Libyens Fußball-Nationalteam

Von den alten Fesseln befreit

Von Christoph Ehrhardt
23.01.2012
, 14:54
Historisches Mannschaftsfoto: „Wir werden niemals wieder die alten Fesseln angelegt bekommen“
In Libyen ist die Fußballbegeisterung gewaltig. Dass sich die Nationalmannschaft - während in der Heimat der Krieg tobte - für die Afrikameisterschaft qualifizieren konnte, ist eine der Heldengeschichten der Revolution.
ANZEIGE

Die ersten Schritte in die neue Zeit sind mühsam. Aber wenigstens sind die Funktionäre des libyschen Fußballverbandes ihre Geldsorgen los. Alltägliche Vorgänge des Fußballgeschäfts, Flüge ins Trainingslager und zu den Turnieren zu buchen, Trainergehälter und Spielerprämien auszuzahlen, hatten sie vor große Probleme gestellt. Die Barmittel waren knapp kurz nach dem Bürgerkrieg, der das Land für Monate erschüttert hat. Auch der finanziell eigentlich ordentlich ausgestattete Fußballverband, dessen Konten während des Aufstands gegen den Diktator Muammar al Gaddafi im Zuge der Sanktionen der Vereinten Nationen eingefroren waren, war nicht flüssig. „Alle Konten sind wieder frei und verfügbar, alle Außenstände wurden beglichen“, sagt jetzt Antoine Hey, ein ehemaliger Bundesligaprofi, der unter anderem bei Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 spielte und seit Sommer 2010 Technischer Direktor des libyschen Fußballverbandes ist. Er ist zufrieden, dass das größte Problem der vergangenen Wochen gelöst ist.

Das Geld für die Reise der Nationalmannschaft zu den „Arab Games“ in Doha Anfang Dezember hing noch an der Genehmigung des neuen Finanzministers in Tripolis. Nur zwei, drei Wochen war die Mannschaft im Trainingslager in Dubai zusammen, verlor in Doha gegen Sudan, erreichte in den anderen beiden Spielen nur Unentschieden und schied schon in der Gruppenphase des Turniers aus. Beim Afrika-Cup sollte es besser laufen, auch dank verbesserter Vorbereitung. Doch das Auftaktspiel gegen Gastgeber Äquatorialguinea verloren die Libyer am Samstag durch ein spätes Tor von Javier Balboa mit 0:1.

Die Fußballbegeisterung in Libyen dürfte weder diese Niederlage, noch das Abschneiden bei den „Arab Games“ schmälern. Die Liebe zu dem Sport sei wenigstens etwas Gutes, was man von den italienischen Kolonialherren mitbekommen habe, heißt es halb im Scherz. Im Fastenmonat Ramadan werden stets Straßenturniere ausgerichtet, der Chef der neuen Führung, Mustafa Abd al Dschalil, gilt als begeisterter und talentierter Fußballer. Schon in den Jahren vor dem Aufstand war die Jugend eher an der Transferpolitik von Real Madrid interessiert als an den neuen Projekten Gaddafis. In mancher Küstenstadt konnten die Bewohner in den Zeiten vor Satellitensendern und Internet italienisches Fernsehen empfangen und verfolgten so die Spiele der Serie A.

Neue Flagge, neues Selbstbewusstsein: Libyens Fußballnationalmannschaft vor dem Auftaktspiel des Africa-Cups
Neue Flagge, neues Selbstbewusstsein: Libyens Fußballnationalmannschaft vor dem Auftaktspiel des Africa-Cups Bild: dpa

Und dass sich die libysche Nationalmannschaft in diesem Jahr - während in der Heimat der Krieg tobte - für die Afrikameisterschaft qualifizieren konnte, ist eine der Heldengeschichten der libyschen Revolution. Sie hatte Ende Juni dem alten Regime den Rücken gekehrt und sich nach Tunesien abgesetzt. Im September schlug die Elf in einem nach Kairo ausgelagerten Heimspiel, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen wurde, Moçambique 1:0. Im Oktober war es nach einem 0:0 gegen Sambia geschafft.

