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Bilanz nach Karriereende

„Profifußball ist wie eine zweite Welt“

Von Alex Westhoff
 - 14:51
Karriereende als Erleichterung: Jan Rosenthalzur Bildergalerie

Im Sommer haben Sie mit 32 Jahren ihre Fußballkarriere beendet. Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Jan Rosenthal vermisst am Profifußball am meisten….

Ganz ehrlich: Ich vermisse nichts. Ich baue immer mehr Distanz auf, was ich an vielen Kleinigkeiten merke. Wir haben uns mit viel Eigeninitiative ein Haus in der norddeutschen Heimat meiner Frau und mir hergerichtet und den herrlichen Sommer mit Kind und Kegel an den Badeseen hier verbracht. Es ist vorbei mit dem Druck, ständig funktionieren zu müssen, dem Wechsel von Stadt und Umfeld alle zwei, drei Jahre. Von Hannover nach Freiburg, dann nach Frankfurt und Darmstadt.

Aber Sie verfolgen noch den Betrieb, dessen Teil sie zwölf Jahre lang waren?

Ich schaue mir die Ergebnisse an und habe mich am zweiten Spieltag mit meinem einstigen Freiburg- und Eintracht-Mitspieler Johannes Flum zum Spiel St. Pauli gegen Darmstadt verabredet. Das wars dann aber auch. Ich habe auch bis weit in den September hinein außer ein bisschen Beachvolleyball keinen Sport mehr gemacht, weil ich keinen Bock mehr drauf hatte, nachdem ich zehn Jahre lang selbst in jeder Urlaubswoche gezwungen war, laufen zu gehen. Auch mein Sky-Abo habe ich gekündigt, weil ich am Wochenende nachmittags lieber etwas mit der Familie unternehme, als mir Fußball reinzuziehen. Und wenn ich mal was angeschaut habe, dachte ich nur: Puh, immer dieselben Sätze, dieselben Analysen und Interviews.

Waren Sie überrascht, wie schnell Sie Abstand gewinnen konnten?

Nein, zu vielen Mechanismen des Spiels bin ich schon während meiner Karriere immer mehr auf Abstand gegangen. Für viele Fußballer ist der Moment des Karriereendes ein Horror, ich fühlte mich dagegen regelrecht erleichtert.

Warum?

Ich habe bemerkt, dass ich mich mit vielen Dingen immer weniger identifizieren konnte und sich auch meine Prioritäten verschoben haben seit der Geburt meiner Tochter. Ich habe meine Abfahrt zu Training und Spielen immer weiter hinausgezögert, weil mir jede Minute mit der Familie wichtig war. Dabei sind wir Fußballprofis ja schon weitaus mehr daheim präsent als andere Väter, die von früh bis spät arbeiten und bei ihren Kindern viel verpassen. Mir ist auch darüber hinaus bewusst, dass ich sehr vom Fußballgeschäft profitiert habe.

Fußball wird auch im Profibetrieb häufig mit dem Begriff Spaß verbunden…

….der ist mir über die Jahre mal mehr mal weniger stark abhandengekommen. Im Spätsommer hat es aber dennoch wieder etwas gejuckt. Ich habe angefangen ab und an bei der Regionalligamannschaft des VfB Oldenburg mit zu trainieren. Es gilt meinen Körper ja auch abzutrainieren. Mal gehe ich zwei Mal die Woche hin und dann auch mal drei Wochen gar nicht. Auf dem Platz war es zunächst so wie immer, es funktionierte alles noch. Das macht dann mega viel Spaß. Die Jungs sind cool drauf und fragen mich viel. Ich freue mich, da auch helfen zu können mit meinen Rückmeldungen.

Also ist ein Comeback auf kleinerer Flamme nicht ausgeschlossen?

