WM-2006-Affäre

Der Deutsche Fußball-Bund als Black Box

Von Michael Horeni
19.09.2016
, 13:02
Schau’n mer mal weg: Im Fall Beckenbauer regiert beim DFB eisernes Schweigen. Auch das Freshfields-Gutachten wird immer mehr zu einer öffentlichkeitswirksamen Beruhigungspille. Eine Anklage.

Es war der erste Freitag im März dieses Jahres, als der DFB-Vorstand in Frankfurt in eisiges Schweigen verfiel. Turbulente Wochen und Monate lagen hinter den Herren des deutschen Fußballs. Über dem Sommermärchen waren schon länger dunkle Wolken aufgezogen. Eine bis heute ungeklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro hatte seit einem knappen halben Jahr den Verdacht genährt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, das große deutsche Identifikationsprojekt, könnte gekauft gewesen sein. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, damals Teil des Bewerbungs- und Organisationskomitees, war schon über die Affäre gestürzt.

Er hatte zunächst auf eigene Faust in eigener Sache ermittelt. Und dann versucht, die Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz für dumm zu verkaufen. Seine Nachfolger versuchten danach eine vom Verband selbst in Auftrag gegebene anwaltliche Untersuchung als große Aufklärungskampagne zu inszenieren. Der Report der Kanzlei Freshfields sollte der Grundstein für den neuen DFB sein: sauber, ehrlich, transparent. Das hat sich der Verband was kosten lassen.

„Rettig, gib mal Ruhe“

An jenem Freitag im März präsentierte Professor Christian Duve von Freshfields dem DFB-Vorstand in einer Vorbesprechung die Ergebnisse, als plötzlich eine Frage aus dem Vorstand auftaucht. „Andreas Rettig erkundigte sich nach Honoraren für Franz Beckenbauer durch den DFB. Prof. Duve erklärte, dass Franz Beckenbauer für die Bewerbungs- und Organisationsphase kein Gehalt bekommen habe“, wird es später im Protokoll heißen. Was nicht im Protokoll vermerkt ist: die Kälte seiner Kollegen, die dem kaufmännischen Geschäftsleiter des FC St. Pauli in diesem Moment entgegenschlägt. „Ich erinnere mich sehr gut. Es hieß dann: ,Rettig, gib mal Ruhe!‘ Unbequeme Fragen stören nur, da ist man schnell persona non grata.“

Rettig hatte an diesem Tag, ob bewusst oder unbewusst, etwas tatsächlich Ungeheuerliches getan: Er hatte am ehernen Gesetz gerüttelt, das sich die deutsche Kickerfamilie seit Generationen auferlegt hat: dem eisernen Schweigen, der Fußball-Omerta. Das Interesse, dass die Reihen geschlossen bleiben, war bei der Sitzung mit Händen zu greifen. „Es gibt keine offene Streitkultur in der Sache. Alles steht unter dem eigenen sportpolitischen Blickwinkel und der Frage: Was bringt mir diese oder jene Entscheidung?“, sagt Rettig über eine Kultur des Wegschauens im DFB. „Weil es in diesen Fällen an Klarheit und Transparenz fehlte, haben wir diese Vertrauenskrise im Fußball. Deswegen glaubt niemand mehr den Funktionären. Deswegen vertraut niemand mehr den Verbänden. Wir haben im Fußball eine Black-Box-Mentalität, wo am Ende nur noch ein kleiner innerer Zirkel weiß, wie die Dinge laufen.“

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Die Chronologie der WM-2006-Affäre

Die meisten der führenden Funktionäre im Deutschen Fußball-Bund kennen sich seit Jahren und Jahrzehnten. Da hilft man sich gegenseitig, immer wieder. Ob es nun um Wahlen auf Kreis-, Landes- oder Bundesebene geht - jeder braucht jeden einmal. Auch bei anderen Dingen. Es ist ein System von Abhängigkeiten entstanden. „Es sind über Jahre gewachsene Strukturen. Da tritt man sich nur ungern gegen das Schienbein. Man braucht sich“, sagt Rettig. Und wer kritische Fragen stellt, so haben es Kritiker immer wieder erlebt, werde in der Fußballfamilie gebrandmarkt. Rettig aber glaubt, sich Kritik leisten zu können. „Ich muss keine sportpolitische Karriere mehr machen.“ Seine Vorstandszeit endet im November auf dem DFB-Bundestag in Erfurt. Im Jahr 2015 hatte Rettig schon seinen Vertrag als Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball Liga aufgelöst und sich zuvor auch mit DFL-Chef Christian Seifert gerieben.

