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HSV-Trainer Hecking

Alles hört auf sein Kommando

Von Frank Heike, Hamburg
 - 17:52
Er wirkt altmodisch, aber alles hört auf sein Kommando: Trainer Dieter Hecking beim HSVzur Bildergalerie

Stimmt, es ist nur die zweite Liga. Aber der aktuelle Jahrgang des Hamburger Sportvereins hat die bislang beste Tordifferenz seit 1963. Damals, als der Bundesliga-Fußball zu Uwe Seelers Zeiten laufen lernte, stand der HSV nach neun Spieltagen sogar bei plus 16 Toren. Im Oktober 2019 sind es 21:7 Treffer. Und dass es nicht noch ein paar mehr auf der Haben-Seite sind, ärgert Dieter Hecking: „Gegen Aue war ich nicht einverstanden, nach 65 Minuten Gas rauszunehmen.“

4:0 hatte seine Mannschaft das Team aus dem Erzgebirge vor vier Wochen besiegt und sich dabei in der letzten halben Stunde ausgeruht. Sehr zum Verdruss des Trainers. „Ich lege Wert darauf, dass die Null steht“, sagt Hecking, „aber wir haben immer die Option, Tore zu machen. Das sollten wir auch tun, wenn ich an die abgelaufene Saison denke.“

„Wir spielen attraktiven Fußball“

Hecking ist clever. Mit solchen Sätzen erinnert er an die Spielzeit 2018/19, als es dem HSV misslang, über deutliche Siege Sicherheit zu bekommen. Die Hamburger trafen kaum öfter, als sie Tore kassierten. Immer wieder lässt der Coach diese Vergleiche nachhallen; sie sollen zeigen, wo der HSV herkommt, wie enttäuschend die Vorsaison war. Bekanntlich ohne Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt.

So werden die Unterschiede zwischen dem Alten, Frustrierenden und dem Neuen, Erfreulichen noch deutlicher. Und erfreulich ist die Zwischenbilanz nach einem guten Viertel der Saison. Hecking sagt: „Wir haben die meisten Tore geschossen, die wenigsten Gegentreffer kassiert. Wir spielen attraktiven Fußball. Ich bin mehr als zufrieden.“ Er wollte die Länderspielpause genießen. „Danach kommen die Spiele, in denen wir auf Herz und Nieren geprüft werden.“ So wie an diesem Montag gegen Arminia Bielefeld (20.30 Uhr/F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Fußball-Bundesliga).

Dieter Hecking schaut altmodisch auf den Fußball. In der Sprache, in der Sichtweise, in der täglichen Arbeit, in der er gemeinsam mit dem erfahrenen Dirk Bremser und mit dem vergleichsweise jungen Tobias Schweinsteiger ein ganz anderes Maß an Autorität besitzt als etwa die Vorgänger Hannes Wolf oder Christian Titz. Vielleicht konnte Hecking in Mönchengladbach tatsächlich nicht mehr alle sichtbaren und verborgenen Möglichkeiten der Borussia ausschöpfen. Dem chronisch aufgeregten HSV tut er als natürliche Respektsperson gut, weil es hier mehr als an anderen Standorten darauf ankommt, Erwartungen zu bremsen, Fehlentwicklungen zu erkennen, Bequemlichkeiten zu minimieren, Diskussionen zu versachlichen.

Mit all seiner Erfahrung hat der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer das in seinen ersten Monaten schon alles vorweisen müssen. In der Sache Bakery Jatta hat er nicht mehr als nötig, aber stets das aus seiner Sicht Richtige gesagt. Nach dem 0:2 im Derby hat er dem FC St. Pauli zum verdienten Sieg gratuliert und vorausgesagt, dass der HSV noch weitere Spiele verlieren werde. Und nach dem überzeugenden 2:0 gegen Greuther Fürth, lobte er den umstrittenen Torwart Daniel Heuer Fernandes.

Der stabile Eindruck, den der HSV gerade erweckt, basiert vor allem auf Heckings Führungsqualitäten. Nach dem sechsten Saisonsieg sagte Hecking von sich aus, der HSV sei ein Verein aus der zweiten Liga, der zurzeit an der Spitze stehe. Auch diese Botschaft war klar adressiert: Nicht abheben, liebe Fans und Freunde! Wir haben einen Namen, aber wir spielen in der zweiten Liga! Es ist erst wenig erreicht, und im Falle des Aufstiegs zeigen beinahe alle Beispiele der vergangenen Jahre, wie schwer es ist, in der Bundesliga dann mehr zu erreichen als den Klassenverbleib.

Trotzdem. Ein Anfang ist da. Weil es einfach einen Unterschied macht, ob ein Dieter Hecking etwas fordert oder ein Wolf oder Titz. In der Vorbereitung sprach Hecking unbeirrt davon, dass der Kader noch verstärkt werden müsse. Dabei wirkte die Gruppe schon komplett. Trotzdem kamen noch Spieler hinzu, Martin Harnik etwa. Gerade im Mittelfeld hat Hecking nun sehr viele Alternativen. „Wir sind in der Breite sehr gut besetzt“, sagt er, „es kommt viel Qualität von der Bank. Das wird uns in den kommenden Monaten helfen, wenn mal zwei, drei Leute ausfallen.“ Ende Oktober, wenn nach der Partie in Bielefeld auch die gegen Stuttgart in Pokal und Liga bestritten sind, wird die erste Zwischenrechnung unter dem neuen Trainer noch aussagekräftiger sein. Auch für Tiefschläge in Form von Niederlagen wirkt Hecking gewappnet.

Hecking, Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel haben Profis mit Erfahrungen in der zweiten Liga geholt; und es sind nicht zufällig Tim Leibold, Sonny Kittel und Lukas Hinterseer, die zu den Gewinnern der ersten Monate gehören. Vom „alten“ und so enttäuschenden HSV ist nach dem Abgang Lasoggas und Holtbys nur noch Hunt da. Der Umbruch war groß; allein 22 Spieler verließen den Verein. Tatsächlich scheint nun ein neuer Teamgeist zu wachsen. Es passt aber zu Hecking, dass er auf ebendiesen Hunt setzt, wie er auch Hinterseer und Kittel auffällig stützt: Ohne Erfahrung geht es nicht. Trotzdem finden junge Profis wie Fein und Vagnoman ihren Platz.

Hecking imponiert seinen Vorgesetzten: Hier scheint einer wie der Fels in der Brandung zu stehen. Das gefällt Vorstandschef Bernd Hoffmann. Und es gefällt auch Hecking. Denn das, was er sich nach 13 Jahren in der Bundesliga gewünscht hat – Selbstverwirklichung – findet er hier: Alles hört auf sein Kommando. Selbst, wenn es nur die zweite Liga ist.

Quelle: F.A.Z.
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