Dann müsste ich vier Mal die Woche ins Training und am Wochenende durch Norddeutschland tingeln. Das ist nicht gerade Sinn des Aufhörens und das würde meine Frau auch zurecht nicht mehr mitmachen. Sie hat jetzt während meiner Karriere vieles hintenangestellt. Sie wird demnächst beruflich wieder einsteigen und ich kümmere mich um die Kinder. Aber auf Sicht könnte ich mich mit meinem Erfahrungsschatz beim VfB Oldenburg schon einbringen. Beispielsweise in der Nachwuchsarbeit oder als Assistenztrainer. Beim SC Freiburg – ebenfalls ein Verein, wo inmitten finanzkräftigerer Konkurrenz alles passen muss, um eine Chance zu haben - habe ich vieles gelernt, was gewissermaßen auch in Oldenburg gilt.

Das heißt, Sie kommen doch nicht so recht los vom Fußball?

Ich habe mein erstes Berufsleben komplett ausgelebt und ausgereizt. Eine Rückkehr in den Fußball könnte ich mir nur bei einer Tätigkeit in Verbindung mit einem sozialpädagogischen Projekt, mit Nachwuchsarbeit, Schule oder Coaching vorstellen. Aber bloß kein Beratergeschäft. Nach ganz oben will ich nicht mehr. Davon bin ich zu sehr entfremdet. Das ist wie eine zweite Welt.

Inwiefern?

Außerhalb dieses abgeschlossenen Universums merkt man erst, um was für Bonusluxusprobleme es dort geht. Wie irrelevant die meisten Dinge doch sind, zum Beispiel der Druck, den man sich ständig macht. Als ich noch dabei gewesen bin, war es beispielweise auch für mich das größte Problem, nicht zu spielen. Ich habe mich als Rädchen in der Maschine immer dem Trainer und dem Verein gegenüber in der Pflicht gesehen, weil man so viel Geld verdient damit. Auf der anderen Seite erfährt man eine Beweihräucherung durch die Öffentlichkeit, fühlt sich dadurch wichtig. Spieler, die aus dieser Zweitwelt herauskommen, erwartet so einiges.

Was hat Sie im „normalen“ Leben überrascht?

Es gilt, sich allein schon finanziell neu aufzustellen. Ich habe zehn Jahre im Profifußball gut verdient. Nun heißt es, den Lebensstandard anzupassen an den neuen Lebensabschnitt. Es gibt so viel Papierkram zu erledigen, den jahrelang andere für einen erledigt haben. Allein schon meine Versicherungen zu sortieren, hat sehr viel Zeit verschlungen. Man denkt die ganze Zeit, dass man einen Versicherungsmakler hat, der das Beste für einen will. Und dann stellt man fest, dass dem nicht so ist. Ich habe beispielsweise gemerkt, dass ich locker 2000 Euro im Jahr weniger für Versicherungen hätten zahlen können. So lange mit Fußballprofis Geld verdient werden kann, stehen die vermeintlichen Helfer Schlange. Aber niemand bereitet dich darauf vor, wie es nach der Karriere zu sein hat. Dass bei so manchem Fußball-Großverdiener das Geld nach zehn Jahren weg ist, verwundert mich nicht mehr.

Nun waren Sie ja zeit Ihrer Karriere ein Profi, der über den Tellerrand geschaut und Dinge hinterfragt hat. Auch Sie waren vor dem harten Aufprall in der Realität nicht gefeit?

Das ist das Interessante: Es hilft dir trotzdem nicht. Ich habe mich immer zwischendurch hingesetzt und ganze Bürotage gemacht und mich akribisch beispielsweise mit der Hausverwaltung meiner Immobilien beschäftigt. Dennoch hatte ich immer Vertrauen, dass die Beauftragten es in meinem Sinne regeln werden. Jetzt ist es so: Der Typ, der mir jahrelang als freundlicher Helfer und Vermittler zur Seite stand, geht seit meinem Karriereende nicht mehr an sein Handy.

Auch auf die Gefahr ein Klischee zu bedienen: Fußballprofis sind während ihrer Karrieren leicht auszunehmen, nach Ende der Laufbahn sind sie für viele wertlos?