Die Frage, ob Beckenbauer als OK-Chef vom DFB bezahlt wurde, lag für Rettig bei der Sitzung über den Freshfields-Bericht auf der Hand. Er fragte sich, ob das tatsächlich so sei. „Wenn vorher groß und breit erklärt wird, das Sommermärchen wird von Franz Beckenbauer ehrenamtlich organisiert, und wenn man dann sieht, wie viel Zeit Herr Beckenbauer investiert hat, habe ich mir gedacht, ein Dankeschön und das Lob der Nation ist ein bisschen wenig.“ Aber erst in dieser Woche, über ein halbes Jahr nach der DFB-Vorstandssitzung und der veröffentlichten Untersuchung, ist ans Licht gekommen, dass Beckenbauer insgesamt 5,5 Millionen Euro vom staatlichen Wettanbieter Oddset direkt aus dem Topf des WM-Organisationskomitees erhalten hat - einem der offiziellen nationalen Förderer des Sommermärchens und inoffiziellen Förderer des Fußballkaisers.

Wie war das möglich? In einem am Mittwoch veröffentlichen „Faktenpapier“ verweist der in Bedrängnis geratene Verband auf die Untersuchung der Anwaltskanzlei Freshfields, die im Frühjahr ihre Fähigkeiten ganz selbstbewusst formuliert hatte und ihren Arbeitsauftrag weitreichend auslegte. „Wir sind Rechtsanwälte, die gewohnt sind, komplexe Sachverhalte zu ermitteln und zu bewerten. Daher hat uns der DFB damit beauftragt, zu untersuchen, ob es insbesondere im Zusammenhang mit der erwähnten Zahlung in Höhe von Euro 6,7 Mio., aber auch darüber hinaus im Zusammenhang mit der WM 2006 Unregelmäßigkeiten gab.“ Auch darüber hinaus, wohlgemerkt: So stand es in der Einleitung der Untersuchung, in der sich zum Fall Beckenbauer/Oddset jedoch kein einziges Wort findet.

Ans Licht gekommen ist die Tatsache, dass Beckenbauer direkt aus dem Topf des WM-Organisationskomitees bezahlt wurde, erst durch die Prüfungsgesellschaft KPMG, die nach der WM 2006 für den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) die Geldflüsse im Zusammenhang mit den WM-Ausrichtern in Deutschland durchleuchtete. Die angeblichen und vom DFB bezahlten Aufklärer hatten den kompletten Beckenbauer/Oddset-Vorgang in ihrem Bericht unter den Tisch fallen lassen.

Der DFB rechtfertigt sich nun, die der Kanzlei Freshfields in der Sache „Beckenbauer/Oddset“ vorliegenden Verträge hätten in der Sache „Leistung und Gegenleistung“ erkennen lassen und seien deshalb von Freshfields als „unproblematisch im Hinblick auf den Prüfungsauftrag bewertet“ worden. Selbst nachdem Freshfields und der DFB durch Rettigs Frage mit der Nase auf dieses mögliche Problem gestoßen worden waren, bemühten sich weder die Anwälte noch der künftige Präsident Reinhard Grindel um weitere Aufklärung in dieser Sache. Laut Sitzungsprotokoll hatte Duve im März dem DFB-Vorstand schon bestätigt, dass an Beckenbauer „Zahlungen in Höhe von 4,5 Millionen Euro geleistet worden“ seien.

Die peinliche Abweichung von einer Million Euro vom tatsächlich geflossenen Betrag erklärt der DFB in seinem „Faktenpapier“ nun nachträglich damit, „dass die erste Zahlung in Höhe von 1,0 Millionen Euro entsprechend der damaligen Vereinbarung unmittelbar über ein DFB-Konto gezahlt und erst später den Konten des WM-OK belastet wurde“. Aber war das alles wirklich so kompliziert und verschlungen, dass nicht einmal 42 Anwälte die tatsächliche Höhe der Zahlung an Beckenbauer herausbekommen konnten, nachdem sie 740 Aktenordner und 128 000 Mails durchstöbert hatten, wie es in der Einleitung der Untersuchung heißt? War alles so komplex und undurchschaubar, dass diese Anwalts-Armada die Zahlungen an den OK-Chef darüber hinaus nicht weiterverfolgte oder wenigstens öffentlich machte, nachdem Beckenbauer schon im Zentrum der ungeklärten 6,7-Millionen-Zahlung gestanden hatte?