ANZEIGE

Trikots wurden rechtzeitig fertig

„Das ist für alle Libyer, für unsere Revolution“, sagte Torhüter und Kapitän Samir Aboud, der ein Turm in der Abwehrschlacht war, nach dem Spiel. Was in Libyen passiert sei, das Leid, das die Libyer erlitten hätten, die Opfer, welche sie hätten bringen müssen, das habe die Mannschaft angespornt, die Sensation zu schaffen, wird er später im Dubaier Trainingslager sagen. Das erste Mal hatten sie in den neuen Nationaltrikots mit dem grün-schwarz-roten Wappen gespielt, die gerade noch rechtzeitig fertig geworden waren. Die Spieler hatten die neue Nationalhymne gesungen: „Wir werden niemals wieder die alten Fesseln angelegt bekommen, wir wurden befreit, und wir haben unser Heimatland befreit: Libyen, Libyen, Libyen!“ Sie hatten ganz ohne Angst gespielt.

Nationaltrainer Marcos Paqueta führte die Mannschaft weiter, auch als ihm kein Gehalt mehr überwiesen wurde
Nationaltrainer Marcos Paqueta führte die Mannschaft weiter, auch als ihm kein Gehalt mehr überwiesen wurde Bild: AFP

Monatelang hatten die Spieler nicht gemeinsam trainieren können. Der brasilianische Nationaltrainer Marcos Paqueta führte die Mannschaft weiter, obwohl ihm schon für Monate kein Gehalt mehr überwiesen wurde. Antoine Hey spricht von „mitunter abenteuerlichen Umständen“, unter denen eine Sensation geglückt sei, und das ist wohl noch eine Untertreibung. Er selbst hatte in der Hauptstadt ausgeharrt, als diese schon von Nato-Kampfflugzeugen bombardiert wurde. Ein Assistenztrainer suchte Ende August im Chaos von Tripolis nach Spielern.

ANZEIGE

Der Großteil der Mannschaft, die die beiden letzten Qualifikationsspiele bestritt, kam allerdings aus der schon lange zuvor befreiten ostlibyschen Rebellenhochburg Benghasi. Andere kämpften an der Front. Ein Mittelfeldspieler berichtete im Dubaier Trainingslager, er sei im April aus Tunesien wieder in die Heimat gefahren, um sich dem Kampf gegen das Gaddafi-Regime anzuschließen. Die Rebellenkämpfer seien sehr besorgt um ihn gewesen, sagte er. „Wenn es nicht genügend schusssichere Westen gab, haben andere Kämpfer ihre ausgezogen und mir gegeben.“ Ein Mannschaftskamerad aus der Verteidigung soll ebenfalls an der Front gekämpft haben und durch ein Geschoss am Arm verwundet worden sein.

ANZEIGE

„Die Leute sollten jetzt nach vorne schauen“

Doch mit den alten Kriegsgeschichten, findet Hey, sollten sich jetzt eher die Geschichtsschreiber befassen. „Die Leute sollten jetzt nach vorne schauen“, sagt er. Schließlich gilt es, auch einen neuen Fußballverband in Libyen aufzubauen. Die Stadien in der Hauptstadt Tripolis sind beschädigt, in anderen Städten gibt es gar keine Infrastruktur. Nach den Jahrzehnten der Gaddafi-Diktatur, in denen der Despot oder seine Erfüllungsgehilfen alle Entscheidungen fällten, müssen auch Sportfunktionäre lernen, mit der neuen Freiheit umzugehen. Hey weiß, dass das nicht von heute auf morgen geht.