Ja, für die angesprochene Entourage absolut. So lange Du als Profi im Rampenlicht stehst, wirst du hofiert, weil du ja auch zum Beispiel hin und wieder gute Tickets für die Spiele besorgen kannst – danach nicht mehr. Schlicht nach dem Motto: Danke, und tschüss. Wobei man von den richtigen Fans auch im Anschluss Wertschätzung erfährt, was einem ein gutes Gefühl gibt.

Wann oder beziehungsweise bei welcher Station hat Ihr Entfremden vom Profifußball begonnen?

Ich habe mich eigentlich nur in Freiburg hundertprozentig mit der gemeinsamen Sache identifizieren können. Dort hat es für mich richtig Sinn gemacht, alles der Idee von Fußball und der gelebten Gemeinschaft unterzuordnen. Das möchte ich aber den folgenden Stationen bei der Eintracht und den „Lilien“ gar nicht vorwerfen, denn jeder Verein ist anders. Und jeder private Lebensabschnitt ist anders. Dass ich die Freude am Fußball und die Lust, alles und jederzeit dafür zu investieren, verloren habe, war ein schleichender Prozess. In Darmstadt unter Dirk Schuster waren die gängigen Trainingsumfänge hoch und die Spielweise extrem fordernd - man musste läuferisch und körperlich mehr leisten als anderswo.

Was Sie als verletzungsanfälliger Profi nicht vertragen haben?

Ja, genau. Nach den ersten Erfolgen hat das für mich mit einer Achillessehnen-OP und einem Scherbenhaufen geendet. Ich bin dann neu aufgebaut worden, um mit einer hoffnungslos unterlegenen Mannschaft in die zweite Liga abzusteigen – und wieder mit einer Knie-OP dazustehen. Unter Trainer Frings habe ich wieder alles investiert – und wir spielen sogar in der zweiten Liga gegen den Abstieg. Als dann der Trainer zurückkehrte, in dessen Spielweise ich mich nicht wirklich wiedergefunden habe, ist das ein weiterer Aspekt für die Richtung: Früher oder später macht es so keinen Sinn mehr.

Warum hatten Sie mit 32 nicht mehr die Lust und das Feuer, anderswo ein vielleicht letztes Engagement anzunehmen und die Karriere positiver zu beenden, als auf einem Darmstädter Tribünenplatz?

Ich habe mich für die Bundesliga nicht mehr interessant machen können. Und in der zweiten Liga nochmal den Verein zu wechseln, mit Frau und Kind nochmal die Stadt zu wechseln – das kam für mich nicht in Frage. Irgendwo in der zweiten Liga um den Klassenverbleib zu kämpfen, da wäre der Spaß an der Sache für mich nicht mehr zurückgekehrt.

Sie sagen das ohne Bitterkeit.

Ja. Ich hatte meine Rolle in Darmstadt zuletzt akzeptiert, weil ich mich körperlich nicht mehr ausreichend einbringen konnte. Wie schnell sich durch eine Verletzung alles ändert, alles hinfällig wird, ist schon krass in diesem Geschäft. Es wird gerne von der Schnelllebigkeit des Fußballs gesprochen. Das ist wirklich so: Man gewinnt fünf Spiele und alles ist super. Man verliert fünf Spiele und alles, was vorher gut war, ist plötzlich Scheiße und wird komplett hinterfragt. Das ist nicht mehr das, was ich brauche.

Nun haben sich mit Ihnen und Dirk Schuster vermutlich zufällig zwei Antipoden des Fußballs unter einem Vereinsdach getroffen, oder?

Dirk Schuster hat in Darmstadt sehr viel bewegt - so ein Erfolg wie der Durchmarsch von der dritten Liga in die Bundesliga samt Klassenerhalt verdient großen Respekt. Und in Sachen Disziplin oder hundertprozentige Einsatz-Bereitschaft fürs Team waren wir durchaus gemeinsamer Auffassung.

