Überdrehter Fußball

Die Superhelden

EIN KOMMENTAR Von Peter Penders
20.04.2021
, 20:00
Trotz aller Krisen und Skandale hält sich der Fußball für unkaputtbar. Doch die Super League als neuester Dreh toppt alles und plötzlich sind die Rollen zwischen gut und böse neu verteilt.

Ein Glaube hat sich im Fußball fest verankert: Dieser Sport ist zu populär, als dass er dauerhaft Schaden nehmen könnte, er übersteht alle Krisen, mag auch die halbe Führungsspitze von internationalen Verbänden der Korruption überführt werden und noch vor dem Tagungshotel verhaftet werden. Mögen Spiele verschoben oder massiver Wettbetrug aufgedeckt werden, Fans mit Treueschwüren veralbert, die Spieltage zersplittert und auf möglichst viele verschiedene Sender aufgeteilt werden, damit genug Geld reinkommt. Egal welcher Skandal auch immer, und es gibt ja jede Menge – der Fußball ist unkaputtbar, der Zuschauer verzeiht alles und zahlt, mag er noch so viele Abonnements benötigen und sich an noch so viele verschiedene Anstoßzeiten gewöhnen.

Irgendwann aber ist jede Schraube überdreht, selbst wenn man glaubt, so weit würde es nie kommen. Eine interessante Vorstufe ist nun erreicht – plötzlich weiß man nicht mehr, wo Gut und wo Böse ist. Die Europäische Fußball-Union, gängiger unter der Abkürzung Uefa bekannt, rangierte im Beliebtheitsgrad nach mehr als einem Jahr Pandemie gerade noch hinter Politikern, auch weil sie zuletzt ungeniert Zuschauer für ihre Europameisterschaft einforderte, als gäbe es dieses Virus überhaupt nicht – und die bei ihrer aktuellen Runde der Champions League die Vereine schon mal dort spielen lässt, wo ansonsten derzeit niemand freiwillig hinmöchte.

Dass da Geld die einzige Rolle spielt und nicht das Herz für den Fan, der in dieser schweren Zeit doch wenigstens ein bisschen Fußball sehen soll, ist keine gewagte These. Nun aber, da zwölf Klubs aus England, Italien und Spanien die Super League als Konkurrenz zur Champions League gründen wollen, ist alles anders. Die gerade beschlossene Reform der aktuellen Königsklasse galt schon als verachtenswerter vorläufiger Höhepunkt der Kommerzialisierung des Fußballs, aber plötzlich sind die Rollen neu verteilt. Die Super League toppt das noch einmal mühelos, der Bösewicht Uefa hat nun den Helden-Part übernommen. Für manche seien „Fans nur noch Konsumenten“ und „Dividende wichtiger als Leidenschaft“, sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin, und man bekommt die Tränen der Rührung in die Augen, wenn man solche Sätze liest.

Die sind noch gar nicht getrocknet, da meldet sich schon der nächste Kandidat für den Mutter-Teresa-Orden. Denn natürlich ist auch der Internationale Fußballverband, ziemlich verrufen unter seiner Abkürzung Fifa wegen diverser Verfehlungen in den vergangenen Jahrzehnten, gegen diesen Alleingang der Klubs, weil das aus Prinzip schon nicht sein könne. Dass sich Arsenal London als aktueller Tabellenneunter der englischen Premier League zu den europäischen Topklubs zählt, lappt ja schon in die Satire, ist aber nichts gegen den Satz von Fifa-Präsident Gianni Infantino: „Die Fifa ist eine Organisation, die auf den wahren Werten des Sports aufgebaut ist.“ Es schaudert einen, und da kann auch Florentino Pérez, der Präsident von Real Madrid, nicht mithalten: „Alles, was ich tue, ist zum Wohl des Fußballs.“ Es ist alles absurd, und der neue Heiligenschein von Karl-Heinz Rummenigge zählt auch dazu.

Quelle: F.A.Z.
Peter Penders - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Penders
Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.
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