„Wir wurden befreit, und wir haben unser Heimatland befreit“
„Wir wurden befreit, und wir haben unser Heimatland befreit“ Bild: dpa

Auch in den Verbänden, in den Provinzen, gebe es zwar schon Strukturen, sagt er. Aber derzeit seien die Leute eher damit beschäftigt, sich gute und lukrative Posten zu sichern, als „das große Ganze“ zu sehen. „Es gibt leichtere Jobs“, sagt Hey. Der Deutsche Fußball-Bund will helfen, die Aufbauarbeit zu erleichtern, im Rahmen eines Partnerschaftsabkommen mit dem libyschen Verband, das Anfang 2012 präsentiert werden soll. Die Libyer hoffen etwa auf Unterstützung in der Jugendarbeit, im Aufbau des Frauen- und Mädchenfußballs oder der Trainerausbildung.

ANZEIGE

Fußball soll Wunden heilen

Gaddafi hatte ein gespaltenes Verhältnis zum Fußball. Er misstraute der Begeisterung der Fans für die Spieler. Es sollte keine anderen Helden außer dem Revolutionsführer und seinem Clan geben. „Die Tausende, die die Stadien füllen, um zu schauen, zu applaudieren und zu lachen, sind dumme Menschen, da sie diese Aktivität nicht selbst ausüben“, heißt es in seinem Grünen Buch. Sportkommentatoren nannten nicht die Namen der Spieler, nur die Rückennummern. Und doch nutzte der Despot Fußballspiele als Bühne für seine ausschweifenden Ansprachen und für politische Botschaften.

Sein Sohn Saadi beherrschte seit dem Ende der neunziger Jahre von seines Vaters Gnaden den libyschen Verband, die libyschen Vereine, in denen er spielte, die Liga und die Nationalmannschaft. In Italien ging er bei einem Gastspiel unter, aber in Libyen hatte er auf dem Feld meist freie Bahn, seine Mannschaften bekamen aberwitzige Elfmeter zugesprochen, der Nationaltrainer Francesco Scoglio aus Italien wurde entlassen, nachdem er den Diktatorensohn auf die Bank gesetzt hatte.

WM 2014 in Brasilien als Ziel

Als im Jahr 2000 aufgebrachte Fans des chronisch benachteiligten Klubs Al Ahly Benghasi ihre Wut aus dem Stadion auf die Straße trugen, gegen das Regime protestierten und sogar einem Esel das Trikot mit der Nummer Saadis überzogen, startete das Regime einen Vernichtungsfeldzug gegen den Verein. Dutzende - ob Fans oder Funktionäre - wurden in die Gefängnisse und Folterkeller verschleppt.

Libyens Younes Shibani (r.) gegen Thierry Fidjeu (Äquatorialguinea): Treffen auf Augenhöhe
Libyens Younes Shibani (r.) gegen Thierry Fidjeu (Äquatorialguinea): Treffen auf Augenhöhe Bild: dpa

Jetzt, da Gaddafi tot und sein Sohn Saadi im Exil in Niger ist, soll auch im libyschen Fußball wieder Gerechtigkeit herrschen. Nationalmannschaftskapitän Samir Aboud und seine Kollegen vermissen den alten Spielführer nicht. „Das Regime war einer der Hauptgründe für den Niedergang des libyschen Fußballs“, sagt der Torwart. Das neue Libyen soll erfolgreich sein, die WM 2014 in Brasilien ist das sehr ehrgeizige Ziel. Und auch über die sportlichen Ziele hinaus wird Großes vom libyschen Fußball erwartet. Politiker in Tripolis, Aktivisten der Demokratiebewegung und auch der Technische Direktor des Verbandes hoffen auf seine verbindende Kraft, die helfen solle, die Risse in dem Land zu kitten und seine Wunden zu heilen. Neue libysche Fußballwunder können zumindest helfen, sie für eine Zeit zu vergessen.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Fahrradhelm
Fahrradhelme im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Spanischkurs
Lernen Sie Spanisch
Sportwagen
Finden Sie Ihren Sportwagen
Ergometer
Ergometer im Test
ANZEIGE