Woran hat es gehapert?

Ich habe in meiner Karriere unter mindestens zwölf verschiedenen Trainern gespielt und funktioniert. Ich war flexibel, habe versucht, mich den Ideen aller meiner Trainer anzupassen. Das war mal mehr und mal weniger aufwändig – und nicht immer zu schaffen. Bei der Eintracht unter Armin Veh war es für mich nach anfänglichen Erfolgen irgendwann nicht mehr zu schaffen. Ich bin dann leihweise von Frankfurt nach Darmstadt gewechselt und habe mich wieder versucht zu ändern. Natürlich war ich auch motiviert, mich über die Leistungen bei den „Lilien“ für andere Erstligaklubs interessant zu machen. So wie es Spieler wie Wagner, Rausch oder Mathenia auch erreicht haben. Mir hat vor allem eine Verletzung diese Chance geraubt. Dann wiederholt so viel Kraft aufzuwenden und sich anzupassen an etwas, von dem man nicht überzeugt ist, war mir irgendwann nicht mehr möglich. Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um meine subjektive Auffassung von Fußball.

Ihre Spielweise und ihre Körpersprache passten nicht wirklich zu dem, was in Darmstadt en vogue ist.

Diese spezielle Spielweise ist so wie sie ist und hat die „Lilien“ dahin gebracht, wo sie stehen. Aber ich war halt kein Spieler, der sich bei jedem Zweikampf auf den Boden geschmissen hat. Den Ball ins Aus zu hauen, wird in Darmstadt mitunter mehr gefeiert als ein tödlicher Pass oder ein Dribbling durch drei Leute hindurch. Ich habe durchaus bewiesen, auch dieser Spielweise gerecht werden zu können – aber vor allem nach den Verletzungen konnte und am Ende wollte ich es aber nicht mehr.

Waren Sie mit ihrer Art, die Dinge zu durchdenken und durchdringen, in ihrer Karriere häufig isoliert in der Kabine?

Ich habe immer viele Dinge gesehen, aber nicht zwangsläufig angesprochen. Es gibt in jeder Mannschaft Platzhirsche, die gegen jede Veränderung Stimmung machen, um ihre Pfründe zu verteidigen. Und die, wenn es Veränderungen gibt, keinen adäquaten Umgang damit finden. Man kann, ja sollte öffentlich nicht sagen, was man denkt.

Warum nicht?

Weil man dann ein Problem für den Trainer und den Verein darstellt und selbst drunter leiden wird. Es wird von Vereinsseite immer eine klare, einheitliche Linie vorgegeben. Darmstadts damaliger Pressesprecher Tom Lucka, mit dem ich als einer der wenigen aus dem Fußballbereich noch befreundet bin, hat mich mehrmals vor mir selbst gerettet. Es gibt natürlich einige Leute wie ihn, denen man vertrauen kann und denen es um die Sache an sich geht. Aber generell darf man sich nicht täuschen: In Vereinen und in Mannschaften ist sich wie in der Geschäftswelt auch jeder selbst der Nächste. Jeder macht seinen Job und schaut, dass er gut dabei wegkommt.

Mal ist es nur ein Verdacht, mal Gewissheit: Können oder wollen sich Profis mit ihren Vereinen identifizieren oder geht es im Kern nur um den nächsten, größeren Vertrag?

Es gibt Negativbeispiele, ganz klar. Aber im Großen und Ganzen ist die Diskrepanz zwischen dem, was öffentlich gesagt wird und was intern gesprochen wird, nicht so enorm. Es ist doch in einer Firma genauso: Wirst du wertgeschätzt als Typ und dafür, was du beiträgst, ist es leichter, sich mit seinem Arbeitgeber zu identifizieren. Aber klar ist auch: Spielt einer ein paar Wochen nicht mehr, kommen keine Instagram-Posts mehr mit der Botschaft ‚ich liebe diesen Klub‘.

Quelle: FAZ.NET
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