenziertes Positionstraining in den spezifischen Räumen der Position. Zunächst müssen die richtigen Spieler für die richtigen Positionen ausgewählt werden. Das machen die Trainer und die Leistungszentren gut. Aber dann darf nicht jeder Spieler trainingsmäßig mehr oder weniger über den gleichen Kamm geschoren werden. Es muss ein individuelles Technik- und taktisches Positionstraining hinzukommen. Wenn ich weiß, dass ich bei den Außenverteidigern Probleme habe, dann muss ich mit 15, 16, 17 Jahren intensiv daran arbeiten. Vorher muss man die Spieler aber sehr variabel ausbilden. Auch das geschieht zu wenig. Die Spieler werden zu früh auf eine Position festgelegt.

Wie viele Vereine in der Bundesliga machen in Ihrem Sinne gute Nachwuchsarbeit?

Sieben oder acht.

Was haben Sie beim HSV vorgefunden?

Eine Arbeit, die im Tiefgang einfach nicht ausreichend war. An der Oberfläche war alles einigermaßen gut, aber in ganz wenigen Prozessen ausreichend differenziert: ob im athletischen, fußballspezifischen, positionsspezifischen, schulischen oder mentalen Bereich. Auch nicht in der dualen Ausbildung. Der HSV hat gute Mitarbeiter in vielen Bereichen, aber das muss in eine einheitliche Richtung geführt, viel besser und differenzierter geführt werden. Das Lernen muss anders stattfinden. Andere Vereine und Leistungszentren sind Jahre weiter.

Wie gehen Sie die Arbeit beim HSV an?

Wir drehen an jeder Schraube. Wir schaffen die Teams unter elf Jahren ab und setzen auf ein viel breiter angelegtes Talentkonzept mit Kinderperspektivteams. Talentprognosen sind in diesem Alter eher nicht machbar. Wir wollen vor allem die Qualität der Trainer und Experten, die mit Kindern, dann die mit Jugendspielern trainieren, steigern. Das ist in vielen Bereichen ein totaler Paradigmenwechsel. Aber das dauert.

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Wie lange?

Fünf Jahre. Aber ich bin überzeugt, dass es funktioniert. Erst haben wir es im Team beim Hockey bewiesen, dann in Hoffenheim – und jetzt wollen wir es beim HSV beweisen. Wir wollen jetzt hier einen Campus am Volksparkstadion bauen für alle Nachwuchsmannschaften. Dann können wir eine Durchlässigkeit auch räumlich leben.

Welche Entwicklung erwarten Sie in der Nachwuchsarbeit?

Vereine, die einen guten Plan haben, werden immer differenzierter arbeiten – und zwar mit immer besseren und auch besser bezahlten Experten und weitergehenden Konzepten. Auch die sportliche Infrastruktur wird sich weiter verbessern. Aus der Masse der geförderten Spieler werden dann noch mehr Spieler in der Spitze der Pyramide ankommen. Das wird unweigerlich so sein – und das ist auch der richtige Weg.

Manche Klubs haben ihre U 23 abgeschafft ein Fehler?

Es gibt verschiedene Wege. Aber glauben Sie, dass so eine U 19 noch mit Motivation als Team funktioniert? Das geht nicht. Ich würde immer eine homogene Ausbildungsarbeit wählen, wie Mainz sie mit seiner Jugendarbeit bis zur U 23 in der dritten Liga macht. Dann behält man den Einfluss auf seine Spieler. Und man hat ja auch eine große Verantwortung für die Jungs. Man kann nach der U 19 doch nicht sagen: „Es ist mir egal, wo du jetzt bleibst.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
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