Ein Image von Aufklärern

Der teure Freshfields-Bericht, das macht dieser Fall klar, diente dem DFB vor allem dazu, sich in der Öffentlichkeit das Image von Aufklärern zu geben. Und als Schuldige wurde nur die alte Fußball-Garde identifiziert, aber keiner, der noch ein Amt besaß oder ein neues anstrebte. Der Report war zentraler Teil der Krisenkommunikation der neuen DFB-Führung. Und wenn der Beckenbauer-Deal nicht über andere Kanäle öffentlich geworden wäre, hätte es auch keine Zweifel am Aufklärungswillen des Verbandes und seines neuen Präsidenten Grindel gegeben. Nun nimmt die Kanzlei die Schuld allein auf sich. „Wir haben die aktuelle DFB-Führung auch erst am Montag über die genauen Zahlungsbeträge und -flüsse zwischen dem DFB und Franz Beckenbauer informiert“, heißt es in einer Erklärung. „Daher ließ sich der gesamte Vorgang für die DFB-Spitze erst an diesem Tag vollständig einordnen und bewerten.“ Gegenüber dieser Zeitung wollte sich Grindel zu den Vorgängen nicht äußern.

Zu der angeblich frischen Erkenntnis, dass Beckenbauer 5,5 Millionen von Oddset über den DFB erhielt, sagt Rettig: „Dass dies für Vertreter, die Einblick in die Geschäftsvorgänge haben, eine neue Erkenntnis gewesen sein soll, überrascht.“ Zumal Grindel in der Sitzung anwesend war, in der Duve kurz von den 4,5 Millionen gesprochen hatte. Aber viel mehr wurde darüber ja nicht gesprochen.

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© dpa, reuters

Der gesunde Menschenverstand sagte dem Funktionär aus St. Pauli schon in der Sitzung, dass es doch völlig in Ordnung gewesen wäre, wenn Beckenbauer das Geld als offizielles Gehalt bezogen hätte. „Es war eine gefragte Leistung, warum soll diese nicht zu marktüblichen Konditionen vergütet werden?“, so Rettig. Bei seiner Arbeit als OK-Präsident habe Beckenbauer „jahrelang so viel Freizeit und Lebensqualität geopfert und wirklich anerkannt gute Leistung gebracht. Das Fußballvolk hätte damals doch gerufen: Gebt dem Franz noch eine Million obendrauf! Das wäre überhaupt kein Problem gewesen“, so das DFB-Vorstandsmitglied.

Rettig stellte auf der Vorstandssitzung auch noch eine andere Frage: Was kostet eigentlich die Freshfields-Untersuchung? „Man hatte den Eindruck, dass diese Frage nicht jedem gefallen hatte, aber wenn wir die im Vorstand nicht thematisieren können, wo denn sonst?“ Am Ende zahlte der DFB für das sogenannte Freshfields-Gutachten fünf Millionen Euro - aber von Beckenbauer und Oddset fand sich darin kein Wort.

„Irreführende Passagen“

„Es hat für mich den Anschein einer öffentlichkeitswirksamen Beruhigungspille“, so Rettig über das Gutachten. „Die Bemühungen haben durch irreführende Passagen im Freshfields-Report einen erheblichen Dämpfer erhalten. Hier hätte ich mir in Kenntnis der im Raum stehenden Honorarzahlungen ein präziseres Ergebnis gewünscht. Wenn man sich jetzt darauf zurückzieht, dass gewisse Vorgänge nicht Auftragsgegenstand waren, hätte man dieses beim Auftraggeber hinterlegen und um ein zusätzliches Mandat bitten können. Wenn man wirklich Transparenz will, dann hätte man nur diesen Weg gehen können. Und wenn Freshfields diesen Zusammenhang nicht erkannt hat, dann muss man an der Qualität der Untersuchung zweifeln.“ Von den 7,9 Millionen Euro jedenfalls, die Oddset als nationaler Förderer für die WM zahlte, gingen nur 2,4 Millionen Euro in den WM-Haushalt ein. Der große Rest landete beim Fußballkaiser.

In dem 380-seitigen Freshfields-Bericht steht über die Entlohnung Beckenbauers als ehrenamtlicher OK-Chef nur ein einziger Satz: „Franz Beckenbauer erhielt für die ehrenamtliche Erbringung der Führungs-und Leitungsaufgaben als Präsident des OK WM 2006 keine Vergütung.“

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Der Wille, den Dingen tatsächlich auf den Grund zu gehen, ist nicht bei allen Topfunktionären sonderlich ausgeprägt. In dem Protokoll vom März kommt diese Haltung innerhalb der DFB-Führung deutlich zum Ausdruck. Der Verband habe, so wird einer der einflussreichsten DFB-Funktionäre im Protokoll zitiert, „nunmehr alles unternommen, um die Affäre aufzuklären. Irgendwann endet aber auch die Aufklärungspflicht“. Der Vorwurf, wonach die WM 2006 gekauft gewesen sei, habe sich nicht bestätigt. Dies müsse „deutlich herausgestellt werden“. Das war die Sprachregelung, die mit dem Freshfields-Bericht unters Fußballvolk gebracht werden sollte. Man kann festhalten: Auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Oder, wie DFB-Vorstand Rettig sagt: „Die Fragezeichen werden immer größer.“

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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